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Ärzteverein glaubt: Mediziner gehen gewissenhaft mit Antibiotika um / Manchmal drängen die Eltern

„Kinder sind keine kleinen Erwachsenen“

Hameln-Pyrmont (ni). Mehr als die Hälfte aller Vorschulkinder im Landkreis hat im Jahr 2010 ein Antibiotikum erhalten. Das geht aus einer jetzt veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung hervor. Damit zeigen sich die Ärzte in Hameln-Pyrmont bei der Verschreibung zwar zurückhaltender als ihre Kollegen in Thüringen oder im Saarland, übertreffen aber bei Weitem die aus Schleswig-Holstein oder Bayern. Woher die großen regionalen Unterschiede rühren, können sich auch Hamelner Ärzte nicht erklären.

veröffentlicht am 20.02.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 07.11.2016 um 00:21 Uhr

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Die Ergebnisse der Studie sind eindeutig, aber mit der Interpretation der Zahlen tun sich selbst die Autoren schwer. Warum verschreiben Ärzte in Sachsen-Anhalt kleinen Kindern mehr Antibiotika als ihre Kollegen aus Süddeutschland? Warum sind Allgemeinmediziner mit der Verordnung solcher Medikamente bei ihren kleinen Patienten offensichtlich schneller bei der Hand als Kinderärzte? Warum fahren Mediziner im Landkreis Hameln-Pyrmont bei mehr als jedem zweiten Kind (50,44 Prozent) so schwere Geschütze auf, in anderen Regionen aber nur bei jedem vierten? In der Studie ist von „möglichen Ursachen“ die Rede und wird unter anderem ein Zusammenhang gesehen zwischen Ärzteversorgung und Verordnungshäufigkeit: „Es ist sehr auffällig, dass da, wo die Arztdichte groß ist, die Zahl der Antibiotika-Verordnungen für Kinder niedriger ist“, sagt Thomas Nelder von der Bertelsmann-Stiftung, Das lege die Vermutung nahe, die Praxen in gut versorgten Gebieten seien vermutlich weniger voll, könnten sich die Ärzte mehr Zeit für ihre Patienten nehmen – und würden nach gründlicher Diagnose seltener zu der medizinischen Bombe greifen. „Doch ob es tatsächlich so ist, das werden wir erst nach weiteren Untersuchungen wissen“, sagt Nelder.

Hameln-Pyrmont allerdings zählt zu den Kreisen mit überdurchschnittlich guter Ärzteversorgung und müsste demnach bei der Verschreibung von Antibiotika am unteren Ende der Skala rangieren. Warum das nicht so ist, kann sich auch Dr. Raffael Boragk nicht erklären. Er sei aber überzeugt, jeder Arzt gehe „sehr gewissenhaft“ mit der Gabe von Antibiotika bei Kinder um und verordne sie nur, „wenn es aus seiner Sicht medizinisch angezeigt ist“, sagt der Vorsitzende des Hamelner Ärztevereins. Eine von wahrscheinlich mehreren möglichen Erklärungen für die in der Studie nachgewiesene Tatsache, dass Kinderärzte bei der Verschreibung von Antibiotika größere Zurückhaltung an den Tag legen als Allgemeinmediziner, sieht Boragk in dem Umstand, dass Kinderärzte viel seltener im Notdienst vertreten seien als Allgemeinmediziner. Kommen Eltern mit einem kranken Kind zum Notdienst, habe der Arzt ein Kind vor sich, das er nicht kennt und über dessen Familie er nichts weiß. „In so einer Situation gibt man eher ein Antibiotikum, auch, um auf Nummer sicher zu gehen,“ so Boragk.

Die Organisation des Notdienstes in Schleswig-Holstein scheint Boragks These zu bestätigen. Laut Nelder hat das Küstenland ein Notdienst-Modell entwickelt, in dem auch die ständige Erreichbarkeit eines Kinderarztes garantiert ist. Die Quote der mit einem Antibiotikum behandelten Vorschulkinder liegt dort in den meisten Landkreisen unter 30 Prozent.

