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Psychologe Dr. Michael Heilemann über Angsträume in Hameln und sein Fairnesstraining als Methode

„Jugendgangs sind die Raubritter von heute“

Hameln (CK). Angsträume in Hameln – es gibt sie wirklich. Der das sagt, ist der Psychologe Dr. Michael Heilemann, der vor 25 Jahren, zusammen vor allem zusammen mit seiner Kollegin Gabriele Fischwasser-von Proeck das Anti-Aggressionstraining in Gang gesetzt hat, und zwar in der Hamelner Jugendanstalt. Seine Methode, jugendliche Schläger aus ihren gewohnten Verhaltensmustern herauszulösen und auch als Tutoren zu gewinnen, und sie gilt inzwischen deutschlandweit als gelungenes Modell und quasi als „Mutter vieler Antigewalttrainings“.

veröffentlicht am 08.10.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 11.11.2016 um 04:41 Uhr

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Auch wenn die Polizei eher von einer „gefühlten Bedrohung“ in manchen Stadtbezirken spricht – Heilemann weiß, dass diese Bedrohung existiert: an der Stadtgalerie etwa, an der Weserpromenade, am Bahnhof. „Da wirken gewaltbereite Jugendliche als Gang, ähnlich den früheren Raubrittern. Als einzelner sollte man solche Plätze meiden“, empfiehlt er und spart in diesem Zusammenhang nicht mit Kritik an öffentlichen Institutionen. „Viele öffentliche Räume in Hameln werden inzwischen von solchen Gangs beherrscht. Man hat versäumt, hier gegenzusteuern und ihnen stattdessen diese Bereiche überlassen“, beklagt Heilemann, der in solchen Jugendlichen – die meisten von ihnen kommen nach seinen Erfahrungen aus bildungsfernen Schichten – mittlerweile eine „Parallelgesellschaft mit Dominanzbewusstsein“ sieht. Und: „Wir haben es verschlafen, eine Infrastruktur zu schaffen, um diese Problemjugendlichen zu integrieren.“ Das aber gehe nur über Verlockung, Geborgenheit und Stolz, Dinge, die sie sonst lediglich in der verschworenen Gemeinschaft ihrer Gang fänden.

Heilemann, der bei etlichen Medien als Experte „gelistet“ und auch ein gefragter Gesprächsteilnehmer in Talkshows ist, arbeitet zwar hauptsächlich als Psychotherapeut, hält aber auch viele Seminare ab und wirkt als Dozent bei Kongressen in Deutschland und dem benachbarten Ausland, etwa in der Fortbildung im österreichischen Strafvollzug oder in der Forensik. Dabei kommen ihm seine Erfahrungen aus dem Hamelner Jugendstrafvollzug entgegen: „Die hochbegabten Knackis sind die gefährlichsten“, weiß er. Sie würden eine Art „Subkultur-Management“ betreiben, und das sei eben auch für die Bevölkerung relevant und nicht ungefährlich.

Und genau diese Gefährlichen will er gewinnen durch sein Anti-Aggressionstraining. Unter anderem dafür, dass sie nach erfolgter Therapie als Tutoren für Psychologen wie Heilemann arbeiten, denn er glaubt, dass allein durch aufsuchende Sozialarbeit Angsträume und -plätze in Hameln wieder gefahrlos auch von der Bevölkerung betreten werden können. „An den Brennpunkten muss es auch aufsuchende Polizeiarbeit geben, und zwar mit den attraktivsten und stärksten Beamten, die wir in Hameln haben“, fordert er. Nur so kann nämlich seiner Meinung nach bei dieser Problemgruppe so etwas wie Akzeptanz hergestellt werden.

