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Letzter Teil: Das Quartier des Jazz-Club im „milieugeschädigten Gebäude“

Jazz im "Traumkeller" der Alten Kaserne

HAMELN. Die Alte Kaserne an der Deisterallee hat viele Menschen kommen und gehen sehen. Für die einen war sie Arbeitsplatz, für die anderen Wohnstätte. Für die Soldaten war sie beides. Auch der Jazz-Club war eine Zeit lang in der Alten Kaserne zu Hause.

veröffentlicht am 22.06.2018 um 09:38 Uhr
aktualisiert am 01.08.2018 um 13:35 Uhr

Für den Gang zur Toilette mussten sich die Besucher den Weg über die beschauliche Bühne bahnen. Foto: Bauer/Finke/pr
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Es war eine kurze, aber heiße Zeit des Jazz-Clubs in der Alten Kaserne. Spätestens wenn die Musiker in den kühlen Katakomben auf der Bühne ihren Hot Jazz, den Dixieland, zu spielen begannen, ging es in dem im Winter nur schwer beheizbaren Bühnenraum heiß her. Die Bühne, ein kleiner Bretterpodest, auf dem sich auch mal acht Musiker zugleich zurechtfinden mussten, das Publikum dicht gedrängt, um die 80 Personen fanden im Jazz-Club Platz – mehr nicht, erinnern sich Alfred Finke (73), der einstige Vorsitzende des Jazz-Clubs, und Club-Mitbegründer Ralph-Micha Bauer (65) im Gespräch mit der Dewezet.

Bauer betrieb mit Rolf „Rollie“ Quenzel in der Ruthenstraße 5 zunächst die „Szene“, eine Kulturkneipe. Eröffnet wurde die Szene (vorher: „Mühlenstübchen“, hinterher: „Journal“) 1976 mit einem Konzert der Funny Old House Jazz-Band aus Hannover. In der Szene trafen sich damals die Freunde des Jazz, vor allem des Dixieland und Swing. „In den 70ern gab es in Hameln eine große Jazz- und Skiffle-Szene“, sagt Bauer. Die „Szene“ war auch die Geburtsstätte der Coffee House Jazz-Band, rund um Posaunist und Bandleader Alfred Finke, die dort ihr erstes Konzert zum Besten gab.

Als der Fortbestand der „Szene“ wirtschaftlich auf der Kippe stand, gründeten 1979 etwa 30 Stammgäste den Jazz-Club, um die Kulturkneipe am Leben zu erhalten. Es half nichts. Im März 1980 wurde die Szene geschlossen. Aber der Jazz-Club lebte weiter. In der Tiefgarage des Kaufhauses Hertie (heute Standort der Stadtgalerie) stellte der Jazz-Club unter anderem im Verbund mit dem Hamburger Boogie-Woogie- und Blues-Pianisten Axel Zwingenberger, der Old Merry Tale Jazzband sowie der Dewezet den „Jazz im Untergrund“ auf die Beine. Rund 1000 Jazz-Fans nahmen an dem „Katakomben-Knüller“, wie die Dewezet 1980 berichtete, teil. Als Publikumsmagnete fungierten später, 1981, auch Musiker, wie der Blues- und Boogie-Pianist Vince Weber aus Hamburg.

„Alfred war der absolute Motor hinter dem Jazz-Club“, sagt Ralph-Micha Bauer (li.) über Alfred Finke (re.). Foto: pk
  • „Alfred war der absolute Motor hinter dem Jazz-Club“, sagt Ralph-Micha Bauer (li.) über Alfred Finke (re.). Foto: pk
Blues-Gitarrist Louisiana Red (1932-2012) auf der Bühne der Alten Kaserne live in Aktion. Foto: Alfred Finke/pr
  • Blues-Gitarrist Louisiana Red (1932-2012) auf der Bühne der Alten Kaserne live in Aktion. Foto: Alfred Finke/pr

Aber der Jazz-Club suchte weiter eine neue Bleibe. „Wir wollten einen Treffpunkt für Musiker, eine Szene für Livemusik“, schildert Finke. Nur wo? Fündig wurden die Jazzer 1981 in der Alten Kaserne. Der Onkel von Udo Apportin, Bassist der Coffee House Jazz-Band, war Fritz Kropp junior. Er vermietete die ehemaligen Ratsweinstuben für 250 D-Mark im Monat und unter der Bedingung, dass die Getränke bei Wein Kropp zu beziehen seien, an den Jazz-Club. Alfred Finke, der seit 1980 den Vorsitz übernommen hatte, war begeistert, sprach von seinem „Traumkeller“. Dass die Alte Kaserne, wie Ralph-Micha Bauer sagt, „ein milieugeschädigtes Gebäude“ war, störte die Jazz-Liebhaber nicht.

Wegen des feuchten Kellerklimas war das Klavier ständig verstimmt.

Alfred Finke, Ehem. Jazz-Club-Vorsitzender

Ebenso wenig, dass sie sich den Weg zur Toilette direkt über die Bühne bahnen mussten. Ein größeres Problem war das feuchte Kellerklima. „Das Klavier war ständig verstimmt“, erzählt Finke. Aber das hinderte Finke & Co. nicht daran, alle ein bis zwei Wochen zum Konzert an der Deisterallee zu laden und namhafte Jazz-Größen in den Keller des roten Backsteinbaus zu locken. Louisiana Red, Gottfried Böttger, Abbi Hübner, Claus Debusmann, sowie Bands aus Polen, Frankreich, Tschechien und England gaben sich im Hamelner Jazz-Club die Klinke in die Hand. Auch wenn das Budget knapp bemessen war, aber um des Jazzes willen kamen Club und Musiker immer wieder miteinander über überein. „Oft übernachteten die Musiker einfach bei uns zu Hause“, sagt Finke.

Bis der Abriss der Alten Kaserne anstand. 1983 lieferte der Jazz-Club noch einen, wie die Dewezet schrieb, „schwungvollen Abschied“ mit „einem zünftigen Oldtime- und Dixieland-Programm“. Doch der Jazz-Club saß nun wieder auf der Straße. Es folgten noch ein weiterer „Jazz im Untergrund“ in der Hertie-Tiefgarage sowie einzelne größere Jazz-Veranstaltungen hier und da – aber ein neues Domizil fand sich nicht mehr. Der Verein löste sich auf.

Aber die Coffee House Jazz-Band machte weiter. Noch heute spielt sie einmal im Jahr im „Lalu“ im Hefehof – „auch ein rotes Backsteingebäude“, zieht Finke eine Parallele.

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