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Arm und Bein verloren: Lena Broszeit tanzt den Schmerz nieder

Junge Tänzerin gibt nach Stromunfall nicht auf

HAMELN. Jeden Tag hat Lena Broszeit Schmerzen in den Gliedmaßen, die sie verloren hat. Ihr linker Arm und ihr linker Unterschenkel sind im März 2016 bei einem Bahnstromunfall regelrecht verschmort. 15000 Volt jagten durch ihren Körper, als sie oben auf dem Kesselwagen ihren Arm hob, um ein Selfie zu machen. Lena überlebte schwerverletzt, verlor einen Arm und ein Bein. Doch die junge Tänzerin gibt nicht. Sie tanzt sich zurück ins Leben.

veröffentlicht am 18.12.2018 um 16:18 Uhr
aktualisiert am 18.12.2018 um 18:50 Uhr

Dorothee Balzereit

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Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite

Lena ist gut drauf an diesem Morgen im März 2016. Sie hat die Nacht durchgetanzt. Die Ecstasy-Pille wirkt noch, doch der Bewegungsdrang ist nicht mehr so stark. In einer Wohnung in Bahnhofsnähe chillt sie mit ihren Freundinnen in einer Wolke chemisch getriggerter Nähe. Als die Sonne hinter den Abstellgleisen für Güterwaggons aufgeht, zieht es Lena und eine Freundin auf das Gelände. Sie mögen die Atmosphäre dort. Kurze Zeit später werden die Mädchen auf einen Kesselwagen klettern, und Lena wird einen Stromschlag bekommen, der aus der Oberleitung in ihren ausgestreckten Arm fährt. An das, was danach kommt, fehlt ihr jede Erinnerung. An den Sturz vom Waggon, bei dem sie sich mehrere Wirbel anbricht, an die Freundin, die erst wegläuft, voller Angst Lena sei tot und an den Notarzt, der sie ins Krankenhaus fliegt.

In Hameln erregt der Fall großes Aufsehen. Bereits 2006 gab es einen Bahnstromunfall im Bereich des Güterbahnhofs. Nach Lenas Unfall im Jahr 2016 ereignet sich im September dieses Jahres erneut ein Stromunfall auf den Abstellgleisen: Ein zehnjähriger Junge stirbt. Auch er war auf einen Kesselwagen geklettert. Einige fordern danach, den Bereich besser abzusichern.

Auch Lena Broszeit denkt oft über den Tag im März nach. Warum sie dort hinauf geklettert ist, warum sie nicht vorsichtiger war, warum sie mitgemacht hat. Es sei eine Mischung aus Unwissenheit und jugendlichem Leichtsinn gewesen, sagt sie. „Ich war immer neugierig, abenteuerlustig, aber nicht lebensmüde“. Von der tödlichen Gefahr des Lichtbogens, der von der Oberleitung überspringen kann, habe sie nichts gewusst. Aufklärung findet sie deshalb ganz wichtig. Der Bahn gibt sie keine Schuld: Ein Zaun, so glaubt sie, hätte auch nichts gebracht. „Der Zaun muss im Kopf bestehen“. Was man indes ändern könnte, seien die Leitern an den Kesselwagen. „Die sind wie eine Einladung“, sagt Lena.

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Nach ihrem Unfall liegt die Schülerin drei Tage im Koma, wird auf der Bult in Hannover notoperiert, dann in ein Spezialkrankenhaus für Brandopfer nach Hamburg verlegt. Immer wieder folgen Nachoperationen, erneut wird ein Teil des Arms weggenommen, gesunde Haut muss entnommen werden und an verletzten Arealen wieder eingesetzt werden. Der Stumpf heilt nicht gut. Die Zeit im Krankenhaus ist die Hölle. Wenn Lena nicht schläft, weint sie. Oft ist sie so zugepumpt mit Medikamenten, dass sie nicht weiß was geschieht. Ohne die Hilfe ihrer Eltern und eines Freundes, die in dieser Zeit immer an ihrer Seite sind, hätte sie es kaum ertragen, sagt sie.

„Ich habe ein halbes Jahr gebraucht, um zu realisieren, dass das endgültig ist“, sagt Lena. Sie ist eine zarte Person. Den linken Ärmel ihres Mantels hat sie in die Tasche gesteckt, die Prothese am Bein erahnt nur, wer um sie weiß. Die 20-Jährige muss bis heute viele Medikamente nehmen, vor allem gegen die Phantomschmerzen. In manchen Momenten schießt der Schmerz so stark ein, dass sie es kaum aushält. Von ihrem Arzt bekommt sie die Höchstdosis eines stark wirksamen Medikaments. Ohne die Schmerzen wäre es einfacher, sagt Lena, „sie halten mich in meiner Trauer fest.“ Die kommt vor allem, wenn sie allein ist.

Ich habe eingesehen, dass ich das, was geschehen ist, nicht ändern kann.

Lena Broszeit, Bahnstromunfallopfer

Aber Lena kann heute auch wieder hüpfen und tanzen. Das ist ihr enorm wichtig. Früher hat sie Ballett getanzt. Natürlich habe es gedauert, bis das wieder klappte. „Alles war aus dem Gleichgewicht, der Körper und mein Leben“, sagt sie. So anstrengend waren die ersten Gehversuche im Krankenhaus, dass sich Lena direkt übergeben hat. Doch sie hat jeden kleinen Fortschritt gefeiert: selber sitzen, selber essen, selber duschen, selber laufen, selber tanzen. Inzwischen präsentiert sie ihren Ausdruckstanz wieder vor Publikum. Gerne würde sie mit anderen, die ein ähnliches Schicksal haben, zusammenarbeiten.

Auch auf anderer Ebene hat die Schülerin, die in Emmerthal aufgewachsen ist, inzwischen in Hannover lebt, ihr Fachabitur macht und danach Sozialpädagogik studieren will, das Bedürfnis, anderen Amputierten zu helfen. Zum Beispiel, indem sie ohne Wenn und Aber über das Geschehene spricht. „Ich habe eingesehen, dass ich das, was geschehen ist, nicht ändern kann“, sagt sie, „also bleibt mir nichts anderes übrig, als es positiv für mich zu nutzen.“ Gerade hat sie Fortbildung als „Peer“ beim Bundesverband für Arm- oder Beinamputuierte (BMAB) gemacht. Unter dem Motto „Bewegen statt Behindern“ helfen Betroffene anderen Betroffenen.

Auch in der Drogenprävention möchte sie aktiv werden. „Ohne die Drogen wäre das damals nicht passiert“, glaubt sie. Nicht mal für Geld würde sie heute Ecstasy nehmen, sagt Lena. Die Vorstellung, die Kontrolle zu verlieren, ängstigt sie zu sehr. Damals, als sie die Pillen nahm, sei es ihr insgesamt nicht gut gegangen. „Ich war magersüchtig, hatte Probleme“, sagt Lena. Der Stromschlag habe ihr, so schlimm das auch klingt, möglicherweise sogar das Leben gerettet.



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