weather-image
16°

Sie fordern Missbrauchsbeauftragten

„Kinder von Lügde“: Hamelner Gruppe vor dem Landtag

Kinderschuhe auf dem Pflaster, Transparente, der Rest ist Schweigen. Nicht ohne Anlass: „Schweigen für die Kinder von Lügde“, ist zu lesen. Mittwochs ab 17 Uhr steht die Gruppe am Hochzeitshaus. Und wirft Fragen auf – die zentralen: Wer? Warum? Warum in dieser Form? Am Mittwoch wird sie auch vor dem Landtag aktiv.

veröffentlicht am 14.05.2019 um 10:48 Uhr
aktualisiert am 14.05.2019 um 20:40 Uhr

Kinderschuhe sollen die Zahl der Opfer des Kindesmissbrauchs anschaulich machen. Jeden Mittwochnachmittag findet die Mahnwache am Hochzeitshaus statt. Foto: Dana
Frank Henke

Autor

Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

HAMELN. „Wir sind einfach ein Freundeskreis, der sich auch sonst trifft, nicht nur zum Feiern“, liefert Andreas Tolksdorf am heimischen Esstisch eine Antwort. „Wir wollten die Taten nicht nur bedauern, sondern aktiv werden“, sagt der 57-Jährige.

Um welche Taten es geht, bedarf bei den Stichworten „Kinder“ und „Lügde“ keiner Erklärung mehr. Es geht um den massenhaften Kindesmissbrauch auf dem Campingplatz in Elbrinxen. In Sachen Kinderschutz war die sechsköpfige Gruppe am Tisch zuvor nicht aktiv. Eltern oder schon Großeltern sind sie jedoch alle, auch zwei Lehrerinnen sitzen am Tisch. Ulrike Lüthgen-Frieß (58) unterrichtet an der Theodor-Heuss-Realschule, Agnes Wulff (60) war Grundschulleiterin in Groß Berkel.

„Viele Menschen waren betroffen, aber es gab keinen Ort, wo man mit seiner Betroffenheit hingehen konnte“, sagt Ina Tolksdorf (50). Rund 30 Mitschweiger kommen nun zu den regelmäßigen Treffen.

Aber warum schweigen? Ist nicht gerade das Schweigen zentrales Problem beim Thema Kindesmissbrauch? Wäre es nicht naheliegender, fragt nun mancher, zu trommeln, zu schreien? Ina Tolksdorfs Antwort ist simpel: „Wenn die Leute das meinen, sollen die Leute das tun.“ Auch durch Schweigen lasse sich einiges ausdrücken: „So wie Kinder keine Worte für das Geschehene haben“, sagt Andreas Tolksdorf. Es schaffe Aufmerksamkeit und das Schwiegen sei „nicht aggressiv“, wie Julienne Wismeier (79) findet, die gemeinsam mit ihrem Ehemann John (81) in der Gruppe aktiv ist. Über das Schweigen kämen am Hochzeitshaus viele Gespräche in Gang.

Und die Kinderschuhe? Sie sollen die große Zahl missbrauchter Kinder anschaulich machen. 51 Paare stellt die Gruppe bei ihren wöchentlichen Mahnwachen und nun auch in Hannover auf. Angesichts der zum Teil noch nicht identifizierten Opfer eine ungefähre Zahl.

Vorwürfe, Anschuldigungen, politische Forderungen sind eigentlich nicht die Sache der Gruppe. Es gehe darum, einen „Ort der Trauer“ zu bieten. Von landes- oder lokalpolitischen Lagerkämpfen rund um das Thema halten sie nichts. Es geht ihnen um die Kinder.

Aber am heutigen Mittwoch wird sich die Gruppe vor dem Landtag in Hannover postieren. Auch mit konkreten Forderungen: Eine unabhängige „Kommission Kinderschutz“ müsse her, um Schwachstellen in Landkreisen und Kommunen zu finden. Zudem solle auf Landesebene ein „unabhängiger Missbrauchsbeauftragter“ eingesetzt werden, ähnlich dem bereits existierenden Beauftragten der Bundesregierung. Abgeordnete und auch Minister hätten zugesagt, vorbeizuschauen.

Deutlich distanziert sich die Gruppe dabei vom rechtsradikalen Blick auf die Verbrechen in Lügde, von Aufklebern, welche die „Todesstrafe für Kinderschänder“ fordern, beispielsweise. „Nein zu Rechtsextremismus“ heißt es auf ihrer Internetseite kinder-von-luegde.de: „Wir lehnen jedes Gedankengut und Handeln ab, das sich gegen ein menschenwürdiges, tolerantes, der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und den rechtsstaatlichen Grundsätzen entsprechendes Miteinander richtet“, steht dort.

Ein durchaus heikles Thema, wie sich am Wochenende in Aerzen zeigte. Dort hatten Nachahmer zu einer ähnlichen Mahnwache an der Kirche eingeladen. Pastor Christof Vetter distanzierte sich am vergangenen Sonntag im Gottesdienst deutlich von besagten „inakzeptablen“ Aufklebern auf Autos „mehrerer“ Teilnehmer. „Kein Mensch, kein Gericht und kein Staat dieser Welt hat das Recht, einem Menschen das Leben zu nehmen“, wird der Pastor nun auf der Facebook-Seite der Gemeinde zitiert.


Termin: Die Gruppe „Kinder von Lügde“ steht heute von 12 bis 15 Uhr vor dem niedersächsischen Landtag in Hannover (Hannah-Arendt-Platz 1). Anschließend veranstaltet sie – wie jeden Mittwoch – von 17 bis 17.30 Uhr eine Mahnwache neben der Hamelner Hochzeitshausterrasse.

Stichwort „Tour41“

Begleiten wird die Hamelner Gruppe heute Markus Diegmann mit seinem Infomobil. Selbst ein Opfer von Kindesmissbrauch, sammelt dieser auf seiner „Tour41“ durch Deutschland Unterschriften für eine Aufhebung der Verjährungsfrist bei Missbrauch an Kindern. Diese liegt bei zehn Jahren. Diegmanns Ziel: eine Million Unterzeichner. Knapp ein Viertel hat er bisher erreicht. Die Zahl 41 stehe für die durchschnittlich angezeigten Fälle von Kindesmissbrauch pro Tag in Deutschland.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?