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Altstadtgasse sucht nach Lösungen

Ist die Wendenstraße tot?

HAMELN. Ist die Wendenstraße tot?, wie Stefan Oevermann, der dort gerade seinen Musikladen geschlossen hat, behauptet. Immer mehr geschlossene Läden und nicht mal eine Weihnachtsbeleuchtung sind Anzeichen, wie schwer es Geschäftstreibende in den Seitengassen haben. Es wird dringend nach Lösungen gesucht.

veröffentlicht am 14.01.2019 um 10:47 Uhr
aktualisiert am 14.01.2019 um 11:20 Uhr

Vermisst wird in der Wendenstraße von vielen das Café „Kaffeestuben“ (rechts) an der Ecke Kupferschmiedestraße, das viel Laufkundschaft gebracht hat. Nach zwei Bränden liegen die einst urigen Räume brach, von einer Nachfolge weiß keiner. Auch andere
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite

Henni Wichmann hatte den richtigen Riecher: Er siedelte von Aerzen in die Hamelner Wendenstraße um und brachte es zu einigem Reichtum. Weil, so steht es auf der Internetseite „inschriften.net“, „von den alt eingesessesen Hamelner Kaufleuten niemand mehr „gehumoriert und geschickt“ war, erfolgreich Handel zu betreiben. Die Stagnation wusste der Kornhändler Wichmann demnach im Jahr 1613 für sich zu nutzen. Über 400 Jahre später sagt Stefan Oevermann, der dort gerade seinen Musikladen geschlossen hat: „Die Wendenstraße ist tot.“ Ein hartes Urteil. Vor allem für jene, die in dieser von prachtvollen Fachwerkhäusern gesäumten Straße als Geschäftsleute weitermachen.

Anders als in der breiten Bäckerstraße, von der die Wendenstraße abgeht, leuchtet hier kein Stern über der Straße, kein Lichterspruch, nichts Weihnacht- oder Winterliches. Dagegen in der parallel verlaufenden Fischpfortenstraße: Sterne. Die Weihnachtsbeleuchtung ist sicher nicht das Hauptproblem, aber doch symptomatisch für die Stimmung, die sich in der Wendenstraße verbreitet: Früher war mehr Lametta, mehr Weihnachtsbeleuchtung, mehr los. Voraussetzung für die Installation der erhellenden Deko ist, dass mehrere Anlieger an einem Strang ziehen und einen Obolus an das Stadtmarketing zahlen. Die Rechnung geht dann nicht auf, wenn es mehr Trittbrettfahrer als Zahlende gibt – an dieser Differenz entzündete sich in der Vergangenheit auch in anderen Innenstadtstraßen immer mal wieder ein Streit.

Während wenige von sich sachgemäß sagen „wir haben immer gezahlt und haben’s dann nicht mehr eingesehen“, vertreten andere die Meinung, dass die Beleuchtung Sache der Stadt sei, schließlich zahle man Gewerbesteuer, und sicherlich sorge die Weihnachtsbeleuchtung nicht dafür, dass Menschen in die Straße kommen. Stadtmanager Dennis Andres hält dagegen: „Licht lockt Leute“, sagt er. Bei der Anschaffung der Beleuchtung habe man einige Nebenstraßen weggelassen, „die sich nicht mehr beziehungsweise so gut wie nicht mehr an der Umlage für die Montage- und Demontagekosten beteiligt haben“, erläutert Andres. In einigen Straßen habe sich daraufhin „Initiative geregt“, so dass sich dort letztlich wieder mehr Händler finanziell beteiligt hätten. In der Wendenstraße habe es diese Initiative nicht gegeben.

Christel Hauptmeyer in ihrem Geschäft „Tordalk“ an der Wendenstraße. Sie erzählt, dass sie häufig auf Reaktionen treffe wie: „Ach, wo sind Sie denn – das kenne ich ja gar nicht.“ Foto: BHA
  • Christel Hauptmeyer in ihrem Geschäft „Tordalk“ an der Wendenstraße. Sie erzählt, dass sie häufig auf Reaktionen treffe wie: „Ach, wo sind Sie denn – das kenne ich ja gar nicht.“ Foto: BHA
In der Fischpfortenstraße, die ebenfalls von der Bäckerstraße abgeht, haben sich die Händler an der Weihnachtsbeleuchtung beteiligt.
  • In der Fischpfortenstraße, die ebenfalls von der Bäckerstraße abgeht, haben sich die Händler an der Weihnachtsbeleuchtung beteiligt.

