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Flower-Power-Gefühl der 60er Jahre

Kein Schocker mehr: Love-Rock-Musical „Hair“ mit dem Altonaer Theater

HAMELN. Was dem Kultmusical „Hair“, diesem inszenierten Chaos auf dem Höhepunkt des Vietnamkriegs von Anfang an fehlte: Eine Story. So setzte die Hippierevue zwangsläufig auf Versatzstücke, um Protest oder Lobpreisungen auf das Publikum niederprasseln zu lassen

veröffentlicht am 01.10.2021 um 15:30 Uhr
aktualisiert am 04.10.2021 um 21:00 Uhr

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Reporter

Auch als Verbindung zu den einzelnen Musiknummern – vor allem aber: „Hair“ wollte schockieren. Und schockte. Alles ziemlich neu und ungewohnt für die 60er Jahre. Nicht nur in den Songs ging es um Umwelt, Sex, Drogen – „wer kifft, kann nicht hassen“ – und generell gegen das Establishment. Und gegen den Krieg. „Make Love Not War“ wurde zum Schlüsselwort für eine ganze Generation.

Und zwischendurch doch so etwas wie eine Geschichte – die Auseinandersetzung von Claude, der zum Militär soll, mit seinen konservativen Eltern. Hieß es damals, als die „Blumenkinder“ die Szene beherrschten, noch „Trau keinem über dreißig“, hätte es beim Gastspiel des Altonaer Theaters am Donnerstagabend auf unserer Bühne analog heißen können: „Trau keinem unter 70“.

Vermutlich nicht inszeniert von Franz-Joseph Dieken, die lange Pause vor leerer Bühne, bevor das Kapitol in Washington aus dem Zuschauerraum gestürmt wird, Parolen gebrüllt, mit Baseball-Schlägern gefuchtelt, bevor sich der Mob in kiffende Friedensengel wandelt und ein Song den anderen ablöst. Claude mit dem Einberufungsbefehl bleibt in der „Flower-Power-Gruppe“ hängen – mit „Umkehren das wir müssen“ wird es galaktisch, später treten auch der Präsdent Joe Biden mit seiner Frau auf und auch der Ex, Donald Trump – gab’s den wirklich? – darf eine kurze Show abziehen. Claude, der doch noch beim Militär landet, stirbt im Kugelhagel.

Dennoch – alles wohltemperiert und weit und breit nichts mehr, worüber man sich empören und aufregen könnte. Keine Exzesse, keine Nackten, keine Publikumsbeschimpfungen. Was bleibt: Die Songs „Aquarius“ oder „I got Live“, „Hare Krishna“ und vor allem auch: „Good morning Starshine“ und „Let the Sunshine in“.

Den Erfolg mit Standing Ovations darf sich das Ensemble als Ganzes anheften. Tolle Stimmen, irrwitziges Tempo, auch die Tanzeinlagen in der Choreografie von Sven Niemeyer, auch wenn sie manchmal an biederes Disco-Gehopse erinnern. Spielfreude, die dennoch mitreißt. Hervorzuheben Martin Markert als Berger, ein bisschen Lichtgestalt, Carolina Walker als Sheila und David Wehle als Claude - dazu ein blendendes Ensemble, das immer wieder auch solistisch brilliert.

Was als Patina, die den einstigen Musical-Schocker, der die Auseinandersetzung zwischen Establishment und einer unruhig gewordenen Jugend grell beleuchtet, nun in sanftem Licht erscheinen lässt: Aus „Hair“, der anarchischen Show, ist ein liebenswertes Musical geworden, das nostalgisch verbrämt, dass es seinen Biss verloren hat.



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