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Konzert: 25. Februar in der Sumpfblume

Jazz-Musiker Dirk Engelhardt über den „Sound der Heimat“

HAMELN/BERLIN. Dirk Engelhardt weiß, wo er herkommt. Der Redaktion stellt er sich als Hamelenser vor. In Hameln kam er zur Welt, hier wuchs er auf. Auf die jugendliche Sportbegeisterung (Taekwondo) folgte die Liebe zur Musik. Zum Jazz. Engelhardt ging nach Berlin, studierte Jazz und klassisches Saxofon. Aus Kampfsport wurde Yoga. Heute teilt er sich die Bühne mit Musikern wie Till Brönner oder Marianne Rosenberg. Seiner Geburtsstadt ist er stets verbunden geblieben. Vor seinem Konzert am Sonntag, 25. Februar, in der Sumpfblume hat die Redaktion mit dem 59-Jährigen telefoniert und über den „Sound der Heimat“, seine Verbundenheit mit Hameln und natürlich über Jazz gesprochen.

veröffentlicht am 12.02.2018 um 13:19 Uhr
aktualisiert am 13.02.2018 um 13:10 Uhr

„Jazz ist für mich die Freiheit des Ausdrucks“, sagt Dirk Engelhardt. Foto: Uwe Arens/pr
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Hallo, Philipp Killmann von der Dewezet in Hameln hier …

Dirk Engelhardt: Aah – der Sound der Heimat!

Den erkennst du auf Anhieb? Woran?

Schwer zu sagen. Es ist eine Frage der Intonation. Neulich erst habe ich hier in Berlin in so einer kleinen Kneipe gespielt. Da kam ich zwischendurch mit jemandem ins Gespräch. Wir dachten erst beide, wir kennen uns aus Kreuzberg. Im Laufe des Abends sagte der dann aber zu mir: „Nee, ich kenn dich aus der Penny Station in Grießem!“ Da bin ich mit 15 immer mit dem Mofa hingefahren … Der hat mich am Ende jedenfalls an meiner Intonation erkannt.

Klingt nicht, als würdest du dich für deine Herkunft schämen. Aber in der Biografie auf deiner Website taucht Hameln nicht auf.

Weil ich erst in Berlin richtig angefangen habe, Musik zu machen. Dort begann meine Biografie als Musiker. In Hameln habe ich vor allem Sport gemacht, Taekwondo. Musik bedeutete da für mich eher, dass man zum Tanzen in die Clubs geht. Auch wenn ich schon ein bisschen Gitarre und früher auch Blockflöte gespielt habe und im Chor war. Aber richtig los mit der Musik ging es erst in Berlin, wo ich zunächst anfing, Romanistik und Germanistik zu studieren.

Wie fing das an?

Mein erstes Erweckungserlebnis hatte ich, als ich mir Miles Davis’ „Kind of Blue“ gekauft habe, ohne zu wissen, was mich erwartet. Das war noch in Hameln bei Musik-Kaufmann in der Bahnhofstraße, der ja früher selbst Jazz-Bassist war. Die Schallplatte ist heute ein Vermögen wert! So wollte ich dann auch spielen, also habe ich erst Altsaxofon gelernt und später Tenorsaxofon. Nach zwei Jahren habe ich dann mit dem Sprachstudium aufgehört und war nur noch im Übungsraum.

Inwiefern war „Kind of Blue“ dein Erweckungserlebnis?

