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Erste Ergebnisse des Bildungshaus-Projektes von Emmerthal liegen vor

Jetzt fließen viel weniger Tränen

Emmerthal. „Den Lehrern fehlen häufig der Blick und die Zeit wegen der vorgegebenen Rahmenbedingungen, die Besonderheiten von Kindern mit Migrationshintergrund oder von solchen aus sozial schwachen Familien zu erkennen, obwohl gerade diese Kinder dringend der Förderung bedürfen.“ Dr. Isabel Sievers weiß, wovon sie spricht, denn sie begleitet das Emmerthaler Projekt „Bildungshaus“ – die Verzahnung von Schule und Kindergarten – wissenschaftlich. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Uni Hannover ist sie Koordinatorin der Arbeitsstelle „Diversität, Migration, Bildung“, kurz auch „Diversitas“ genannt. Die Aufgabe der Arbeitsstelle ist es, die Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungsprozesse auf die Bildungslandschaft zu untersuchen.

veröffentlicht am 11.09.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 04:41 Uhr

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Autor:

Wolfhard F. Truchseß
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Als Beispiele nennt Isabel Sievers Migrationsprozesse und den demografischen Wandel, Veränderungen der Schüler- und der Elternschaft und die Begleitung der Diskussion in Forschung und Lehre. Als zentralen Punkt in der heutigen Lehrerausbildung bezeichnet sie in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit, künftige Pädagogen zu mehr Sensibilität für Vielfalt auszubilden, wie sie zum Beispiel durch unterschiedliche Religionszugehörigkeit gegeben sei oder im Umgang mit mehrsprachigen Kindern. Das sei leider immer noch nicht Gegenstand der Pflichtveranstaltungen für die Lehramtsstudenten, aber es bestehe die Möglichkeit, an der Uni Hannover freiwillig ein Zusatzzertifikat für „interkulturelle Pädagogik“ zu erwerben.

Über das Bildungshaus in Emmerthal hat Dr. Sievers jetzt gemeinsam mit anderen Autoren ein Buch geschrieben, das heute vorgestellt werden soll. Mit dem Buch solle vor allem „mehr Transparenz in den Prozess der Entwicklung des Bildungshauses gebracht werden“, erläutert die Wissenschaftlerin, denn dieser Prozess sei noch längst nicht beendet. Gestärkt werde die Authentizität der Darstellung durch den Ansatz „aus der Praxis für die Praxis“.

Ein großes Thema im Bildungshaus sei: Welches Bildungsverständnis haben die Akteure? Dazu gehörten Fragen wie die folgenden: Wie soll ein Kind lernen? Wie kann ich es unterstützen? Welche Ziele habe ich für ein Kind? Welches Bild habe ich von einem Kind und seinem biografischen Hintergrund? Welche Rolle spiele ich als Lehrer oder Erzieher für das Kind und für das Erreichen der Ziele?

Das Ergebnis der Untersuchungen darüber: In Kita und Schule herrschte bisher ein sehr unterschiedliches Bildungsverständnis. Der Auftrag für die Schule sei klar der Vermittlung der kulturellen Grundtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen mit einem engen Rahmen und wenig Nischen verpflichtet. Im Kindergarten gehe es stärker um Förderung und Stärkung, orientiert an den Potenzialen, die in einem Kind stecken. Darüber würden sehr differenzierte Bildungs- und Lernberichte für jedes einzelne Kind und seine Kreativität verfasst. In der Schule werde das erreichte oder auch nicht erreichte Lernziel ab der dritten Klasse dagegen mit Noten abgebildet.

Als wichtigen Baustein für den Prozess bezeichnet Isabel Sievers die gemeinsamen Projekttage und Fortbildungsveranstaltungen unter der Moderation der Sozialpädagogin Barbara Göger. Das habe dazu geführt, dass sich im Verständnis der Akteure für die jeweils andere Einrichtung sehr viel verändert habe, bilanziert Dr. Sievers für die vergangenen Monate. In der Kita etwa sei der Ausgangspunkt gewesen, dass wenig vom Lehreralltag und von den vom Staat vorgegebenen Rahmenbedingungen bekannt war. Jetzt gebe es „Kommunikation auf Augenhöhe und die Anerkennung der Arbeit der anderen“. Für die Lehrer habe der intensive Austausch die Erkenntnis gebracht, dass die Kita nicht „nur“ ein Ort des Spielens sei, sondern hier viele Lernprozesse in Gang gebracht werden. Und eine ganz praktische Folge der Verzahnung sei auch, dass die Kooperation zu einer wesentlich flexibleren und intensiveren Sprachförderung im letzten Kindergartenjahr geführt habe. „Das war für mich ein ganz wichtiges Ergebnis“, betont die wissenschaftliche Begleiterin.

Bemerkenswert an dem Prozess des Bildungshauses ist, dass in die Beurteilung der Fortschritte auch die Kinder einbezogen werden. Mit einem von Isabel Sievers entwickelten Leitfaden wurden die Erzieherinnen geschult, Gruppendiskussionen mit den Kindern zu führen, bei denen eine Handpuppe eine große Rolle als Interviewpartner spielt. Ziel dieser Diskussionen sei, den Übergang von der Kita zur Schule angstfreier zu gestalten. Dokumentiert würden diese Diskussionen per Video, dadurch werde auch der Austausch auf der wissenschaftlichen Ebene erleichtert.

Seien die Auffassungen der Erzieher und Lehrkräfte, wie sich Kinder beim „Bildungsübergang“ fühlten, vorher eher diffus gewesen, wüssten sie nun, welche konkreten Ängste und Fragen Kinder in diesem Zusammenhang hätten. Die Konsequenz sei gewesen, dass im Rahmen des Bildungshauses nicht immer neue Sonder-Aktionen für die Kinder veranstaltet werden, sondern Kinder jetzt den Schulalltag richtig kennenlernen können und sich auch altersübergreifende Lern- und Spielprojekte entwickeln. Damit seien die Kita-Kinder in der letzten Diskussionsrunde vor den Sommerferien sehr viel sicherer in ihren Fragen und schon „kleine Schulexperten“ geworden. Und von den Lehrern werde bestätigt, dass die Abc-Schützen jetzt sehr viel besser auf den Schulalltag vorbereitet seien und sehr viel weniger Tränen flössen.

Termin: Zur Vorstellung der Zwischenergebnisse laden Dr. Isabel Sievers, Bürgermeister Andreas Grossmann und die Projektgruppe am heutigen Mittwoch, 11. September, ab 17.30 Uhr in die kleine Kultur(n)halle Emmerthal ein.



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