Licht lockt – vor über zehn Jahren hatte die Stadt sogar einmal Fördermittel für die Wendenstraße beantragt und bekommen. Damit wurde unter anderem eine Beleuchtung der Häuser im Boden installiert. Nachhaltig war das nicht: Nach langwierigem Hin und Her, erzählt Günther Meyer von Unique, sei die Beleuchtung vor seinem Haus letztlich wieder entfernt worden, weil sie nicht funktioniert habe. Asphalt drüber, fertig.

Dunkelheit lockt jedenfalls keine Leute – so sieht es Christel Hauptmeyer, die seit 18 Jahren ihr Geschäft Tordalk an der Wendenstraße betreibt. Erst auf größerer Fläche, dort, wo jetzt der Musikladen leer steht, und seit zehn Jahren wenige Meter weiter im Haus Nummer 7. Wenn Christel Hauptmeyer umgeben von Lampen, Tassen, Decken, Kerzenleuchtern ins Erzählen kommt, wird deutlich: Sie brennt für ihr Geschäft und eigentlich auch für die Wendenstraße. Doch im Laufe der Jahre, so wird es auch deutlich, hat das Engagement für die Gemeinschaft nachgelassen, weil es schwer ist und müde macht, andere mitzuziehen. Früher – ein Wort, das im Zusammenhang mit der Wendenstraße häufig fällt –, früher war Heike Plate-Meyer von der Galerie Unique der Kopf der einer „Händlergemeinschaft Wendenstraße“. „Meine Ex-Frau hatte damit immer gut zu tun“, erzählt Günther Meyer. Zwei bis drei Tage im Monat habe sie dafür aufgewendet, habe versucht, alle einzubeziehen in extra Aktionen oder Dekorationsfragen.

Auch Christel Hauptmeyer hat den Kopf noch immer voller Ideen – was man nicht alles machen könnte, um mehr (auch kaufendes) Leben in die Altstadtgasse zu bringen. Allein es fehlt die Kraft: andere zu motivieren, voranzuschreiten, anzutreiben, noch höheren Einsatz zu bringen über jenen hinaus, der den Einzelhändlern ohnehin abverlangt wird, um dort existieren zu können. Auch Günther Meyer kann das nicht, wie er sagt, und andere, größere Pessimisten meinen, es sei auch gar nicht nötig, weil sich ohnehin nichts ändern würde. Außerdem, noch eine Meinung, sei letztlich jeder für seinen Laden verantwortlich und das, was er davor und darin veranstaltet. Schön wäre es aber dennoch, darin sind sie sich dann einig, wenn die Straße beispielsweise in Feste der Stadt einbezogen würden, irgendwie. Und sie nicht, wie Stefan Oevermann vom Musikgeschäft MOM sagte, zum Pissoir verkommt.

Für Stadtmanager Andres gestaltet sich die Wunscherfüllung schwierig: In den Seitenstraßen ist es zu eng, um allen Sicherheitsaspekten zu genügen, weswegen dort „nicht mit Ständen oder mit Bühnen gearbeitet werde“. Das heiße aber nicht, dass diese Gassen nicht von den Festen profitierten, ist er überzeugt. Und etwas auf die Beine stellen, das könnten die Händler auch ohne Bühne und Co. Oder sich an verkaufsoffenen Sonntagen beteiligen. Das wiederum ist aus Sicht der Einzelhändler leichter gesagt als getan: Wer die ganze Woche alleine im Laden steht, um über die Runden zu kommen, kann und will vielleicht auch nicht noch den Sonntag dranhängen. Auch, wenn Andres sagt, man dürfe da „nicht nur nach Zahlen gehen“ und auf kräftige Umsätze setzen. Doch er räumt ein: „Natürlich haben es die Seitenstraßen schwerer.“

Henni Wichmann, der in einer Inschrift verewigt ist – ihm ging es hier offenbar gut: Drei Häuser erwarb er in der Bäckerstraße und baute 1638 in der Wendenstraße das Haus Nummer 8, das auf einen neuen Mieter wartet.



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