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Über sexuelle Gedanken im Alter und die ungebrochene Lust auf Musik

Interview: Extrabreit in Hameln - „weil es noch geht“

In den 80ern waren Extrabreit auf allen Kanälen. Dann hörte man lange Zeit nichts. Seit einiger Zeit sind die Punkrocker aus Hagen wieder erfolgreich unterwegs. Im Interview erklärt Kai Havaii, was die Musiker mit über 60 Jahren antreibt, was in den 1980ern besser war und welche Rolle Frauen heute spielen

veröffentlicht am 25.08.2021 um 08:00 Uhr

Dorothee Balzereit

Autor

Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite

Euer Hurra auf die brennende Schule ist legendär. Wie aufmüpfig seid ihr mit über 60 Jahren?

Kai Havaii: Na ja, dass wir heute keine Teenage Riots (Unruhe unter Teenagern, Anm. d. Red.) mehr anzetteln, liegt in der Natur der Sache. Auch dass Songthemen und Texte heute etwas anders sind als in der Sturm- und Drangphase vor über 40 Jahren. Immerhin versuchen wir, uns unsere Unabhängigkeit zu bewahren und ohne Schere im Kopf auszukommen.

Seid ihr es manchmal leid, die alten Songs zu spielen?
Kai Havaii: Nein. Die Livesituation ist ja immer wieder neu. Anderes Ambiente, andere Gesichter, andere, spontane Einfälle beim Spielen. So bleiben die alten Songs für uns lebendig.

Unbekümmertheit fehlt heute


Was treibt euch nach über 40 Jahren Karriere an, zusammen Musik zu machen?
Kai Havaii: Einfach, dass es noch geht! Es ist wirklich ein Geschenk, dass wir alle noch fit sind und dass die Leute noch kommen, um uns zu sehen. Wir wissen schließlich, dass das alles endlich ist, deshalb versuchen wir, so locker zu sein wie möglich und es in vollen Zügen zu genießen.


Wenn ihr auf die 1980er schaut: Vermisst ihr heute etwas?

Kai Havaii: Vielleicht eine gewisse Unbekümmertheit, auch Naivität. Die ganze Musikszene war noch nicht so durch und durch professionell und von A bis Z kommerzialisiert. Alles war wilder, spontaner, unberechenbarer. Das hatte viel für sich.

Wo verortet ihr euch selbst in der Neuen Deutschen Welle: in der unabhängigen oder der kommerziellen Ecke?
Kai Havaii: Entweder in keiner oder in beiden. Wir haben immer sowohl Partysongs wie „Flieger“ gemacht, aber auch tiefgängigere, manchmal sehr düstere Sachen wie „Der Präsident ist tot“. Ich glaube, gerade diese unorthodoxe Mischung macht für unsere Fans den Reiz aus.


2020 kam mit „Auf Ex!“ das erste neue Album nach 12 Jahren. Warum habt ihr so lange pausiert?

Kai Havaii: Wir haben über die letzten vier Jahre immer mal Songdemos gemacht, hatten aber nie das Gefühl, dass wir ein komplettes Album zusammenhaben. Und Iive lief es auch so gut. Aber dann kam Corona und wir haben all die Songs noch mal aus der Schublade geholt und ein paar ganz neue geschrieben. Und siehe da: Irgendwann kam „AUF EX!“ dabei heraus.


Wo liegt aus eurer Sicht die größte musikalische Veränderung zu früher?
Kai Havaii: Das eine ist, dass diese Naivität, diese jugendliche Unbekümmertheit, von der ich eben sprach, natürlich heute einer gewissen Routine gewichen ist. Und dass wir Techniken benutzen, die es damals nicht gab: Heute kriege ich zum Beispiel von Stefan Kleinkrieg per Mail ein Playback, auf das ich hier bei mir zu Hause einen Vocaltrack singe. Das geht dann zurück und wird weiter bearbeitet. Früher musste man für so was extra ein Studio mieten. Hat alles auch seine Vorteile.

„Wer ehrlich ist, wird zugeben, dass einen auch im etwas angefassteren Alter sexuelle Gedanken bewegen“


Mit dem Song „Annemarie“ habt ihr euren Gelüsten früher freien Lauf gelassen. Auf dem neuen Album gibt es den Song „Geiles Teil“. Ist die Lust immer noch ein großes Thema?
Na klar! Und das wird hoffentlich auch noch eine Weile so bleiben! Warum also nicht auch einen Song darüber machen? Wobei „Geiles Teil“ ja nun - angemessenerweise - sehr selbstironisch ist. Bei „Annemarie“ ging es noch um echten Sex, in „Geiles Teil“ findet alles nur noch in Gedanken statt. (Lacht)).


Wie schwer war es, wieder auf die musikalische Bühne zurückzukehren?
Kai Havaii: Hameln ist unser erstes Konzert seit fast zwei Jahren, das ist schon ein wenig aufregend. Aber ich denke, wenn die Lichter angehen, werden die alten Zirkusgäule wieder ihre Pirouetten drehen, so wie sie es gewohnt sind.


Worauf fährt euer Publikum am meisten ab?

Kai Havaii: Manchmal denke ich, dass sie uns einfach dafür abfeiern, dass wir immer noch leben (lacht). Im Ernst: Für die meisten ist es eine Zeitreise der Gefühle: Zurück zum Soundtrack ihrer Jugend und all den Aufregungen, krassen Erlebnissen und Freuden, die damit verbunden waren. Es gibt keine Zeit im Leben, die mehr prägt und in lebhafterer Erinnerung bleibt. Und die Leute auf diesen Trip zu schicken und zu sehen, wieviel Spaß sie dabei haben – das ist einfach schön!


2019 wart ihr schon mal in Hameln in der Sumpfblume. Was fällt euch als erstes ein, wenn ihr an Hameln denkt?
Kai Havaii: Natürlich als erstes der Rattenfänger! Eine schön schaurige Moritat über einen dreisten Vertragsbruch und eine überaus harte Sanktion. Dann, dass Hameln ein sehr hübsches, mittelalterliches Städtchen ist, wofür ich als Geschichtsfreak ein Faible habe. Und ja, auch an die „Sumpfblume“ erinnere ich mich gut. War ein prima Konzert.


Extrabreit: 27. August, Upnor-Gelände, Fischbecker Landstraße, Einlass: 17 Uhr, Beginn: 19 Uhr. Karten gibt es noch bei Reservix, der Dewezet, am Hefehof und an der Abendkasse.



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