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Eintrag auf Militärkarte aber sicherlich kein Hinweis auf einen mit Munition gefüllten Großstollen in Hameln

Ja, es gab einen Bunker …

Hameln. „Bunker im Untergrund?“ – so fragte die Dewezet vor zwei Monaten mit Blick auf das Militärgelände oberhalb vom Reimerdeskamp in Hameln. Es ist eine mysteriöse Geschichte, die eine aktuelle Brisanz bekommt, weil das Gebiet inzwischen von der britischen Armee an die Bundesrepublik übergeben worden ist; dort soll eine große Anlage zur Sonnenenergienutzung errichtet werden. Grünen-Ratsherr Rainer Sagawe glaubt, dass auf dem Areal zur Zeit des Zweiten Weltkrieges eine große geheime unterirdische Anlage errichtet wurde, angeblich, um die Rüstungsproduktion aus dem Industriegebiet Süd zu verlagern und somit vor Bombardierung zu schützen. Die US-Soldaten, die Hameln eroberten, hätten in der Anlage später massenweise die in der Region eingesammelte Kriegsmunition eingelagert und die Zugänge später verschüttet. Handfeste Belege oder eindeutige Augenzeugenberichte hat Sagawe nicht. Der Dewezet liegt jetzt aber immerhin eine einst nicht für die Öffentlichkeit bestimmte militärische Karte von dem „Standortübungsplatz Hameln“ vor. Datiert ist sie auf das Jahr 1943. Und im Zentrum befindet sich tatsächlich der Eintrag „Bunker“.

veröffentlicht am 12.03.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 21:41 Uhr

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Marc Fisser

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Marc Fisser Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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Ist an dem Gerücht also doch mehr dran? Der Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom meint es nicht: „Der eingezeichnete Bunker ist höchstens zur Unterbringung von Übungsmunition geeignet.“ Die Aufschrift ist so klein, dass sie mit bloßem Auge kaum zu lesen ist – ein Hinweis auf die untergeordnete Bedeutung. Der Bunker liegt an dem Hang in einer Höhe von gut 120 Metern, ist also vom Wesertal her nicht mit Eisenbahnzügen zu erreichen, wie es Sagawe für den von ihm vermuteten Stollen zu wissen glaubt. Früher habe der Bahnanschluss, der heute westlich der Straße endet, bis zum Rotenberg gereicht, sagt der Lokalpolitiker. Sein Ratskollege Klaus Lamprecht bestätigt, dass noch in den 50er Jahren ein ungesichertes Gleis über den Reimerdeskamp hinweggeführt habe. Von einem Bunker und Munitionseinlagerungen weiß er aber aus eigener Beobachtung nichts. Wie auch die lokalen und überregionalen Be-

hörden abwinken. Immerhin sind sie, allen voran das Ordnungsamt der Stadt, gesetzlich verpflichtet, sofort aktiv zu werden, wenn sich der ernsthafte Verdacht einer Gefahr durch Kampfstoffe ergibt. Dann wäre der Kampfmittelbeseitigungsdienst in Hannover gefragt. „Wir würden zunächst die entsprechenden Unterlagen sichten und eventuell einen Ortstermin vereinbaren“, erklärt dort Behördenchef Thomas Bleicher. Der Sprengstoffexperte bestätigt, dass die deutsche Kriegsmunition von den Alliierten nach Abschluss der Kampfhandlungen eingesammelt und durch Sprengung vernichtet oder im Meer versenkt wurde. Ihm sei auch ein Fall bekannt, wo ein 700 Meter tiefer Bergwerksstollen als Endlager benutzt wurde. Die Gerüchte aus Hameln waren noch nicht bis nach Hannover vorgedrungen. Bleicher berichtet, dass üblicherweise nur noch kleine Mengen alter Kriegsmunition gefunden werden. Meist sei dieses Material damals planlos irgendwo vergraben worden. Große und unbekannte Bestände, wie für Hameln behauptet, wären also sehr ungewöhnlich.

Der Kampfmittelbeseitigungsdienst wertet für seine Arbeit Luftbilder der Alliierten aus. Allerdings wurden solche Fotos nur nach Luftangriffen angefertigt; Hamelns Nordstadt war kein Ziel der Bomberverbände. Auch das 1937 an der Kuhbrückenstraße eröffnete Domag-Werk, wo Flugzeugteile und Geschosshülsen für Flugabwehrgeschütze produziert wurden, blieb verschont. Gelderblom, der die Geschichte der Domag erforscht hat, ist nichts über eine damals geplante oder erfolgte Betriebsverlagerung zum Rotenberg bekannt. Auch darüber hatte Sagawe spekuliert. Gelderblom meint, dass ein solch großes Bauprojekt in Stadtnähe nicht auf Dauer hätte geheim gehalten werden können. Spätestens nach dem Krieg hätten Zeugen davon erzählt.

Die Landkarte von 1943 zeigt, dass große Flächen des Standortübungsplatzes land- und forstwirtschaftlich genutzt wurden. An der Einmündung des heutigen Bertholdsweges in den damaligen Weg „Bei Reimerdeskamp“ ist ein Kriegsgefangenenlager mit drei Baracken eingezeichnet. Gelderblom schätzt, dass dort je 60 Mann untergebracht waren. Der Historiker hat sich intensiv mit den Gefangenenlagern des Ersten und Zweiten Weltkriegs in Hameln befasst – dieses Lager ist ihm jedoch neu. Insofern haben die Bunker-Nachforschungen der Dewezet doch etwas Neues zutage gefördert.



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