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Vater holt seinen neunjährigen Sohn nach Rohrsen / „Ich fühle mich sehr gut in Deutschland“

Jeffs neues Leben nach dem Beben von Haiti

Hameln. Wie durch ein Wunder hat der neunjährige Jeff Alexis das schwere Erdbeben in Haiti Mitte Januar überlebt. In letzter Sekunde konnte ihn seine Tante Marie Mika aus dem zusammenstürzenden Haus retten. Von Jeffs Mutter fehlte anfangs jede Spur; Jeffs Vater lebt mehrere tausend Kilometer von seinem Sohn entfernt in Rohrsen. Kurz nach dem Beben steht der Junge unter Schock. Er kommt zunächst bei Verwandten südlich von Port-au-Prince in Cayes unter. Kurz darauf erfährt der Junge, dass seiner Mutter, die zur Zeit des Bebens in einer anderen Stadt gearbeitet hat, nichts passiert ist und sie überlebt hat. Was Jeff nicht weiß: Sein Vater ist in großer Sorge um ihn und bereits auf dem Weg von Rohrsen nach Haiti…

veröffentlicht am 16.02.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 10.11.2016 um 18:21 Uhr

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Autor:

Julian Mau
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Nicht einmal sechs Wochen später steht der kleine Jeff zusammen mit seinem Vater, der ebenfalls Jeff heißt, in der Kinderabteilung von C&A in der Hamelner Innenstadt. Hier kaufen sie Hosen, Unterwäsche, Pullis, T-Shirts, eine Jacke und Schuhe für seinen Neuanfang in Deutschland.

„Comment ça va?“, – wie gefällt dir das? – fragt der Vater seinen Sohn vor dem Kleiderständer, an dem Dutzende gestreifte T-Shirts hängen. „Gut“, antwortet der Neunjährige auf Kreolisch. Mit seinen großen braunen Kulleraugen betrachtet er die prallgefüllten Regale in dem für sein Empfinden riesigen Geschäft.

Bis auf die eine Kapuzenjacke, findet Chachou, wie Jeff liebevoll von seinem Vater genannt wird, alles ganz gut in Deutschland. Nur an das kalte norddeutsche Wetter muss sich der junge Haitianer noch gewöhnen. „Wenn man hier draußen atmet, kommt Rauch aus einem raus“, staunt er. „Und mir taten die Hände nach dem Spielen total weh. Sie haben richtig gebrannt“, beschreibt Jeff seine ersten Berührungen mit Schnee. Letzte Woche hat Chachou nämlich mit dem Sohn von Jeff Alexis’ Chef gespielt. Sein Vater freut sich: „Er war total glücklich. Die beiden haben richtig getobt.“

Überglücklich ist Jeff Alexis, dass sein Sohn kaum Heimweh hat und mit Zustimmung seiner Mutter jetzt bei ihm in Deutschland leben kann. „Dass ich mit ihm zusammen sein kann, ist etwas ganz Besonderes für mich. Ich fühle mich richtig gut“, strahlt Jeff Alexis, während sein Sohn Turnschuhe mit Klettverschluss und Spiderman-Motiv anprobiert.

Die neuen Schuhe sind gekauft. Genau wie zwei Hosen, fünf T-Shirts, die coole blaue Jacke und die Pullis und das neue Kuscheltier von Jeff. Ein kleines Plüschäffchen, das Geräusche macht, wenn man es schüttelt. Einen Namen hat Jeff dem Tierchen, von dem er nicht mehr loslässt, auch schon gegeben. „Er heißt Juju, weil es ein Mann ist.“

Nach dem Kleidungs- und Kuscheltierkauf, der von Reinhold Klostermann von der Hamelner Hilfsorganisation Interhelp gesponsert wurde, geht’s für Vater und Sohn noch weiter. Der Terminkalender der beiden ist zurzeit proppenvoll. Viel Papierkram ist zu erledigen. Eine neue Wohnung müssen sie auch noch finden. „Wenn es nach Chachou ginge, müssten wir nicht umziehen“, erzählt Jeff. „33 Quadratmeter sind seiner Meinung nach groß genug für uns beide. Und dass er sich mit mir ein Bett teilen muss, stört ihn auch nicht.“ Von Haiti kenne er es eben nicht anders. Deutschland sei purer Luxus für Chachou, erklärt sein Vater. „Hier gibt es immer Strom, wenn man will“, ist der Neunjährige von seiner neuen Heimat begeistert und freut sich schon auf die Schule. „Ich freue mich, ein paar Kinder kennenzulernen.“

Ob er Haiti denn gar nicht vermisse, fragt Jeff seinen Sohn. „Nein, ich fühle mich sehr gut in Deutschland“, ist die Antwort des genügsamen Jungen.

„Er ist total super und ganz unkompliziert“, beschreibt Reinhold Klostermann von der Hamelner Hilfsorganisation Interhelp seinen kleinen neuen Kumpel, den er immer mit einem „High-Five-Handschlag“ begrüßt. Klostermann ist mit einer Medical Task Force über drei Wochen im Krisengebiet gewesen und hat dort zusammen mit seinem Team rund 7200 Patienten versorgt. Die Helfer aus Hameln hat Jeff Alexis als Dolmetscher begleitet. Nach vielen Tagen voller Angst um sein Kind gab es dann endlich ein glückliches Wiedersehen.

Eine Einreisegenehmigung für seinen Sohn beantragte Jeff Alexis bereits vor seinem Aufbruch nach Haiti. Probleme gab es jedoch bei der deutschen Botschaft in Haiti: Pässe konnten hier nicht ausgestellt werden. Jeff musste mit seinem Sohn und Chachous Mutter erst zur deutschen Botschaft in die Dominikanische Republik fahren, um dort die nötigen Papiere für die Ausreise zu bekommen. Zusammen mit dem Interhelp-Team ging es schließlich zurück nach Deutschland, wo noch mehr Papierkram auf die wiedervereinte Familie wartet.

Für den Neunjährigen zählt aber erstmal nur eines: in Deutschland ankommen, einleben und zur Schule gehen. Denn der Junge aus Haiti hat einen Traum, wie er Reinhold Klostermann erzählt. „Ich will eine gute Ausbildung bekommen und dann Ingenieur werden, um dann in Haiti mitzuhelfen, alles wieder aufzubauen.“

Der neunjährige Haitianer Jeff lebt nach dem Erdbeben auf der Karibikinsel bei seinem Vater Jeff Alexis in Rohrsen.

Zusammen mit Reinhold Klostermann von Interhelp kaufen sie warme Kleidung.

Foto: Wal



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