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Stadt begründet mangelnde Grünpflege mit Naturschutz – und hat keine Daten zu Flächen und Kosten

Kein Durchblick an den Teichen

HAMELN. Hameln behandelt seine öffentlichen Grünflächen überwiegend stiefmütterlich – das zeigt sich nicht nur am Weserufer, sondern ganz besonders auch an den Teichen. Welchen Stellenwert hat das Grün in Hameln – und welchen anderswo?

veröffentlicht am 17.07.2017 um 11:50 Uhr
aktualisiert am 18.07.2017 um 11:38 Uhr

Die Bänke sind noch da, der Blick auf Schlägers Teich an der Knabenburg ist jedoch seit langem zugewuchert. Die Stadtverwaltung nennt es „naturnah“, tatsächlich ist es aber wohl eine Sparmaßnahme. Foto: Dana
Marc Fisser

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Marc Fisser Reporter / Newsdesk zur Autorenseite

Gartenbesitzer lieben ihren Teich. Das künstliche Gewässer bietet Libellen und Froschlöffeln sowie vielen anderen Tieren und Pflanzen Lebensraum. Der Blick auf die Idylle entspannt, am Ufer zu sitzen, ist Urlaub vom Alltag. Schufen einst königliche Landschaftsbauer ihren Herrschaften romantische Wasserflächen, wo es die Natur vergessen hatte, machten es bald auch die Städte zu ihrer Aufgabe, Erholungszonen anzubieten. Die „grünen Lungen“ tragen zur Atmosphäre, zur Lebensqualität einer Kommune bei. In Hameln jedoch regiert beim Grün der Rotstift. Zwar wurden jüngst viele Verkehrsinseln herausgeputzt, doch gleichzeitig – und wohl bedeutender – ist das Weserufer schlecht gepflegt und der Bürgergarten optimierbar, besonders trist aber sieht es an den öffentlichen Teichen aus.

Schlägers oder Lüders Teich waren einmal beliebte Naherholungszonen, auch Töneböns Teiche bieten einen allgemein zugänglichen Bereich, der früher viel genutzt wurde. Bis in die 1980er Jahre hatte die Stadt in ihre Grünzonen investiert. Doch an Schlägers Teich, der gerade auch für die Bewohner der Mietskasernen im Bereich Süntelstraße nahe liegt, bleiben die Sitzbänke seit einiger Zeit leer. Endet der Blick doch nach wenigen Metern an der grünen Wand, die sich vor der Wasserfläche aufgebaut hat. Im Wasser verrotten umgestürzte Bäume und verhindern, dass dieses Plätzchen jemals wieder einer der schönsten Eislauforte der Republik sein kann. Dabei hatte die Stadtverwaltung sogar eigens einen Zugang für die Schlittschuhläufer angelegt, die hier in großer Zahl vor der Waldkulisse ihre Kreise drehten. Jetzt heißt es aus dem Rathaus: „Der Teich wird zurückhaltend unterhalten, also naturnäher.

Da darf auch mal ein toter Baum im Wasser liegen.“ Wäre es da nicht geboten, den Besuchern zumindest ein paar Sichtachsen auf den entstehenden Sumpfwald zu bieten? „Gewässer zuwuchern lassen – das geht gar nicht!“ Das sagt nicht Hamelns Umwelt-Fachbereichsleiter Ralf Wilde, sondern sein Celler Kollege Jens Hanssen. „Gewässer müssen erlebbar sein. In Erholungslandschaften braucht es einen Wechsel von Nah- und Fernsicht.“ In der alten Residenzstadt nutzen die Bürger und Besucher ausgiebig den prächtigen Französischen Garten, den Schlosspark, die Triftanlagen und den Allerstrand; die Ziegeninsel ist ein Treffpunkt für die Jugendlichen. 105 Grünanlagen – ohne Sport-, Kita- und Schulgelände – mit zusammen fast 1,5 Millionen Quadratmetern werden von 75 städtischen Mitarbeitern unterhalten, wobei es fünf Klassen der Pflegeintensität gibt. Das lässt sich Celle im Jahr 2,0 Millionen Euro kosten, weitere 1,3 Millionen sind für das „Verkehrsgrün“ nötig, 400 000 Euro für die Gewässerpflege.