Ich wollte eigentlich schon immer Gitarre spielen können, so wie die Jungs, mit denen ich nach der Schule im Bürgergarten gesessen habe. Denn die haben die Mädels bekommen. (lacht) Aber das war mir nicht vergönnt. Ich habe halt viel Sport gemacht, aber das war damals nicht so angesagt, nicht so cool. Ich hatte aber den Wunsch, ein Instrument richtig spielen zu lernen. Als ich dann bei der Bundeswehr war, habe ich mit Leuten zu tun gehabt, die nicht Soldaten waren und den ganzen Tag Jazz gehört haben. Die haben mich an die Musik herangeführt, nahmen mich mit auf das Moers-Jazz-Festival und so. Ein weiteres Erweckungserlebnis hatte ich dann in Paris, wo an der Seine ein Saxofonist zusammen mit einem schwarzen Conga-Spieler spielte. Das ist zwar ein sehr klischeehaftes Bild, aber es setzte sich in mir fest. Der Wunsch, mehr zu wissen und zu können, wurde immer größer.

Und was ist aus dem Kampfsport geworden?

Nix. (lacht) Heute mache ich nur noch Yoga.

Was fällt dir ein zu der Hamelner Band „Mein Härtz lässt dich grüßen“ (MHldg)?

Das ist das Nach-Hause-kommen. Weihnachten bin ich ja immer zu meinen Eltern gefahren. Und bei Tchibo in der Osterstraße habe ich dann Henning Brunotte, den ich noch vom Konfirmandenunterricht und Schiller-Gymnasium kannte, und Karin Burger, die inzwischen leider verstorben ist, von MHldg getroffen. Ich spielte zu der Zeit seit drei, vier Jahren Saxofon, ein Instrument, das damals eher außergewöhnlich war, aber ich war schon relativ weit. Als ich sie dann fragte, ob ich mal mitspielen darf, haben sie zwar erst ein bisschen komisch gekuckt, aber dann hat es total gut geklappt. Wir standen mit 20 Leuten auf der Bühne der Sumpfblume und haben gespielt.

Warst du dann ein fester Bestandteil der Band?

Nein, ich habe nur zwei, dreimal mitgespielt. Aber dadurch habe ich viele interessante Kontakte geknüpft, zum Beispiel zu Rolf Zielke (Jazz-Pianist aus Hameln; Anm. d. Red.).

Dann kennst du vielleicht auch noch den Jazzclub in der „Szene“ in der Ruthenstraße beziehungsweise später in der Alten Kaserne?

Nee. Der hatte ja auch so einen Dixieland-Ruf, und das hat mich nicht interessiert. Für mich gab es immer nur die Sumpfblume. Da habe ich auch später immer wieder gespielt, mit Inner Space zum Beispiel, das war ein Hard-Bop-Projekt.

Was verbindet dich heute noch mit deiner Geburtsstadt?

Ich habe in Hameln noch ein paar gute Freunde, die ich besuche. Es gibt auch alte Schulfreunde und Klassentreffen. Meine Eltern sind seit einigen Jahren verstorben, aber so ein- bis zweimal im Jahr fahre ich immer noch nach Hameln. Es sind die Menschen und die Landschaft, die mich mit dem Ort verbinden. Als Musiker habe ich ja einen radikalen Bruch vollzogen in meinem Leben. Als professioneller Musiker könnte ich so in Hameln nicht leben, da fehlt es einfach an den Möglichkeiten.

Jazz haftet ja immer etwas sehr Intellektuelles, Kopflastiges an, als wäre es eine Musik, die kompliziert und schwer zu verstehen ist. Was ist Jazz für dich?

Jazz ist für mich die Freiheit des Ausdrucks. Das Bild, das du da beschreibst, ist ein eher konservativer Blick, der so heute gar nicht mehr zutrifft. Zumindest in Berlin ist der Jazz sehr lebendig und das über alle Generationen hinweg. Da gibt es Free Jazz und Modern Jazz in kleinen Kneipen in Neukölln und die Leute hören richtig zu. Da werden völlig verrückte, freie Sachen gespielt und das in internationalen Konstellationen. New Orleans Jazz zum Beispiel, super virtuos. Das ist gerade eine unheimlich lebendige Zeit. Es gibt alle Stile und alle Vermischungen, oft von sehr hoher Qualität, wie zum Beispiel die Musik von Till Brönner, mit dem ich auch eine Zeit lang zusammen gespielt habe.

