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Obdachlos zum Weihnachtsfest: Dirk Aicher schlägt sich durch

Kein Haus – kein Hof

Hameln.Draußen ist es kalt und ungemütlich. Nicht mehr lange, dann fällt feuchtnasser Schnee. Es besteht kein Zweifel, der Winter kommt. Wie gut, wer sich ins Warme flüchten kann. Vielleicht mit einer Tasse Tee, dem Knistern im Kaminofen und dicken Wollsocken. Dirk Aicher kann das nicht. Wie viele andere hat er keine Wohnung und auch keine Arbeit, nur eine „Penntüte“, einen Schlafsack fürs Freie – dabei ist in vier Wochen Weihnachten.

veröffentlicht am 28.11.2013 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 14:41 Uhr

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Autor:

von Nina reckemeyer
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Dirk Aicher ist 50 und lebt seit 30 Jahren „auf Platte“, so nennt er sein Leben auf der Straße. Kurz vor Weihnachten macht er Halt in Hameln, immer drei Tage pro Stadt und immer mit Freddy – seinem Foxterrier-Drahthaar-Rüden. Aicher ist ein Junge von der Küste, das verrät nicht nur die Seemannsmütze, man hört es auch an seiner Stimme. Ein heiter-nordischer Akzent schwingt darin, mitgebracht aus Cuxhaven, wo er aufgewachsen ist.

Sein 13-jähriger Vierbeiner begleitet ihn auf Schritt und Tritt, er hat mit der Zeit eine wichtige Beschützerrolle eingenommen. „Wenn es dunkel wird, schnappt er. Auf zehn Meter kommt da keiner ran“, sagt Aicher. Dass so ein Schutzschild auf der Straße auch bitter nötig ist, verrät die lange Narbe, die Aicher auf dem Rücken trägt. „Ich hab die Wirbelsäule durch“, sagt er und zieht seine Jacke ein Stück nach oben. „Das war ein Überfall, da haben sie mich zusammengeschlagen.“ Sie, damit meint er gewissenlose Menschen, nicht selten Jugendliche, die nichts Besserers zu tun oder etwas gegen Obdachlose hätten und dann einfach zuschlügen, erklärt Aicher. Arbeiten kann er damit nicht mehr, da ist er sich sicher. Wenn er sich nachts ins Freie zum Schlafen legt, dann lasse er seine Penntüte immer offen, „damit ich schnell rauskann, bevor ich auf die Ohren krieg“.

Wie Dirk Aicher auf die Straße kam, eigentlich war es Zufall. „Ich bin Aussteiger.“ Als junger Mensch wollte er für ein Jahr „raus aus dem System“ – und kam nie zurück. „Dann bin ich auf Platte geblieben.“ Ob er nie versucht habe, wieder in sein geregeltes Leben mit einem Dach über dem Kopf zurückzukehren, wollen wir wissen. Aicher muss nicht lange überlegen: Das habe er, selbst eine eigene Wohnung hatte er zwischendurch für eine Zeit gehabt, aber „das kann ich nicht mehr. Da ist mir die Decke auf den Kopf gefallen“, sagt der 50-Jährige.

Er zieht das Leben in Freiheit – so nennt Aicher seine Obdachlosigkeit – dem in einem warmen Zuhause vor. Neben Freiheit und Grenzenlosigkeit, dem Gedanken, sich treiben zu lassen, vielleicht auch der Angst, sich im alten Leben nach so vielen Jahren nicht mehr zurechtzufinden, ist die Straße vor allem aber auch eines: hart. „Es gibt Städte, da verhungerst du beim Betteln“, sagt Aicher.

„Ich hab zwei Kassen, ’ne Hundekasse und eine für mich.“ Die Hundekasse sei immer voll, erklärt er stolz – seine nicht. „Wenn sich die Hundekasse leert, werde ich nervös.“ Aus der bezahlt Aicher Freddys Futter, ab und an auch mal ein Spielzeug und den Gang zum Tierarzt. Neulich hatte sich ein Stich unter Freddys Auge zum Abszess entwickelt. Da musste was gemacht werden. In Cochem an der Mosel ließ er seinen Vierbeiner operieren, in Lippstadt kamen die Klammern raus. Freddy hat sich erholt, treu beschützt er sein Herrchen in der Hamelner Fußgängerzone vor vermeintlichen Feinden auf vier Beinen – sein Bellen ist dann in der ganzen Bäckerstraße zu hören. So wie hier in Hameln, würde sich Aicher in seiner hanseatischen Heimat übrigens nicht „auf Platte“ setzen. „Man bettelt nicht in seiner eigenen Stadt. Das tut ein guter Berber nicht“, darauf besteht Aicher. „Der Familie wegen“, das beachtet er noch immer, auch wenn er sich vor Jahren mit seinen Geschwistern überworfen hat. „Die sind selbstständig, haben einen eigenen Laden“, dazu passe ein Bettler als Bruder nicht, erklärt er.

Bei alledem sei ihm das Wichtigste, dass es Freddy gut gehe. Der zittert heute ein wenig. Kalt sei aber beiden nicht, sagt Aicher. „Mit der Zeit gewöhnt sich der Körper an die Jahreszeiten, man geht ja immer mit.“ Freddys Zittern – „das sind die Nerven“, erklärt Aicher. „Zwanzig Minuten noch, dann hauen wir ab“, spricht er Freddy zu, der geduldig auf seiner gepolsterten Decke wartet. Länger als drei Stunden am Tag betteln die beiden nicht, dann wird das lange Sitzen doch zu kalt für Freddy. Und länger als drei Tage bettelt Aicher nicht in einer Stadt, danach gibt es kein Tagesgeld mehr vom Amt. Also ziehen die beiden weiter, nicht wissend, wo sie zum Weihnachtsfest landen werden.



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