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Der deutsch-israelische Comedian über Lacher und Politik

Interview mit Shahak Shapira: „Humor hilft, Dinge auszuhalten“

HAMELN. Mit seiner Selfie-Kunstaktion „Yolocaust“ vor dem Holocaust-Denkmal in Berlin und mit seiner Sprayaktion vor der Hamburger Twitterzentrale sorgte der Satiriker Shahak Shapira für große Aufregung. Aktuell tourt der 30-Jährige mit seinem Programm „German Humor“ durch Deutschland. Wir haben mit ihm über deutschen Humor und Politik gesprochen.

veröffentlicht am 07.01.2019 um 12:13 Uhr
aktualisiert am 09.01.2019 um 14:26 Uhr

„Ich will deutschen Humor nicht immer schlecht machen“: Seit 2018 hat Comedian Shahak Shapira selbst einen deutschen Pass. Foto: mitunskannmanreden.de
Frank Henke

Autor

Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite

Die Eckdaten seiner Vita liefern erst mal wenig Grund zum Lachen: Aufgewachsen in einer jüdischen Siedlung im Westjordanland, emigrierte er mit Mutter und Bruder in eine ostdeutsche NPD-Hochburg. Später, am Silvesterabend 2014, wurde der junge Israeli in Berlin von einer Gruppe antisemitischer Männer arabischer Herkunft attackiert. Gefasst wurden die Täter nie. Und Shapira? Schrieb ein lustiges autobiografisches Buch („Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen!“), und machte Stand-up-Comedy. Aber nicht nur das: Anfang 2017 stellt er seine Seite „Yolocaust“ ins Netz: Dafür montierte er fröhliche Selfies, die Internetnutzer am Holocaust-Denkmal in Berlin gemacht hatten, vor Bilder aus NS-Vernichtungslagern. Dem Social-Media-Riesen Twitter sprühte er Hass-Tweets, die das Unternehmen nicht löschen wollte, in Kreide vor die Deutschland-Zentrale in Hamburg. Zusammen mit „Die Partei“ übernahm er auch schon mal die Kontrolle über nicht öffentliche Facebook-Gruppen der AfD. Am 18. Januar kommt der 30-Jährige nun mit seinem Programm „German Humor“ in die Hamelner Sumpfblume. Wir sprachen vorab mit ihm über Humor und Politik.

Herr Shapira, wie funktioniert deutscher Humor?

Ach, das fragen mich alle …

Wenn man sein Programm „German Humor“ nennt …

Ich versuche, es herauszufinden, seitdem ich hier in diesem Land bin. Wie deutscher Humor funktioniert, wie Humor generell funktioniert. Und ich merke, das ist nicht immer das Gleiche.

Wo hakt es in Deutschland besonders?

Ich will deutschen Humor nicht immer schlecht machen. Es ist keine homogene Masse, die sich mit nur einem Satz gerecht zusammenfassen lässt. Ich glaube, deutscher Humor ist bisschen wie deutscher Hip-Hop: wenn man abseits des Mainstreams schaut, findet man ein paar gute Sachen.

Ein Klassiker, der Deutschen oft vorgeworfen wird, ist mangelnde Fähigkeit zur Selbstironie …

Hm. Also, es gibt schon Selbstironie, die hört nur ziemlich schnell auf, wenn es zur Sache geht. Was immer gut ankommt, ist, wenn man auf die Bühne geht und sagt: „Hey, Strandtücher am Pool und Pünktlichkeit – typisch ihr!“. Aber wenn man sagt: „Hey, KZs – typisch ihr!“ – da hört die Selbstironie auf. Ich weiß aber nicht, ob das bei anderen Völkern nicht auch so ist – es ist halt nie so lustig, wenn es um dich geht. Manchmal reicht es auch, Fakten rein objektiv wiederzugeben, um Menschen zu verärgern. Ich hatte am Samstag einen Auftritt. Es war ein guter Auftritt, ich hatte Spaß. Aber mittendrin sind ein paar Leute rausgegangen, nachdem ich eine Nummer gemacht hatte, in der es darum geht, dass Auschwitz viereinhalb Sterne auf „Yelp“ hat. Ich dachte nicht, dass das etwas ist, womit ich meine deutschen Mitbürger beleidigen könnte, aber anscheinend tat ich das. Dabei ist das einfach nur eine Tatsache, dass Menschen ins Netz gehen und ein Vernichtungslager mit viereinhalb Sternen bewerten. Ich finde das nicht gut. Nur lustig.

