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Verwaltung will Stadtwald nicht nach strengen FSC-Kriterien zertifizieren lassen

Kein FSC-Siegel für Stadtwald

HAMELN. FSC – die drei Buchstaben sind vertraut, wenn sie in Grün zusammen mit einem angedeuteten Baum daherkommen. Sie stehen für Holzwirtschaft nach kontrollierten ökologischen und sozialen Standards. Die Stadt Hameln möchte ihren Stadtwald jedoch nicht zertifizieren lassen. So lautet ein Beschlussvorschlag, der für Montag im Umweltausschuss auf der Tagesordnung steht.

veröffentlicht am 07.08.2017 um 08:49 Uhr
aktualisiert am 07.08.2017 um 19:41 Uhr

„Wir sehen für den Stadtwald keine Vorteile einer FSC-Zertifizierung“, heißt es aus der Verwaltung. Foto: Dana
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Wer Holz kauft, Papier, Möbel, Toilettenpapier – auf vielen prangt das Siegel, das ein Beleg dafür sein soll, dass das verwendete Holz aus Wäldern stammt, die nach kontrollierten ökologischen und sozialen Standards bewirtschaftet werden. Umweltschützer stehen verbandsübergreifend, trotz aller Kritik, hinter diesem Siegel und befürworten es, wenn auch Kommunen ihre Wälder nach FSC zertifizieren lassen. Hameln aber will nicht.

Mehr noch: Die Verwaltung möchte auch von den Politikern beschließen lassen, „keine Zertifizierung des Stadtwaldes nach dem FSC-System anzustreben“. So lautet ein Beschlussvorschlag, der für Montag im Umweltausschuss auf der Tagesordnung steht. Die Grünen waren es, die das Thema bei der Sitzung des Umweltausschusses vor der Sommerpause ins Gespräch gebracht hatten. Warum daraus jetzt diese Vorlage entstanden ist und warum Hameln ein FSC-Siegel anscheinend verhindern will, erschließt sich dem Fraktionsvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen, Sven Kornfeld, nicht.

„Es stimmt mich traurig, dass man jetzt so ’ne Entscheidung treffen will“, sagt Kornfeld und hält den Vorstoß für „kurzsichtig“. „Wir können doch den Markt gar nicht überblicken“, sprich, keiner wisse, wie er sich in zwei, fünf, zehn Jahren entwickele. „Wenn dann vielleicht alle um uns herum FSC-zertifizert sind, nur wir nicht“, sagt er, wäre das für Hameln nachteilig. Dass es so kommt, scheint nach jetzigem Stand unwahrscheinlich: 7,3 Millionen Hektar in Deutschland sind nach PEFC, 1,1 Millionen Hektar nach FSC zertifiziert. In Niedersachsen haben nur 0,4 Prozent der Waldflächen das FSC-Siegel. Viele Kommunen, so auch Hameln, tun es bisher den Landesforsten gleich und setzen stattdessen auf das Siegel PEFC. Das allerdings steht seit Jahren bei Umweltverbänden in der Kritik und gilt bei ihnen nicht als „glaubwürdiges und fachlich seriöses Siegel für eine naturnahe Waldnutzung“, wie der Naturschutzbund Niedersachsen auf seiner Internetseite schreibt. Zum einen wurde PEFC von Waldbesitzern und der Holzindustrie für die eigene Branche geschaffen, während Stimmen aus Umwelt- und Sozialverbänden kaum Gewicht haben. Beim FSC haben Vertreter aus drei Interessensbereichen – Wirtschaft, Umwelt, Soziales – gleiches Stimmengewicht. PEFC wiederum wirbt auf seiner Internetseite damit, dass das EU-Parlament 2006 feststellte: „Das EU-Parlament sieht die Zertifizierungssysteme von FSC und PEFC als gleichermaßen geeignet an [...], den Konsumenten Sicherheit bezüglich nachhaltiger Waldbewirtschaftung zu geben“.