Seit 25 Jahren Erfahrung mit Anti-Aggressionstraining: der Hamel
  • Seit 25 Jahren Erfahrung mit Anti-Aggressionstraining: der Hamelner Psychologe Dr. Michael Heilemann. Foto: Dana

Was die Ursachen für die hohe Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen (darunter übrigens auch Mädchen) angeht, so ist Heilemann sicher, dass eine davon Kränkung ist. Betroffene würden lernen, dass sie im Leben, oft schon durch familiären Hintergrund, wenig Chancen hätten gegenüber jenen, die materiell und auch familiär eben bessergestellt seien als sie. „Dadurch entstehen Neid- und Rachegefühle und die Auffassung, man dürfte die bestrafen, die überlegen sind“, sagt Heilemann. Und dieses Bestrafen gehe eben über den Körper, also über Gewalt.

Training beginnt in der 4. Klasse

Genau hier will der Psychologe denn auch ansetzen, und zwar schon recht früh: in der 4. Klasse. In diesem Alter bekommen die Kinder bereits Fairnesstraining, denn „hier trennt sich die Spreu vom Weizen“. Soll nach Heilemanns Worten heißen: Er trennt bei diesem Training sogenannte Kopf- von den Körperkindern. Letztere machen nach seiner Erfahrung etwa zehn Prozent eines Jahrgangs aus und seien die typischen späteren Schlägerpersönlichkeiten. Heilemanns (kostenneutrales) Modell: Sportstudenten machen im Rahmen ihrer Uni-Praktika Training für Ausdauer, Beweglichkeit und Kraft mit den Kopfkindern; Körperkinder werden in Sachen Moraltraining, sozialer Kompetenz, Länder- und Kulturkunde unterrichtet. Heilemanns Erkenntnis: „Körperkinder zum Beispiel, die meist schlechtere Noten schreiben, aber sich über Körperlichkeit und Stärke definieren, lernen Moral nur von starken Akademikern, also von Erwachsenen die zwar gleichfalls stark, eben aber auch klug sind.“

Energie, Intelligenz und Treue – für Heilemann sind diese Begriffe nicht nur positiv besetzt. Vielmehr stehen sie nach der Erfahrung des Psychologen auch für die Grundbedingungen, die in einer Gang gefordert werden. Die „Besten“ darunter, also die mit den höchsten Werten, sind dann die Charismatiker, die die Loser um sich versammeln. Und daraus entsteht dann eine Subkultur, quasi wie in einer kleinen ,Gewaltsekte’“, weiß Heilemann. Die Mitglieder solcher „Sekten“ seien dann immer weniger ansprechbar für soziale Normen.

Für Amoklauf

gibt es Warnzeichen

Eher eine Ausnahme unter jugendlichen Gewalttätern sind sogenannte Amokläufer ausschließlich an weiterführenden Schulen, wie sie in den vergangenen Monaten Schlagzeilen gemacht hatten. Hier gebe es durchaus Warnzeichen, sagt Heilemann. Schulverweigerung sei nur eines davon, Vereinsamung und schließlich Verzweiflung seien andere. Und das betreffe häufig jene, die nicht zu den Körperkindern, den gewaltbereiten Schlägern, gehörten, im Gegenteil: Gerade, weil sie sich bei Kränkung, Bedrohung und/oder Frustration immer mehr zurückzögen und nach und nach als Kopfkinder aus allen öffentlichen Lebensräumen verbannt würden, lebten sie in einer virtuellen Welt. „Und wenn mal der Strom ausfällt, sind sie nichts.“

Dass die meisten jungen Schläger aus bildungsfernen Schichten kommen und oft einen Migrationshintergrund haben – Heilemann spricht es klar aus. Deshalb lautet ein Ansatz für ihn auch Integration. Die aber könne nur gelingen durch Identifikation, also durch Verführung (etwa beim Fußball, wenn deutsche und Jugendliche mit ausländischem Hintergrund zu der Mannschaft ihrer Stadt halten). Und allein durch Integration, sagt Heilemann, ist dann auch Prävention, also Vorbeugung, möglich.

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