Aussichtspunkt ohne Aussicht: Töneböns Teiche. Mit wenigen Schnitten wäre viel erreicht. Foto: mafi
  • Aussichtspunkt ohne Aussicht: Töneböns Teiche. Mit wenigen Schnitten wäre viel erreicht. Foto: mafi
Auch von Lüders Teich ist nicht viel zu erkennen; das Schilf hat sich breitgemacht und wird frühestens im Herbst geschnitten. Foto: Dana
  • Auch von Lüders Teich ist nicht viel zu erkennen; das Schilf hat sich breitgemacht und wird frühestens im Herbst geschnitten. Foto: Dana

Hanssen betont: „Wir wollen den Wert der Anlagen erhalten.“ Schließlich handele es sich um einen „weichen Standortfaktor“ für den Tourismus und die Attraktivität als Wohnort. Auch Hanssen hat aus der Kämmerei schon gehört, die Grünpflege sei doch eine freiwillige Leistung, also bei knapper Kasse weitgehend verzichtbar. Da kommt er jedoch in Rage: „Wir sind die Grundstückseigentümer und haben eine besondere Verpflichtung.“ Es gehe um das Stadtbild und um die Verkehrssicherungspflicht: Alle Wege müssten gefahrlos begehbar sein.

„Gewässer zuwuchern lassen – das geht gar nicht!“

Jens Hanssen, Fachdienstleiter der Stadt Celle

In Hameln weiß laut offizieller Auskunft im Rathaus niemand, wie viele Grünanlagen überhaupt von der Stadt gepflegt werden und was das kostet. Das Grünflächenkataster sei erst im Aufbau, eine Software solle hierfür noch angeschafft werden. Im Betriebshof gebe es unter anderem für die Grünpflege 47 Stellen, zudem werden 12 Saisonkräfte beschäftigt. Viel Zeit wenden die Mitarbeiter dafür auf, den Rasen auf Spiel- und Sportplätzen zu mähen und das „Straßenbegleitgrün“ zu stutzen. Der Umfang des Rasen- und Gehölzschnitts am Schlägers Teich sei „normal“ und werde „im Rahmen unserer Möglichkeiten durchgeführt“, sagt eine Sprecherin. Lüders Teich, kleines Relikt der gigantischen Stadtbefestigung, habe zeitweise unter Sauerstoffmangel und Stickstoffreichtum gelitten, befinde sich nun aber „in einem weitgehend sich selbst stabilisierenden Zustand“. Bei der Stadt weiß man: „Ein Aufenthalt außer zum Spielen findet hier nicht statt.“

Alte Sitzbänke zeugen allerdings davon, dass auch dieser Ort hinter dem alten Hallenbad einmal Erholungszwecken diente. Jetzt blickt man von dort aufs wuchernde Schilf. Im Herbst oder Winter soll es geschnitten werden – nicht etwa zur Parksaison im Sommer. „Die Gehölze werden alljährlich geschnitten, die Sichtachse ebenfalls“, versichert die Stadt. Die Verbindung von der Hafenstraße zum Höppergang sei auch „insgesamt gepflegt“.

Martina Ludwig, die von ihrer Wohnung am Fröbelweg auf Lüders Teich blickt, berichtet hingegen von einem Alkoholiker-Treffpunkt, einem Drogenumschlag auf dem Spielplatz und einem Rattenbefall. Müll und tote Haustiere würden im Wasser entsorgt. Früher hätten die Anwohner Lüders Teich per Schlauchboot in Eigeninitiative gesäubert, das sähen sie angesichts dieser Verhältnisse jetzt aber nicht mehr ein. Ludwig: „Der Teich ist doch ein seltenes Kleinod in der Stadt. Es wäre so schön, wenn er gepflegt würde.“

In Celle sagt Jens Hanssen, zwar komme auch seine Stadt finanziell an ihre Grenzen, und es lasse sich über den Pflegeaufwand im Einzelfall durchaus reden, doch der Fachmann weiß: „Das Sparen sieht man einer Grünanlage sehr schnell an. Und den alten Zustand wiederherzustellen, kostet dann viel Geld.“

Mein Standpunkt
Marc Fisser
Von Marc Fisser

Prächtige öffentliche Gärten, gepflegte Grünanlagen bieten Lebensqualität. Hameln könnte sich in aller Welt viel abgucken, auch, was die Prioritäten und Finanzierung angeht. Doch im Rathaus hat beim Grün keiner den Durchblick. Der Bürger deshalb an vielen Stellen auch nicht.

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