Ist das dann nicht schon fast Rassismus, wenn man sagt: Die Briten oder Amerikaner sind lustig, die Deutschen weniger?

Nein. Briten sind keine Rasse und etwas nicht lustig finden ist kein Rassismus. Außerdem bin ich jetzt Deutscher, das ist nur Eigenkritik.

Genau, Sie haben seit 2017 die deutsche Staatsbürgerschaft ...

Nein, seit 2018. Das steht falsch bei Wikipedia. Ich habe jetzt auch eine Pollenallergie, was fast poetisch ist: Ich werde eingedeutscht und drei Monate später hasst mein Körper Blumen.

Erstmals ist – das dann sicher im Jahr 2017 – eine rechte Partei mit zweistelligem Ergebnis in den Bundestag eingezogen. War das ein guter Zeitpunkt, Deutscher zu werden?

Das klingt nicht nach einem so guten Zeitpunkt, wie Sie es jetzt beschreiben. Vielleicht aber auch gerade der richtige. Die Frage ist, wer diesmal gewinnt. Diesmal will ich nicht auf der falschen Seite stehen.

Sie haben kürzlich mal zum Thema Humor und Politik gepostet: „Ich verstehe nicht, dass Leute von Humor mehr erwarten, als Humor zu sein“. Das fand ich etwas überraschend, weil Sie ja anderseits immer wieder durch Aktionen Aufmerksamkeit erregen, die eine eindeutige gesellschaftliche oder politische Stoßrichtung haben: Yolocaust, die Twitter-Aktion, die Aktionen gegen AfD-Facebook-Gruppen.

Das sind Kunstprojekte. Es ist ja auch nicht so, dass die politisch etwas bewirkt hätten. Vielleicht habe ich bei Kunstprojekten etwas mehr den Anspruch, auf Dinge aufmerksam zu machen, meinen Senf dazu zu geben. Mehr kann und sollte ich als Künstler nicht bieten. Und als Comedian finde ich, dass Stand-up keine versteckte Agenda haben, sondern einfach ehrlich und lustig sein soll.

Wa ist dann das Motiv, wenn Sie etwas angehen wie die Aktion gegen AfD-Facebook-Gruppen?

Die Gruppen mussten einfach runtergenommen werden. Das war ein bürgerlicher Dienst, könnte man sagen. Ich verstehe nicht, warum man dem einen Stempel aufdrücken möchte. Es wurde gemacht. Jetzt sind die Gruppen nicht mehr da.

Das könnte man als politische Aktion sehen.

Könnte man, klar. Also ich habe kein monotones Konzept für mich als Person – ich will mich da nicht für die Öffentlichkeit festlegen. Der einzige Sinn, der sich für mich bei Humor erschließt, ist: Ich benutze ihn manchmal für Dinge, die ich ernsthaft nicht aushalten würde. Ich finde, Humor lebt in Tragödie auf. Aber ich benutze ihn nicht, um Dinge zu ändern.

Wenn Humor doch etwas ändert, ist das also nur ein Nebeneffekt?

Ja, aber das tut er selten. Er erlaubt mir nur, eine bessere Position einzunehmen. Ich finde, Humor kann dir eine sehr starke Position geben. Aber er bewegt jetzt keine wahrhaftige Änderung. Aber wie gesagt: Das soll er auch nicht. Er muss nur lustig sein.

Interview: Frank Henke

ACHTUNG: Der Auftritt wurde aus "organisatorischen Gründen" abgesagt. Bereits erworbene Tickets können an den Vorverkaufsstellen zurückgegeben werden.

Termin: Shahak Shapira: „German Humor“, Freitag, 18. Januar, 20 Uhr, Sumpfblume, Karten im Dewezet-Ticketshop.



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