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Wie lebt es sich mit Synästhesie?

„Joe Cocker klingt in der Mitte leicht rosa“

veröffentlicht am 23.01.2015 um 15:04 Uhr
aktualisiert am 05.12.2017 um 14:30 Uhr

Synästhesie Matthias Waldeck

Hameln (ww). Es gibt Menschen, für die ist das T orangefarben, Geigentöne sehen aus wie rote Kreise, Spinat schmeckt blau-silbern – oder gelb gestrichene Wände klingen in C-Dur. Die Wissenschaft bezeichnet dieses Phänomen als Synästhesie, als sogenannte Mitwahrnehmung: Wird ein Sinnesorgan gereizt, wird im Gehirn ein anderer Bereich der Wahrnehmung mitgereizt – auf dem Weg vom Auge zum entsprechenden Gehirnlappen nimmt der Sinnesreiz gewissermaßen eine Abkürzung, etwa über das Geschmackszentrum. Bekannt ist dieses Phänomen seit rund 300 Jahren, sich seinen Ursachen zu nähern und es damit auch vom Ruch der Einbildung zu befreien, ist Forschern erst in letzter Zeit gelungen.

Demnach handelt es sich um ein „Binding“-Problem: Binding ist die Fähigkeit des Gehirns, Reize so zu koppeln, dass ein einheitliches Ganzes entsteht. Die Gehirne von Synästhetikern sind zu „Hyperbinding“ in der Lage – sie verfügen über mehr Kopplungen als üblich. Die Nervenverbindungen ähneln dabei denen von Säuglingen: Babys nehmen Hör-, Seh- und Berührungsreize als ein Gemisch wahr. Erst mit etwa drei Lebensmonaten werden die verschiedenen Reize unterschieden und die neuronalen Verbindungen verschwinden. Bei Synästhetikern allerdings bleiben sie bestehen – und ermöglichen somit beispielsweise das Farbenhören, die häufigste Form der Synästhesie.

„Synästhetiker haben eine völlig andere Wahrnehmung. Sie sind aber nicht krank, sondern völlig normal“, erklärt Markus Zedler, Mitglied des Synästhesie-Forschungs-Teams der Medizinischen Hochschule Hannover. Noch Mitte der 1970er Jahre ging man davon aus, dass es im Schnitt unter zwei Millionen Menschen einen Synästhetiker gebe; neuere Forschungen schätzen das Verhältnis auf 1:200 bis 1:1000. Etwa 85 Prozent sind Frauen. Als Persönlichkeitsmerkmal hat Zedler bei Synästhetikern unter anderem eine „verstärkte Intuition“ festgestellt: sie hätten eine Art Vorahnung, „nicht im parapsychologischen Sinn, sondern als Wissen um Dinge, noch bevor sie analysiert sind“. Zudem seien viele Synästhetiker ausgesprochen kreativ, oft ist das Phänomen auch an eine Hochbegabung gekoppelt.

Auch für Matthias Waldeck war immer völlig klar: Wagners „Rheingold“ besteht aus braunen und gelben Röhren. Bis er feststellte, dass seine Mitmenschen die Welt anders wahrnehmen. Im Interview erklärt er, wie er seine Umwelt wahrnimmt – und wie für ihn Lachen aussieht.

Matthias, wie nimmst du deine Umwelt wahr?
Alles, was ich höre, wird automatisch in eine dreidimensionale Form und in eine Farbe umgewandelt. Auf einer Art innerem Monitor, der mich wie eine Kugel umgibt, visualisiere ich jedes Geräusch, das ich wahrnehme. Wird das Geräusch hinter mir erzeugt, dann „sehe“ ich es auch hinter mir – Synästhetiker reden oft von „sehen“, obwohl es eigentlich eher ein Empfinden ist. Dabei habe ich hinten natürlich keine Augen.

