weather-image
22°
Warum Krumbiegel für mehr Courage gegen rechtsextremes Gedankengut wirbt

Interview mit Sebastian Krumbiegel: „Sich schämen reicht nicht“

HAMELN. Das Thema Courage ist für Sebastian Krumbiegel (Die Prinzen) nicht erst seit dem traumatischen Überfall auf ihn durch Rechtsradikale enorm wichtig. Krumbiegel zieht eine Zwischenbilanz seines Lebens und verknüpft seine Biografie mit zeitgeschichtlichen Ereignissen. Sein Credo: Courage zeigen. Am Dienstag, 11. April, ist der Popstar um 19 Uhr im Lalu im Hamelner Hefehof zu Gast. Er wird im Hamelner Forum erzählen, warum ein Leben mit Haltung guttut. Wir haben mit ihm im Vorfeld gesprochen.

veröffentlicht am 10.04.2017 um 19:16 Uhr
aktualisiert am 10.04.2017 um 21:30 Uhr

Sebastian Krumbiegel zieht eine Zwischenbilanz seines Lebens. Foto: sebastian-krumbiegel.de
Avatar2

Autor

Katharina Mork Reporterin
Weiterlesen mit Ihrem Digital-Abonnement
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Im Juni 2003 wurdest Du von Rechtsextremen in einem Leipziger Park überfallen und zusammengeschlagen. Wie kam es dazu?
Sebastian Krumbiegel: Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort. In meinem Buch habe ich auch nicht deswegen drüber geschrieben, um eine gruselige Geschichte zu erzählen, sondern weil das, was danach passiert ist, viel wichtiger war. Ich habe den Täter im Vollzug besucht, weil er sich bei mir entschuldigen wollte. Dabei habe ich mitbekommen, welches Pech er und Glück ich im Leben hatte. Wären wir als Babys vertauscht worden, wäre vielleicht ich der Straftäter und er der Musiker. Ich will damit nicht die Tat relativieren. Nach der Aussprache ging es mir allerdings viel, viel besser.


Seit dem Angriff sind Sie nicht leiser geworden, im Gegenteil. Noch immer engagieren Sie sich gegen Rechts und sind momentan mit dem Buch „Courage zeigen“ auf Lesetour. Erfahren Sie weiterhin Gewaltandrohungen?
Natürlich übers Netz. Irgendwelche Hater auf Facebook, denen nicht gefällt, was ich mache, gibt es immer. Das ist dann eben dieser ganze Scheiß von „Gutmensch“ bis „linksversiffte Zecke“, das ganze Programm. Ich würde aber behaupten, dass mir mit der Zeit ’ne recht dicke Haut gewachsen ist, ich lese das auch alles gar nicht mehr. Damit beschmutzt man nur seinen Geist. Wenn mich jemand konstruktiv kritisiert, finde ich das immer gut. Aber wenn da nur Müll ausgekippt wird, tu ich mir das nicht mehr an.


Gerade der Osten Deutschlands fällt immer wieder mit Organisationen wie Pegida und rechtsmotivierten Übergriffen negativ auf. Wie würden Sie als gebürtiger Sachse das Lebensgefühl im Osten beschreiben?
Ständig werde ich von Bekannten gefragt, was denn bei uns in Sachsen los sei. Neulich kam eine Frau unter Tränen zu mir und sagte: „Herr Krumbiegel, ich schäme mich so für diese Menschen.“ Scham allein reicht aber nicht, da muss man aktiv etwas gegen tun. Diese sogenannten besorgten Bürger haben zwar in der Tat Sorgen, die man teilweise ernst nehmen muss. Ihnen muss aber auch verständlich gemacht werden, dass man mit diesen Sorgen nicht nach unten treten darf. Damit trifft man nur diejenigen, denen es noch dreckiger geht. Wir alle machen uns momentan Sorgen. Wenn jemand von seiner Rente nicht leben oder sich nicht mal einen Besuch im Kino leisten kann, nicht mehr an der Gesellschaft teilnehmen kann, dann muss man das ernst nehmen. Aber sobald diese Menschen anfangen, auf andere zu zielen, die aus Kriegsgebieten nach Europa fliehen, womöglich ihre Familie verloren haben, dann muss man diesen Leuten ganz klar sagen, dass das nicht cool und nicht demokratisch ist. Das ist 'ne Riesensauerei. Es reicht halt nicht, zu sagen, dass man sich für diese Menschen schämt. Man muss aktiv etwas gegen dieses Gedankengut machen und seine Stadt sozusagen „sauber halten“. In einer bunten Stadt wie Leipzig haben wir das auch ganz gut geschafft, aber in Dresden sind diese Menschen verschwindend gering, die sich gegen Rechts wehren. Leute aus dem Westen sollten aber nicht denken, dass man sich als dunkelhäutiger Mensch im Osten nicht auf die Straße trauen kann, das wäre wirklich übertrieben. Ich bin auch um Gottes Willen kein Augenwischer, der vor Problemen, die aufeinanderkrachende Kulturen nun mal verursachen, die Augen verschließt. Aber das Wichtigste ist, mit allen Leuten zu reden, den Dialog aufrechtzuerhalten. Wir im Osten wissen, dass Mauern Quatsch sind.


Sie sagten einmal: „Ohne Courage fällt Vergeben schwer“. Wie ist das gemeint?
Natürlich musst du auch den Mut vorweisen, zu so einem Typ hinzugehen, der dich mal geschlagen hat. Aber oft genug bin ich in meinem Leben überhaupt nicht mutig gewesen und will es mir auch gar nicht auf die Fahne schreiben. Courage soll auch immer dir selbst helfen. Als ich den Nazi besucht habe, der mich zusammengeschlagen hat, ging es mir halt viel besser danach, obwohl ich am Anfang gar keinen Bock drauf hatte.


Gab es je Zeiten, in denen Sie den Mut verloren haben?
Auf jeden Fall. Mein Lieblingsbeispiel ist jene berühmte Montagsdemonstration 1989. Am 9. Oktober gab es viele Gerüchte, die chinesische Lösung würde praktiziert werden, es sollte scharf geschossen werden. Niemand wusste, was passiert. Das Schüren dieser Ängste hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen, und ich bin deswegen nicht hingegangen. Ich war zu feige. Das ärgert mich bis heute unfassbar stark. Meine Hochachtung gilt den mutigen Menschen, die an diesem Tage auf die Straße gegangen sind. Ich muss mir noch heute von unserem Schlagzeuger anhören: „Na, wo warste am 9. Oktober 89? Ich war dabei!“ Ich bin alles andere als ein Held gewesen, aber auch das ist menschlich.


Haben Sie eine Empfehlung an jene, die sich nicht recht trauen, einzugreifen, wenn sie Zeuge von Gewalttaten werden?
Niemand sollte sich selbst in Gefahr bringen. Sei es nur, das Telefon zu zücken und die 110 zu wählen. Was zählt, ist in irgendeiner Weise einzugreifen. Gut ist auch, Lärm zu machen, sich andere Leute dazuzuholen und mit Worten einzugreifen. In den meisten Fällen geht es ja auch um Worte. Wenn jemand sagt „Du schwule Sau“, „Du Neger“ oder sonst was Rassistisches, Antisemitisches, Sexistisches. Da muss man immer reingrätschen. Im Netz und auf der Straße. Ich bin froh, mir das angewöhnt zu haben.

Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare