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Kindesmissbrauch im Wohnwagen: Das sagen die Landräte aus Lippe und Hameln Pyrmont

„Keinen in die Pfanne hauen“

LÜGDE-ELBRINXEN / HAMELN-PYRMONT / LIPPE. Vier Tage nach Bekanntwerden der ungeheuerlichen Anzahl von wohl noch deutlich mehr als 1000 sexuellen Gewalttaten gegen mittlerweile 29 identifizierte Kinder in einem Zeitraum von zehn Jahren durch einen Dauercamper im Lügder Ortsteil Elbrinxen gibt es viele offene Fragen.

veröffentlicht am 01.02.2019 um 21:07 Uhr

Wie konnten die Sexualverbrechen, die Dauercamper Andreas V. (56) und sein Bekannter (33) in V.s Wohnwagen in Elbrinxen begangen haben sollen, so lange unentdeckt bleiben? Zufriedenstellende Antworten auf diese Kernfrage wird es wohl nie geben. Foto:
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Besonders verstörend daran ist, dass die Antworten, die es irgendwann geben wird, wohl niemanden wirklich werden zufriedenstellen können. Hinzu kommt: Die bisher genannten Zahlen sind Momentaufnahmen. Der Leiter der Einsatzkommission „Camping“, Hauptkommissar Gunnar Weiß, nennt „die Spitze des Eisbergs“.

Lügdes Bürgermeister Heinz Reker (parteilos) umriss am Freitag, wie es vielen Menschen vor Ort – und wohl weit darüber hinaus – geht. „Fassungslosigkeit, Betroffenheit und Sprachlosigkeit sind in der gesamten Stadt zu spüren“, sagte er und räumte ein: „Ich weiß selbst noch nicht, wie ich damit umgehen soll.“

Auch Elbrinxens Ortsbürgermeister Hermann Wenneker (CDU) ringt um Worte. „Gelähmt“ ist eines, das er für die Stimmung nach Bekanntwerden der Verbrechensvorwürfe findet. „Dass es über diese lange Zeitspanne ging, ohne aufzufliegen, ist unbegreiflich.“ Vielleicht auch, weil die Elbrinxer sich viel auf ihre Dorfgemeinschaft zugutehalten, mit mehr als einem Dutzend aktiven Vereinen. An sozialer Kontrolle fehlt es also nicht. Eigentlich.

In Andreas V., den sie im Dorf zumindest vom Sehen kannten, haben sich aber ganz offenbar viele Menschen getäuscht. Der seit 6. Dezember in Untersuchungshaft sitzende 56-Jährige, der in dem Verfahren als Hauptbeschuldigter gilt, sei allgemein „als netter Mensch wahrgenommen“ worden, wiederholt Wenneker, was andere Elbrinxer schon in den vergangenen Tagen sagten, die den Mann und das „immer fröhliche“ Mädchen oft zusammen im Ort gesehen hatten.

Lippes Landrat Dr. Axel Lehmann, der am Freitag vor Ort mit den beiden Bürgermeistern zusammentraf, versprach: Nachdem die Polizei die relevanten Akten der Jugendamts-Außenstelle Blomberg schon Ende 2018 beschlagnahmt hatte, „werden wir bei der Aufklärung rückhaltlos helfen“. Zudem habe der Kreis Lippe eine Beratungs-Hotline geschaltet und werde betroffenen Familien auch im Lügder Rathaus Hilfe anbieten – aber nicht durch Jugendamts-Mitarbeiter, sondern durch externe Fachleute.

Die Kritik an mutmaßlichen Versäumnissen der Jugendämter beschäftigt laut Lehmann sehr viele Mitarbeiter im lippischen Kreishaus. „Wir müssen abwarten, was die Ermittlungen ergeben.“ Allerdings habe er inzwischen die Akten und auch die Zeugenaussagen von 2016 angesehen und feststellen müssen: „Da gibt es Diskrepanzen.“ Stelle sich heraus, dass es ein Fehlverhalten von Mitarbeitern seiner Behörde gab, „wird das Konsequenzen haben“.

Grundsätzlich sieht er Lippes Kreis-Jugendamt, die Mitarbeiterzahl betreffend, zwar relativ gut aufgestellt. Doch er avisiert: „Wir werden die Prozesse mit Unterstützung des Landesjugendamtes auf den Prüfstand stellen.“

Welche Kontakte er in diesem Fall zu seinem Hameln-Pyrmonter Amtskollegen Tjark Bartels hatte? „Wir haben ein paar SMS ausgetauscht“, so Lehmann. Zum Inhalt dieser „privaten“ Kommunikation wollte er sich jedoch nicht äußern. „Ich möchte keinen in die Pfanne hauen.“

Mit Blick auf die Hameln-Pyrmonter Herkunft der heute acht Jahre alten Pflegetochter von Andreas V. meinte er: „Wir werden in Akutsituationen zuständig.“

Etwa zeitgleich zu dem Treffen in Elbrinxen setzte die Hameln-Pyrmonter Kreisverwaltung am Freitagnachmittag ein erneutes schriftliches Statement ab. Darin heißt es unter anderem, die Mutter des kleinen Mädchens habe ihr Kind von Geburt an immer wieder bei dem Täter wohnen lassen. „Seit 2016 war unser Jugendamt in diesen Fall eingebunden und hat Kind und Mutter begleitet.“

Das bestätigt, was die Pflegetochter selbst in der Schule erzählte. Demnach kam jede Woche jemand vom Jugendamt aus Hameln auf dem Campingplatz vorbei.

Auch auf die Slum-ähnliche Optik der Parzelle von Andreas V. geht der Landkreis ein: Ein solches Wohnverhältnis sei kein Indiz für Missbrauch. „Denn der kann hinter jeder Fassade und in jedem Milieu stattfinden.“ Laut Landrat Tjark Bartels bewegt sich das Jugendamt „genau dort, wo es schmuddelig ist und wo es eben nicht in Ordnung ist. Wir gehen regelmäßig hin und gucken, dass unter schlechten Umständen noch etwas halbwegs Vernünftiges passiert“. Es habe ausgesehen, „als ob dies der Fall ist, weil eine emotionale Bindung da zu sein schien“.

Man wisse, dass es schwierig sei, „mit dem heutigen Wissen die damals sorgfältig getroffene Entscheidung zu verstehen und das praktisch ausschlaggebende Aufenthaltsbestimmungsrecht der Mutter zu akzeptieren“. Das Kind habe sich bei Andreas V. jedoch positiv entwickelt.

Die belastende Frage, ob man den Missbrauch hätte sehen müssen, stellten sich auch die beteiligten Mitarbeitenden des Landkreises Hameln-Pyrmont. Allerdings sei es jetzt nicht hilfreich, die Schuld beim anderen zu suchen.

Für Bartels bleibe „das beklemmende Gefühl, dass es wieder passieren kann, wenn wir nicht an anderer Stelle ansetzen. Dazu müssen wir dafür sorgen, dass die Opfer viel eher aus ihrer schrecklichen Isolierung ausbrechen. Nahezu alle schweren Fälle sind durch die Opfer aufgedeckt worden. Da sind wir nicht gut genug“.



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