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Im Doubletime: Ein Lied für den Akkordeonspieler

Jovan Pavlovic Quartet: Jazziger Streifzug durch die Weltmusik

HAMELN. Das muss man ihnen lassen: Die Booker des Doubletime haben Mut und kennen keine Scheuklappen. Aber sie leben auch vom Zufall und von geknüpften Beziehungen. Tatsächlich sind Akkordeon und Oud nicht die Instrumente, die man zuerst mit Jazz in Verbindung bringt.

veröffentlicht am 01.10.2021 um 11:00 Uhr

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Reporter

Es sei denn, man kennt einen Freigeist wie Helge Andreas Norbakken. Der norwegische Perkussionist war unlängst mit dem Daniel Herskedal Ensemble zu Gast bei Hamelns erster Jazzadresse. Der kommunikative, Deutsch sprechende Norbakken berichtete von seinen weiteren Projekten und spontan war das Jovan Pavlovic Quartet gebucht. Eine gute Entscheidung.

Schon die Zusammensetzung der Gruppe signalisiert Weltmusik. Der Akkordeonist Jovan Pavlovic stammt aus Serbien, Ahmad Al Khatib an der Oud aus Palästina, der Kontrabassist Gjermund Silset und Norbakken aus Norwegen. Khatib lebt freilich in Schweden, Pavlovic in Norwegen, man trifft sich an Musikhochschulen, bei Konzerten oder läuft sich bei Lehrtätigkeiten über den Weg. Die Jazz-Welt ist dann manchmal ganz klein. Und Jazzer suchen gern nach neuen Herausforderungen.

„Bonfire“ haben Pavlovic und Co. ihre aktuelle Songsammlung genannt. Die Assoziation, von der sie auf der Homepage berichten, sieht eine Schar Künstler, die sich stellvertretend für die Menschheit um ein symbolisches Lagerfeuer versammeln und miteinander kommunizieren. Die vier Musiker lassen ihre Instrumente sprechen.

Was da möglich ist, offenbart exemplarisch das von Pavlovic geschriebene Stück „Felis Margarita“: Eingangs ein grooviger Grundrhythmus, ein frühes Bass-Solo mit schleppenden Percussions, aber auch lateinamerikanischen Wirbeln, dann Akkordeon und Oud unisono in der Melodie, Breaks, schließlich flirrende orientalische Tonfolgen aus der Oud, ein unheilschwangerer Bogenstrich am Bass, die Oud nimmt Tempo auf, windet sich wie ein Schlangenbeschwörer. Der Bogenstrich nun aufgeräumter, fröhlicher. Und zum Ausklang spielt das Akkordeon zum Balkan-Tanz auf.

Arabische, nordafrikanische, serbische und französische Wurzeln lassen wunderliche musikalische Gewächse sprießen. Da spaziert der Zuhörer unvermittelt an der Seine entlang und Pavlovic bedient fast eine Klischeevorstellung davon, wie man sein Instrument erwartet. Oder er streut ein paar Takte Kirmesmusik ein. „Indigo“ hingegen beginnt wie eine traurige Volksweise und es würde nicht überraschend, träte Tom Waits auf die Bühne und füge krächzend seinen zerschossenen Gesang hinzu.

Das von Silset komponierte Stück „Noriental Swing“ ist kein leeres Versprechen – es swingt. Nicht nur hier nutzt Norbakken die vielfältigen Möglichkeiten seines zusammengebastelten Sets: gebrauchte Autofelgen von einer Ente, eine mit der Schlagfläche nach oben gerichtete Basstrommel, Becken, Glocken, zwei Djemben, ein Schellendeckchen auf dem Oberschenkel und allerlei weitere hölzerne und metallische Klangkörper.

Dieses Arsenal bearbeitet Norbakken gern mit im Wald gefundenen Buchen- und Birkenzweigen, Reisigbündeln oder einfach mit den Fingerkuppen. Dabei scheint er mitunter ganz in seinem Spiel zu versinken, sich aus den Stücken zu verabschieden, einen eigenen Weg einzuschlagen, um irgendwann wieder zielsicher auf den gemeinsamen Weg einzubiegen.

In unseren Gefilden eher selten zu hören, ist auch die arabische Laute, die Oud. Khatib schlägt die Saiten mal wie eine begleitende Rhythmusgitarre an, brilliert aber besonders, wenn er mit der Rischa, quasi ein in der Handfläche verborgenes Riesenplektrum, die Saitenpaare zupft. Asymmetrisch akzentuierte Tonfolgen bekommen in westlich sozialisierten Ohren einen fast eiernden, gewundenen Klang, doch Khatib verharrt keineswegs in orientalischen Mustern.

Und neckt gern Pavlovic, wenn jener Khatibs Lied „A Song I Wrote For You“ als Widmung an ihn selbst sehen möchte und dabei abblitzt. Auch wenn es das Lied für den Akkordeonspieler nicht gibt, drückt Pavlovic gut gelaunt die Knöpfchen und fliegt über die Tasten, die er in der Solo-Zugabe „Snow in May“ fast perkussiv anschlägt. Am Ende anhaltende Standing Ovations.



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