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Regierung legt Gesetzentwurf vor / Die meisten sehen die sogenannte „Herdprämie“ skeptisch

Ist das Betreuungsgeld kontraproduktiv?

Hameln (CK). Gestern hat die Bundesregierung den Gesetzentwurf über das umstrittene Betreuungsgeld, von Kritikern oft auch als „Herdprämie“ bezeichnet, beschlossen; er soll noch vor der Sommerpause durch den Bundestag gebracht werden. Doch die Debatte darum ist noch längst nicht verstummt, die Meinungen über Sinn und Unsinn sind geteilt.

veröffentlicht am 07.06.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 05:41 Uhr

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„Das Betreuungsgeld ist der richtige Weg“, glaubt Walter Kinast (CDU). Der stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Kindertagesstätten, Schulen und Sport sieht darin eine Möglichkeit der Politik, auch diejenigen Eltern von kleinen Kindern finanziell zu unterstützen, die ihre Kleinen in der ersten Zeit selbst betreuen, statt sie in die Kita zu geben, zumal das jedem freigestellt sei. „Es reicht auch, Kinder im späteren Alter, etwa ab drei Jahren, in einer Kita anzumelden, damit sie Sozialverhalten lernen“, meint der Hamelner Christdemokrat. Außerdem hält er es prinzipiell für gut, wenn gerade in den ersten Lebensjahren eine intensive Beziehung zwischen Kind und Mutter (oder Vater) aufgebaut werden könne.

„Ich hatte oft Tagesfreizeit und habe es selbst genossen, alle drei Kinder mitzubetreuen, vom Wechseln der Windeln bis hin zum Füttern. Diese Erfahrung möchte ich nicht missen und kann sie auch anderen Eltern nur empfehlen“, sagt Kinast. Das von Kritikern oft genannte Risiko, das Betreuungsgeld würde gerade Eltern aus bildungsfernen Schichten davon abhalten, ihre Kinder in die Kita zu schicken, sodass die nicht von der frühkindlichen Bildung in diesen Einrichtungen profitieren würden. „Die Gefahr ist zwar durchaus da, stellt aber das Betreuungsgeld insgesamt nicht infrage“, so Kinast.

Elke Meyer (SPD) ist da völlig anderer Meinung. Die Vorsitzende des Ausschusses für Familie und Kultur (zugleich Jugendausschuss) hält das vor allem auf Betreiben der CSU initiierte Betreuungsgeld für den völlig falschen Weg. „Viel wichtiger ist es doch, die dringend benötigten Kita- und Krippenplätze für Kleinkinder zu schaffen, also die Millionen lieber in den Ausbau der Einrichtungen und in qualifiziertes Personal zu stecken“, sagt die Sozialdemokratin. Das nämlich sei es vor allem, was junge Familien heute ihrer Ansicht nach brauchen. „Die sogenannte Herdprämie zeigt das Grunddenken der CSU, die in der heutigen Zeit offenbar noch nicht angekommen ist“, kritisiert die Ausschussvorsitzende.

Ähnlich äußern sich Betreiber beziehungsweise Träger von Kindertagesstätten in Hameln. Christiane Heins, betriebswirtschaftliche Geschäftsführerin vom Verband der evangelisch-lutherischen Kindertagesstätten im Kirchenkreis Hameln-Pyrmont: „Wir stehen dem Betreuungsgeld ausgesprochen skeptisch gegenüber. Und es stellt sich die Frage, ob nicht viel mehr Wert auf gemeinschaftliche Bildung und Sozialkompetenz gelegt werden müsste, die ohnehin ein bisschen in den Hintergrund gerückt ist.“ Gerade Kinder, die es nötig hätten, würden vielleicht durch das Betreuungsgeld vom Besuch einer Kita abgehalten, vermutet sie. Ihre Einschätzung: „Das Betreuungsgeld ist da ganz klar kontraproduktiv.“

Auch beim heimischen Unternehmerverband AdU findet der Gesetzentwurf keine Gnade. „Wir sind gegen die Einführung eines Betreuungsgeldes“, sagt dessen Vorsitzender Ulrich Meyer. Grundsätzlich stehe der Arbeitgeberverband der Unternehmen im Weserbergland nämlich für jede Verbesserung und Erweiterung der Aus- und Weiterbildung – und diese beginne im Kleinkindalter.

„Gerade für bildungsferne und finanziell schwache Kreise der Bevölkerung stellt das Betreuungsgeld aus unserer Sicht jedoch eine Verlockung dar, das Kind zu Hause zu erziehen, um in den Genuss des Betreuungsgeldes zu kommen. Dies schafft einen falschen Anreiz. Es wäre aus Sicht des AdU deshalb sinnvoller, diese Gelder in die Verbesserung der Kita-Struktur zu investieren, um möglichst allen Bevölkerungsschichten die Gelegenheit zu geben, dieses ,Bildungsangebot‘ für die Kinder nutzen zu können“, sagt Meyer.

Beim Paritätischen zweifelt man ebenfalls am Sinn des Betreuungsgeldes, allerdings aus anderen Gründen. Geschäftsführer Norbert Raabe zum Beispiel hält es „für das Natürlichste auf der Welt“, wenn Mütter ihre Kinder in den ersten Lebensjahren selbst betreuen, was für ein gesundes Kind seiner Meinung nach besser ist. Aber er zweifelt, ob das wirklich vom Staat finanziell belohnt werden sollte. Und ob der Staat sein Versprechen halten könne, bis 2013 ausreichend Betreuungsplätze zu schaffen. „Weil man wohl Angst hat, dass Betroffene, die keinen Platz finden, klagen könnten, wird das Betreuungsgeld zum politischen Geschäft. Da geht es nicht um Logik oder Vernunft, sondern um einen politischen Kuhhandel“, vermutet er.



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