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Grundlage, um nach den strengeren Kriterien des FSC zertifiziert zu werden und das Siegel zu behalten, ist ein erstes und danach ein jährliches Audit, bei dem die Einhaltung der Standards überprüft wird. Die Kriterien betreffen beispielsweise den Einsatz von Pestiziden, den Umgang mit Totholz, die Größe der stillgelegten Flächen, Baumarten, aber auch tarifliche Entlohnung für Mitarbeiter von Lohnunternehmen. Zum FSC gehört zudem ein Beschwerdemanagement, bei dem Bürger melden können, wenn im Wald etwas passiert, was vielleicht gegen die Kriterien verstoßen könnte. Eine Kontrolle bei PEFC wird stichprobenartig und zufällig vorgenommen. In Hameln haben laut Verwaltung zwei „Vor-Ort-Audits“ stattgefunden mit positivem Ergebnis. Seit 2001 ist der Hamelner Stadtwald nach PEFC zertifiziert. Ein Zertifikat zu erhalten, gilt als einfach.

In der Vorlage wird betont, dass „das Stadtforstamt Hameln keine Probleme hätte, auch die Anforderungen des FSC zu erfüllen“. Was Kornfeld veranlasst, zu sagen: „Wenn wir doch so gut sind, dann lass uns das doch zertifizieren lassen!“ Das wird im Forstamt anders gesehen.

Verwiesen wird auf die höheren Kosten, die eine FSC-Zertifizierung nach sich zöge – laut Vorlage 3000 Euro pro Jahr statt 432 Euro pro Jahr für PEFC. Hinzu käme ein erheblicher zeitlicher Mehraufwand für die Audits, heißt es. Für das Erst-Audit setzt die Verwaltung „mindestens 40 Stunden für den Abteilungsleiter“ an und acht Stunden für die Verwaltungskraft im Forstamtsbüro. Für eine Zukunft mit FSC erwartet die Verwaltung noch mehr „Aufwand für Dokumentation, Monitoring und Audits. Das mag in Forstbetrieben mit mehreren Fachkräften noch zu leisten sein, im Stadtforstamt würde es zu einer Reduktion der Zeitanteile des Forstamtsleiters für die ökonomisch entscheidenden Kernaufgaben führen.“ „Uns wäre es das wert“, hält Kornfeld für seine Fraktion dagegen und würde dafür auch mehr Personal befürworten.

„Drei Arbeitstage“ rechnet Martin Koch für die Vorbereitungen der Audits. Koch ist einer von zwei Förstern, die für die badenwürttembergische Stadt Rastatt arbeiten. Rastatt hat sowohl auf das FSC-Siegel als auch später auf PEFC gesetzt, „um allen Strömungen in der Kommunalpolitik gerecht zu werden“, begründet Koch die Zweigleisigkeit. Das FSC-Zertifikat fordere zwar eine „ganze Stange Geld und jede Menge Arbeit“, dafür sei ein FSC-Zertifikat besonders prestigeträchtig, so Koch.

Zu höheren Holzpreisen habe die Zertifizierung nicht geführt, konstatiert die Hamelner Stadtverwaltung, doch die Abnehmer verlangten „zunehmend den Nachweis einer Zertifizierung, unabhängig von den Systemen“.

Laut Greenpeace, Mitbegründer dieses Siegels, sei das FSC-Siegel derzeit das einzige glaubwürdige internationale Siegel, wohingegen ein Industriezertifikat wie PEFC „keine nachhaltige Waldwirtschaft“ garantiere. Allerdings hatte die Umweltorganisation auch am FSC-Siegel Kritik geübt unter anderem wegen mangelnder Transparenz und rigoroser Abholzung in einigen Ländern unter dem Deckmantel des Siegels.
Info: FSC steht für Forest Stewardship Council; PEFC für Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes.

Mein Standpunkt
Birte Hansen
Von Birte Hansen-Höche
Ich versteh’s nicht. Warum will die Verwaltung die Tür zum FSC-Siegel ohne Not jetzt unbedingt für Jahre zuschlagen? Es reicht doch, die Zertifizierung einfach nicht zu verfolgen, wenn die Argumente derzeit (noch) nicht überzeugen oder sie mit dem vorhandenen Personal nicht erreichbar wäre.


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