Geht es dir als Musiker darum, den Zuhörer zu berühren, oder die Fachleute zu überzeugen?

An erster Stelle steht für mich die Kommunikation mit anderen Musikern, durch die Musik miteinander zu sprechen. Und je mehr man weiss und kann, desto tiefer kann das Gespräch verlaufen. Das ist wie mit dem Lesen: Man muss das Alphabet kennen, um ein Wort lesen zu können, und die Worte verstehen, um den ganzen Satz lesen zu können. Dann erschließt sich Sinn und Schönheit, dann kommt die Intensität. Und dann geht es darum, in einer Band zu spielen und das alles gemeinsam zu realisieren.

Ich denke, wenn man emotional spielt, erreicht man auch die Leute. Letztendlich ist das der Punkt, und es macht viel Spaß, wenn man das Gefühl hat, das es auf einem guten Niveau stattfindet. Das hören dann auch die Kollegen oder das Fachpublikum, das jeden Ton analysiert.

Es gab die Beatles; mit wenigen Akkorden haben sie fantastische Musik gemacht. Man hört, wie sich John Lennon und Paul McCartney gegenseitig inspiriert haben.

Dietrich Fischer-Dieskau hat mal gesagt: „Ich will Zuhörer haben, die mitarbeiten.“ Es ist schön, wenn das Publikum etwas von der Sache versteht, aber natürlich freuen wir uns über Jeden, den wir emotional erreichen.

In deinem Pressetext heißt es, du musizierst „im Geiste der Jazz-Avantgarde der 70er Jahre und der Hard-Bop-Tradition“. Woran erkennt man diesen Geist?

(lacht) Ich spiele gerne etwas freiere Sachen, auch mal mit E-Bass und E-Gitarre, Fusion-Sound. Das habe ich viel gemacht. Aber auch viel Hard Bop, den ich viel spielte, als in ich in Paris lebte. Das ist für Jazz-Saxofonisten sozusagen die Universität des Jazz, da muss man mal durch. Aber ich spiele auch viele Jazz-Standards.

Und was sind die „europäischen Traditionen“, in denen du ebenfalls zuhause sein sollst?

Damit ist die klassische Musik und auch das freiere Spiel gemeint, der Free Jazz. Der kam zwar ursprünglich auch aus Amerika, aber die konsequenteren Antworten darauf kamen aus Europa. Was daran liegt, dass Jazz hier viel mehr Förderung erfahren hat. Für das freie Spiel habe ich ein Ohr.

Was ist das größte Missverständnis in Bezug auf Jazz?

Wahrscheinlich der Gedanke, dass es nur den einen „Jazzsound“ gibt oder gab. Die Vielfalt der Musik unter diesem Namen ist wirklich unendlich, und war es auch schon in früheren Zeiten.

Was erwartet die Zuhörer in der Sumpfblume?

Wir spielen Lieder aus dem Great American Songbook. Wir spielen als Band oft zusammen, sei es auf großen Veranstaltungen oder auch in kleinen Jazz-Clubs. Aber wir spielen auch in Jam-Sessions zusammen, ohne Arrangements, ohne Proben, wo wir einfach drauflos spielen können.

Um noch mal auf den Sound der Heimat zurückzukommen: Wie würde der im Jazz klingen?

Vielleicht wie eine Mischung aus Liedern wie „Am Brunnen vor dem Tore“ und verzerrten Gitarrenakkorden der legendären Hamelner Rockband „Tool“, dem harten Kern von MHldg.

Termin: Am Sonntag, 25. Februar, um 18 Uhr steht Dirk Engelhardt mit Wolfgang Köhler (Piano), Robin Draganic (Bass) und Denis Stilke (Drums) auf der Bühne der Sumpfblume. Gespielt werden Lieder aus dem „Great American Songbook“. Der Eintrittspreis beträgt 10 Euro.

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