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Im Knast rumort es

JA-Mitarbeiter fordern mehr Personal und Geld

HAMELN. Die Arbeit im Gefängnis leidet an zunehmend unattraktiveren Arbeitsbedingungen. Rund 200 niedersächsische Justizvollzugsbedienstete haben deshalb Mitte Dezember vor dem Niedersächsischen Landtag für mehr Personal und bessere Bezahlung demonstriert, darunter auch 35 Bedienstete der Jugendanstalt Tündern.

veröffentlicht am 28.12.2018 um 06:00 Uhr

Mit Sorge registrieren die Justizvollzugsbeamten, dass qualifizierter Nachwuchs kaum Interesse am Job in der JA zeigt. Foto: Wal
Dorothee Balzereit

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Um es vorwegzunehmen: Justizvollzugsbeamtin Christiane Ende mag ihren Job in der Jugendstrafanstalt Tündern. Trotz Schichtdienst, trotz zunehmend schwieriger Klientel. Sie hätte auch gern über die Feiertage gearbeitet. Die Zuschläge, sagt die 46-Jährige, hätte sie gut gebrauchen können. Stattdessen musste sie freinehmen, denn sonst hätten zu viele Frauen Dienst gemacht. Manche Sachen, wie zum Beispiel das Abnehmen einer Urinprobe oder Entkleiden der Häftlinge könnten eben nur männliche Bedienstete erledigen.

Doch es sei besonders der männliche Nachwuchs, der im Knast fehle, sagt Christiane Ende. Das liege wohl weniger am Job selbst, als an den zunehmend unattraktiveren Arbeitsbedingungen und der Bezahlung, vermutet die Vorsitzende des VNSB-Ortsverbandes Hameln (Verband Niedersächsischer Strafvollzugsbediensteter). Nach Streichung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld und der Erhöhung der Arbeitszeit von 38,5 auf 40 Stunden sollen die Beamten statt wie bisher bis 60 ab 2019 bis 62 Jahre arbeiten. Rund 200 niedersächsische Justizvollzugsbedienstete demonstrierten deshalb Mitte Dezember vor dem Niedersächsischen Landtag für mehr Personal und bessere Bezahlung, darunter auch 35 Bedienstete der Jugendanstalt Tündern.

Mit Sorge registrieren die Beamten dort, dass qualifizierter Nachwuchs kaum Interesse am Job zeigt, immer schwerer falle es, gegen die Konkurrenz aus der freien Wirtschaft zu bestehen. Dass man die Hürden bei Einstellungstests, wie zum Beispiel beim Diktat, heruntergesetzt habe, nütze da nur wenig, sagt Christiane Ende. „Man bekommt so nicht die Leute, die man haben möchte.“ Auch die oft genannten Vorzüge, wie flexible Arbeitszeiten und gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf, würden für den Schichtdienst im Strafvollzug nur sehr eingeschränkt zutreffen.

Protestaktion der Justizvollzugsbeamten vor dem Landtag. Foto: pr
  • Protestaktion der Justizvollzugsbeamten vor dem Landtag. Foto: pr
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Die Rahmenbedingungen, so empfinden es die Bediensteten, korrelieren kaum mehr mit der steigenden Belastung. So sei der Umgang mit den Inhaftierten schwieriger geworden: „Die Zahl der Übergriffe ist gestiegen“, sagt Christiane Ende. Die Justizvollzugsbeamten müssten sich mit erhöhtem Drogenkonsum, einem gestiegenen Anteil an Migranten sowie vermehrten psychischen Erkrankungen auseinandersetzen.

Fakt ist auch: Die Untersuchungshaft für die Jüngeren bis 18 Jahre wurde 2016 um die U-Haft für Häftlinge von 21 bis 23 Jahre erweitert. Letztere wurde aufgemacht, um die rappelvollen Haftanstalten für Erwachsene zu entlasten. Demnächst, so Christiane Ende, soll die JA auf Beschluss des Justizministeriums 60 weitere Inhaftierte aus Vechta übernehmen. Auch für die Heranwachsenden bis 24 Jahre, die eigentlich nach Erwachsenenstrafrecht abgeurteilt wurden, werde es zu eng in der dortigen Haftanstalt.

Die Gefängnisleitung habe ein Konzept erstellt, um die neue Situation aufzufangen. Doch ähnlich wie bei der Eröffnung der psychiatrischen Abteilung der JA im November 2017, wurden für die zusätzlichen Einrichtungen nicht mehr Justizvollzugsbedienstete eingestellt. Der hohe Krankenstand unter den Mitarbeitern verwundere bei den Betroffenen niemanden mehr, heißt es. „Es wird immer schwieriger, die Schichten zu besetzen“, sagt Christiane Ende.

Noch erreiche man beim Stellenplan das vorgegebene Ziel nahezu. Anteil daran haben auch die Angestellten der JA. Gemeint sind Mitarbeiter, die nur Ein- bis Zweijahresverträge haben und zum Beispiel nicht verbeamtet werden, weil sie schon das 40. Lebensjahr überschritten haben.

Christiane Ende hatte Glück. Die heute 46-Jährige hat 2012 in der JA angefangen und ist verbeamtet. Die frühere Postbeamtin gehört zu den Quereinsteigern, die in der JA gern gesehen werden, weil sie viel Erfahrung mitbringen. Bezahlt werden Justizvollzugsfachwirte nach Beamtentarif A 7 bis A 9.

Doch nicht bei jedem Quereinsteiger schlägt sich die Erfahrung heute im Gehalt nieder: Denn seit die Bezahlung nach Altersstufe von der Bezahlung nach Erfahrungsstufe abgelöst wurde, wird die Ausbildungszeit nicht mehr angerechnet.

Christiane Ende erzählt von einem jungen Mann, der nach seiner zweijährigen Ausbildung in der Psychiatrie in die JA wechseln wollte. Nach der neuen Verordnung würden nun aber rund 400 Euro beim Gehalt fehlen, die ihm schon zugesichert worden seien. Er werde nun nicht in die JA wechseln. Das, sagt Christiane Ende, sei das falsche Signal in Zeiten wachsenden Fachkräftemangels. Sie und ihre Kollegen fordern deshalb: „Sparpolitik darf nicht da anfangen, wo es um die Sicherheit geht.“



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