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„Auch die Gebildeten sind nicht gefeit“

Interview: Juna Grossmann blickt auf Antisemitismus im Alltag

HAMELN. Sie ist in der DDR groß geworden, ist Sonderpädagogin, Mitarbeiterin in Gedenkstätten und Museen, engagierte Bloggerin und Jüdin. Auf Einladung der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit las Juna Grossmann jetzt in der St. Augustinus-Kirche und im Schiller-Gymnasium. Im Interview spricht sie unter anderem über ihr Buch „Schonzeit vorbei“, Antisemitismus und Aufklärungsarbeit an den Schulen.

veröffentlicht am 22.09.2021 um 09:00 Uhr

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Frau Grossmann, „Schonzeit vorbei“, so heißt ihr neues Buch. Hat es je eine Schonzeit für Antisemitismus gegeben?
Juna Grossmann: Nein, es wurde immer behauptet, es hätte eine gegeben. Aber das ist jetzt vorbei – in beide Richtungen.


Es wird derzeit stark vor muslimischem Antisemitismus gewarnt. Eine Überbewertung?

Antisemitismus ist nie überbewertet, aber in Zahlen ist er nicht mehr als der klassisch deutsche Antisemitismus. Ich glaube, der Fokus wird zu sehr darauf gelenkt, um vom eigenen Antisemitismus abzulenken.


Der deutsche Antisemitismus hat sich in den vergangenen Jahren strukturell verändert?

Ja, und zwar von Rechtfertigungsgeschichten, dass man meinte, den Nationalsozialismus rechtfertigen zu müssen, und ist übergegangen in dieses schreckliche Wort ‚Israelkritik‘.


Ist Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft angekommen?

Da war er schon immer. Auch die Gebildeten sind nicht gefeit. In der Mehrzahl sind es komischerweise deutsche Ingenieure. Ich weiß auch nicht, warum gerade die so ein Faible dafür haben.


Seit vielen Jahren machen Generationen von Lehrerinnen und Lehrern Aufklärungsarbeit. Was ist da schief gegangen?
Nein, keiner von denen hat versagt. Insgesamt haben wir eine gute Erinnerungskultur. Die aber langsam einen Wandel braucht. Wir brauchen neue Konzepte, neue Sprachen. Vielleicht sollten wir die Schülerinnen und Schüler fragen und nicht immer nur vorsetzen. Und ganz wichtig: Antisemitismus kann man nicht nur mit der Vergangenheit bekämpfen, denn er ist gegenwärtig.


Also mehr und bessere politische Bildung?
Ja, wir müssen mehr Lust auf politische Bildung machen. Etwa in Volkshochschulen. Wir brauchen dafür mehr Zeit, Raum und Energie. Es fehlt am methodischen Reaktions- und Argumentationstraining für junge Lehrerinnen und Lehrer und Erwachsene. Die müssen die antisemitischen Codes erkennen können.


Und die Rolle der Medien?
Das Thema wurde zu lange vernachlässigt. In den vergangenen Jahren aber haben die Medien einen großen Schritt in die richtige Richtung gemacht.


Die Anfeindungen gegen Sie im Internet oder Briefen sind heftig. „Der Zug nach Auschwitz wartet“, heißt es da. Wie gehen Sie damit um?
Ich tue einfach in der anderen Richtung etwas, wie hier, versuche Menschen zu ermutigen, um was dagegen zu sagen.


Ermöglichen Social-Media-Möglichkeiten mehr Antisemitismus?
Man hört jetzt mehr und sie tönen mehr, aber sie haben ja vorher auch schon Mittel und Wege gehabt, nicht so massiv, aber nun ist es lauter.


Wie sehen Sie die Zukunft der Bekämpfung des Antisemitismus? Wird die Fridays-for-Future-Generation einen anderen Zugang finden müssen, da Zeitzeugen meist nicht mehr leben?
Ich bin da sehr optimistisch. Die müssen sich heute auch nicht immer die Frage stellen, ob sie einen Ausbildungsplatz finden. Sie haben mehr Zeit und Potenzial. Das ist meine Hoffnung.


Eine der von Ihnen favorisierten Aktionen ist „Meet a Jew“, ein Begegnungsprojekt des Zentralrates der Juden. Was ist das?
Das ist ein Zusammenschluss von über 200 Jüdinnen und Juden jeden Alters, ehrenamtlich, vom Atheisten bis zu Orthodoxen, und die erzählen in Schulen oder Gruppen, die das anfordern, vom normalen jüdischen Leben im Alltag.


Würden Sie eine Kippa in der Öffentlichkeit tragen?
Ich habe mich oft gefragt, was ich tun würde, wenn ich ein Mann wäre und so religiös wäre, dass ich das bräuchte, ich würde es nicht machen.
Interview: Ernst August Wolf


Hinweis zum Buch: Juna Grossmann: Schonzeit vorbei. Über das Leben mit dem alltäglichen Antisemitismus. Verlag Droemer Knauer, 160 Seiten, 14,99 Euro.



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