Sehen unterschiedliche Geräusche unterschiedlich aus?
So ist es. Wobei man sagen muss: Jeder Synästhetiker hat sein eigenes „Lexikon“ – wenn zehn „Farbenhörern“ dasselbe Musikstück vorgespielt wird, dann würde jeder dieses Stück farblich anders beschreiben. Bei mir ist das so: Blechblasinstrumente nehme ich gelb wahr, einen langen Trompetenton etwa als gelbe Röhre. Je höher der Ton, desto höher, schmaler und heller die Röhre: Die Tuba zum Beispiel erzeugt eine breitere, dunklere Röhre als die Trompete. Geigenklänge sehe ich als dünne, braune Wollfäden, den Kontrabass als sehr breiten, dunklen Faden. Flötentöne sind hell- bis dunkelrote Röhren mit metallener Oberfläche, Schlaginstrumente sind silbrig-glänzend.

Und wie ist es mit Wörtern? Welche Formen und Farben erzeugen bei dir menschliche Stimmen?
Alles das, was ich denke, spreche und höre, setze ich automatisch in ein Textlaufband um, wie bei einer Nachrichtensendung. Wenn du sprichst, ist das Band genau vor deinem Mund – sprechen mehrere Leute gleichzeitig, sehe ich verschiedene Laufbänder aus unterschiedlichen Richtungen. Wenn ich nicht lesen kann, was jemand sagt, dann verstehe ich ihn auch nicht.

Eine Farbe erzeugt meine Stimme also nicht?
Doch, ich sehe die Wörter, die du sprichst, in deiner Stimmfarbe.

Welche ist denn meine Stimmfarbe?
Das ist leider alles Grau.

Das klingt ja nicht so toll.
Das sagt jeder. Aber wenn du singen würdest, würde dieses Grau etwas Farbe bekommen und aufgeraut werden. Je weicher die Stimme, desto glatter wird die Oberfläche der Buchstaben: Louis Armstrongs Stimme nehme ich gelblich-grau und sehr stark aufgeraut wahr, Joe Cocker klingt in der Mitte leicht rosa und an den Rändern grau ausgefranst.

Gibt es auch heute noch Dinge, die du an dir, an deiner Begabung, neu entdeckst?
Ja, ständig. Eines meiner Bilder ist erst vor kurzem entstanden: „Husten über abtauender Schneelandschaft“. Da war ich bei Tauwetter unterwegs, und plötzlich hustete jemand. Ich habe schon tausend Leute tausendmal husten gehört, aber dieses Husten war so charakteristisch, das hatte ich in dieser Form noch nie so gehört. Es stand fast plastisch vor mir.

Wie sieht denn Lachen für dich aus?
Wenn jemand lacht, sehe ich vor seinem Gesicht ein „Hahahahaha“.

Im Ernst? (lacht)
Bei dir ist es eher ein „Hihihihihi“.

Wann hast du gemerkt, dass du die Dinge anders wahrnimmst als die meisten deiner Mitmenschen?
Das ist vor 40 Jahren im Musikunterricht entdeckt worden. Wir haben die Oper „Das Rheingold“ von Richard Wagner gehört, das Vorspiel, und sollten unseren Höreindruck wiedergeben. Als ich drankam, erzählte ich etwas von braunen und gelben Linien, die sich an der Tafel vorbei zum Fenster ziehen – und alle guckten mich groß an. Ich war damals völlig überrascht, dass meine Mitschüler die Farben nicht sehen konnten! Für mich war das selbstverständlich. Diese Schwierigkeit beschäftigt vor allem junge Synästhetiker oft: Sie haben das Gefühl, nicht ganz normal zu sein.

Ist es möglich, dass deine Synästhesie eines Tages verschwindet?
Ja, das kann sein, durch einen Schlaganfall zum Beispiel. Dann müsste ich mich völlig neu orientieren. Das geht bei so einfachen Dingen los: Wenn ich im Radio ein bekanntes Lied höre, zum Beispiel „Let it be“ von den Beatles, sehe ich ein bestimmtes Bild. Es ist immer dasselbe Bild. Wenn aber jemand „Let it be“ auf der Gitarre spielt, ohne dazu zu singen, kann es passieren, dass ich das Lied nicht erkenne, weil das Bild ein anderes ist. Es sieht anders aus, ich kann es im Gedächtnis nicht abrufen.

 

Interview: Wiebke Westphal



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