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77-Jähriger radelt dank seiner Erfindung mit weniger Kraft / Sein Ziel: Die Revolution des Fahrens

Karl-Friedrich Meyer dreht das ganz große Rad

Hameln. Die Karriere des Radrennfahrers Karl-Friedrich Meyer, Spitzname Stahlmuskel, beginnt mit einer Niederlage. Es sind die 1950er Jahre, Meyer und sein Bruder treten bei den Bezirksmeisterschaften in Hildesheim an. Es regnet und auf dem nassen Kopfsteinpflaster stürzen alle Fahrer, abgesehen von den Meyer-Brüdern. 100 Meter vor dem Ziel ruft Karl-Friedrichs Bruder ihm zu: „Wir kämpfen hart.“ Der Bruder zieht davon, Karl-Friedrich wird zweiter, gewinnt Fahrradschläuche und eine Nachttischlampe. Heute, rund 60 Jahre später, macht sich Meyer auf, das Radfahren zu revolutionieren.

veröffentlicht am 07.06.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 06:21 Uhr

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Autor:

Robert Michalla
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Alles begann 2005 bei der Kinesiologin Jasmin Qutob. Meyer, gelernter technischer Zeichner und späterer Diplom-Ingenieur, ist bei ihr in Behandlung und schaut aus dem Fenster auf ein Fahrrad, als ihn der Gedankenblitz trifft. „Ich hab’s“, ruft er plötzlich, „ich hab’s.“ Qutob versteht nicht, was vor sich geht. Meyer greift sofort zu Zettel und Filsstift und kritzelt eine erste Zeichnung aufs Papier. Es ist die Geburtsstunde des patentierten Antriebs Ergo-Drive, oder wie Meyer es nennt: technisches Doping.

Und so funktioniert’s: Sobald Meyer auf seinem umgebauten Rad in die Pedale tritt, schieben sich die Pedalarme 15 Zentimeter rein und wieder raus. Immer, wenn das Pedal den oberen Punkt nach unten verlässt, verlängert sich der Pedalarm etwas. Sobald es den untersten Punkt nach oben verlässt, verkürzt sich der Pedalarm wieder. Meyer, Amateur-Radfahrer und Profi-Bastler, nutzt damit das Hebelgesetz, das viele im Alltag vom Rudern oder von der Wippe auf dem Kinderspielplatz kennen. Das Prinzip: Je länger der Arm, sprich ein Ruder oder wie in Meyers Fall der Pedalarm, desto weniger Kraft ist notwendig, um ihn zu bewegen. Das Ergebnis: Radfahrer können mit Ergo-Drive nach Meyers Worten 20 Prozent Energie sparen.

Der Clou liegt dabei im Detail. Die Pedalarme laufen nicht auf einer kreisrunden, sondern auf einer exzentrischen Scheibe. Deren Mittelpunkt liegt nicht genau in der Mitte der Scheibe, sondern ein Stück außerhalb. Sobald sich nun die Scheibe dreht, dreht sich mit ihr auch ein Bolzen, der den Pedalarm je nach Position ein Stück rein- oder rausschiebt. Der Fahrer selbst merkt davon nichts. „Da kommt man nicht einfach drauf, dazu muss man Radfahrer und Techniker sein“, sagt der 77 Jahre alte Meyer.

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Dass die Erfindung alltagstauglich ist, bestätigt Barbara Steudel. Die Freundin von Meyer ist das Rad mit den beweglichen Pedalarmen bereits gefahren. „Es ist unglaublich, diese Leichtigkeit“, sagt sie begeistert. „Das ist sensationell für die Radfahrindustrie. Es ist eine Revolution.“

Früher, mit 16, als junger Radfahrer, empfand der Bergspezialist Meyer das Radfahren als viel zu schwer, wie er heute lächelnd sagt. Dennoch blieb er dem Sport treu, gründet noch in jungen Jahren den Radrennstall „Zum flinken Wiesel“ mit und wurde Bezirks-, Niedersachsen- und Deutscher Meister, ein Wohnzimmerschrank ist voll von Pokalen und Medaillen. Auch die großen Rennen wie Tour de France oder Giro d’Italia ist er außerhalb der Wertung gefahren, den ehemaligen Profirennfahrer Jan Ullrich kennt er persönlich.

Bei seiner Erfindung und den zehn Vorgängern, die ersten waren noch aus Holz, hatte Meyer viele Helfer, die Jugendanstalt zum Beispiel oder die Volkshochschule, in deren Werkstätten er die Prototypen bauen ließ. Das Hamelner Fahrradgeschäft „Fun Corner“ stellte ihm zwei baugleiche Räder zur Verfügung, um die Krafteinsparung mit und ohne Exzenter-Antrieb zu testen. Das neueste, elfte Modell fahre er seit mittlerweile 20 000 Kilometern, so Meyer.

Nach eigenen Worten kann er jedes Fahrrad innerhalb von 20 Minuten umrüsten, auch Elektro-Räder. Bremsen, Lenker, Sattel – alles bleibt unberührt. Anfragen habe er bereits, von Radlern aus Hannover, Hamburg und Schweden. Auch mit Unternehmen wie Gazelle oder Shimano stehe er in Kontakt, sagt der gebürtige Hildesheimer. Sein Ziel nach sieben Jahren Entwicklungsarbeit und rund 60 000 Euro Kosten: Das Patent meistbietend verkaufen.

Und Meyer hofft, dass die neuen Pedale schon bei der nächsten Tour de France zum Einsatz kommen. Sollte sich die Erfindung tatsächlich durchsetzen, würde Meyer wohl viel Geld verdienen. Schließlich kam ihm die Idee als Erster. Es wäre ein schönes Ende seiner Karriere.

Ein Video ab Mittag unter dewezet.de

In seinem Wohnzimmer fährt Karl-Friedrich Meyer jeden Morgen 30 Minuten auf seinem aufgebockten Fahrrad der Marke Giant, „dem ersten aus Karbon“. Daran montiert ist Ergo-Drive, zwei Pedalarme an exzentrischen Scheiben, die ein- und ausfahren können. Fotos: rom



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