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Ein Leben mit Noten

Karla Langehein kurz vor ihrem 81. Geburtstag gestorben

HAMELN. „Nach dem letzten Ton stand absolute Stille im Raum - bis die Marktkirchenglocken vom Ende eines Gottesdienstes kündeten...“. Es war der letzte Satz - von unendlich vielen letzten Sätzen - den Karla Langehein für die Dewezet geschrieben hat. Jetzt starb sie, so unerwartet wie überraschend, kurz vor ihrem 81. Geburtstag.

veröffentlicht am 05.05.2017 um 12:50 Uhr

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Reporter

Ein unendlich reiches, erfülltes und dennoch viel zu früh beendetes Leben, in dem die Musik vermutlich die Hauptrolle spielte - aber ihre Familie, mit der Liebe ihres Lebens, Jürgen Langehein, wie sie selbst sagte und den drei Kindern, allemal die erste Geige.

Was hat sie nicht alles gemacht, angeschoben, begleitet, mit ihrem Enthusiasmus erst möglich gemacht. Auch ihr Engagement in der Politik als Fraktionsvorsitzende der CDU im Hamelner Stadtparlament, wo sie sozusagen als Dirigentin am Pult stand. Dass Hameln eine Jugendmusikschule besitzt, ist auch ihr Verdienst. Lange Jahre war sie die treibende Kraft und spiritus rector bei „Jugend musiziert“. Und fast wie nebenbei - so sehr sie sich auch da bedingungslos engagierte - war sie Lehrerin, gestaltete darüber hinaus die Sonntags-Matineen vor den Dewezet-Classics-Konzerten um das Musikprogramm des Hamelner Theaters zu fördern - vor allem: zu erhalten. Eine faszinierende Persönlichkeit, die das kulturelle Leben unserer Stadt entscheidend mitgeprägt hat.

Am 2. Mai 1936 in Berlin geboren, erhielt sie bereits im zarten Alter von drei Jahren Klavierunterricht von ihrer Mutter, der Pianistin Margarete Bußmann. Für einen Onkel komponierte sie als Fünfjährige ein Musikstück. Die Nachkriegszeit erlebte sie in Berlin - die Blockade blieb als „sehr schlimm“ in Erinnerung, wie auch Hunger und Kälte. In der 12. Klasse stand für sie bereits fest, Lehrerin zu werden. In dieser Zeit entstand ihre Schuloper „Der Petersiliengarten“, von der noch - durchwegs positive - Kritiken erhalten sind. Auf das Abitur 1955 folgte ihr Musik-Studium - einer ihrer Kommilitonen war der spätere Komponist Aribert Reimann.

Dann lernte sie Jürgen Langehein kennen - verliebte sich in ihn. Die Hochzeit - gegen den Widerstand ihres Elternhauses - fand im März 1959 in Hannovers Marktkirche statt. Ihre Tochter Annette erinnert sich, dass ihre Mutter lange Zeit alle Kleider selbst nähte, wundervoll kochen konnte, über ein unglaubliches Allgemeinwissen verfügte, eine Art wandelndes Lexikon - und Kunst ihr unendlich viel bedeutete.

Unvergessen ihre fast sechs Jahrzehnte andauernde Tätigkeit als Musikkritikerin der Dewezet, die sich ihre erste Sporen noch unter der Feuilleton-Legende Dr. Wilhelm Fischdick verdiente. Vor allem ihre so exzellent geschriebenen, profunden Besprechungen der großen Pro-Musica-Konzerte im Kuppelsaal in Hannover, wo sich die Weltspitze der Musik ein Stelldichein gab, aber auch die Abende mit dem Staatsorchester in der Oper der Landeshauptstadt, dem Landessymphonieorchester des NDR - und natürlich die Aufführungen von Dewezet-Classics, auf die sie sich auch durch die erfolgreichen Einführungen akribisch vorbereitete. Trotz ihres immensen, nicht nur musikalischen Wissens, besorgte sie sich jeweils Notenmaterial, wenn sie es nicht schon besaß, verglich Einspielungen, befasste sich intensiv mit Hintergründen.

Ein Glücksfall für die Dewezet, die ihre ebenso streitbaren wie einfühlsamen Besprechungen allemal auf der Haben-Seite verbuchen konnte. Eine Begabung, wie sie selten ist. Wissen um die Musik und das Können, darüber zu schreiben. So zu schreiben, dass auch Nichtmusiker verstehen konnten, worum es ging.

Karla Langehein wird uns als Zeitung und unseren Lesern als Maßstab fehlen. Ihre letzte Kritik galt Johann Sebastian Bachs Opus Maximus, der Matthäus-Passion, die unter Stefan Vanselow in den Ostertagen zur Aufführung kam. Ein Werk, dem sie ein Leben lang verbunden war. Ihr Titel: „Maßstäbe gesetzt“. Und das gilt, in memoriam, auch für Karla Langehein: Maßstäbe gesetzt.



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