Dr. Jürgen Schwalbe schreibt die große Bereitschaft der Allgemeinmediziner zur Behandlung mit antibiotischen Medikamenten vor allem dem Sicherheitsbedürfnis seiner Kollegen zu. „Allgemeinmediziner haben selten eine kinderärztliche Ausbildung und wollen bei der Behandlung keinen Fehler machen“, sagt der Hamelner Kinderarzt.

Je jünger die kleinen Patienten sind, um so schneller könnten sich Krankheitsverläufe dramatisch verschlechtern „und um so größer ist die Angst, einen Fehler zu machen“. Und nehme noch zu, „wenn man das Kind nur einmal sieht und die Familie nicht kennt“. Ein Kinderarzt, so Schwalbe, schaue sich seine Patienten „lieber nach ein oder zwei Tagen noch einmal an“, statt gleich zu einem Antibiotikum zu greifen. Die Eltern spielten in diesem Zusammenhang eine ganz wichtige Rolle. „Sie müssen ihr Kind beobachten, und ich muss mich darauf verlassen können, dass sie in die Praxis kommen, wenn sich sein Zustand verschlechtert.“ Dass Eltern auf ein Rezept für ein Antibiotikum drängen, erlebt Schwalbe „eher nicht“. Und wenn doch mal, „dann versuche ich es ihnen auszureden, wenn ich die Verschreibung nicht für nötig halte“.

Dr. Siegrid Rothgänger macht in ihrer Praxis häufig die gegenteilige Erfahrung, nämlich, dass „Eltern unglaublich fordern“, und zwar Antibiotika „bei jeder Erkältung“. Besonders Mütter aus Herkunftsländern, „in denen man diese Medikamente auf dem Markt kaufen kann, glauben, das ist ein Allheilmittel und gehen nicht eher aus der Praxis, bis sie es haben“, so die Kinderärztin. Größere diagnostische Maßnahmen wie Blutabnehmen oder einen Abstrich, um die Keime zu bestimmen und dann zu entscheiden, ob ein Antibiotikum überhaupt angezeigt ist, bezahlten die Krankenkassen nicht und lehnten auch darum viele Eltern ab. Rothgänger: „Für eine Mutter mit zwei Kindern, die von Hartz IV lebt, wären die 25 Euro, die so was dann kostet, ja auch viel Geld.“

Manchmal fehle es den Eltern aber auch nur an Wissen. „Wenn ich Eltern sage, dass ein Infekt durchaus auch drei Monate dauern kann, gucken sie mich nur ungläubig an.“ Damit diese Eltern dann nicht die Geduld verlieren und nach immer schwereren Medikamenten verlangen, sei viel Beratung nötig. „Die kostet Zeit, und die haben viele Allgemeinmediziner nicht.“ Dass Kollegen schneller zum Antibiotikum greifen, wundere sie darum nicht.

Nur jedes zweite Kind im Landkreis Hameln-Pyrmont, schätzt Schwalbe, werde von einem Kinderarzt betreut. Rothgänger glaubt, es sind noch weniger. Bis der Nachwuchs zwei Jahre alt ist, so ihre Beobachtung, sei der Pädiater noch gefragt, „Danach reißt es rapide ab, zum zweiten Mal kommen sie nach der Einschulung.“ Schön und gut, wenn Allgemeinmediziner Kinder behandelten, sagt sie, „aber dann sollten sie sich auch das dafür nötige Know-how aneignen“. Schließlich seien Kinder nicht einfach nur kleine Erwachsene und gebe es deshalb eine Facharztausbildung für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen bis zu derem 18. Lebensjahr.

Bei der jüngsten kindermedizinischen Fortbildung, organisiert von der Hamelner Kinderklinik und von der Thematik her „sehr interessant“, seinen zwar viele Kinderärzte aus der gesamten Region versammelt gewesen, aber nur zwei Allgemeinmediziner. „Und das war keine Ausnahme.“ Das geringe Interesse der Kollegen an Weiterbildungsangeboten im Bereich Kinderheilkunde ärgert sie: „Da ist etwas nicht in Ordnung, aber solange das politisch so gewollt ist, wird sich daran auch so schnell nichts ändern.“

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