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Afghanistan im Fokus – Lösekrug-Möller bezieht Position

In so einem Land sind Tod und Verstümmelung überall

Hameln. Der Gastgeber ließ es an Deutlichkeit nicht fehlen. Der Vorsitzende der Kameradschaft der Hamelner Reserveoffiziere, Oberstleutnant d. R. Karl Heinz Heymer, redete Klartext: Mängel in der Ausrüstung, immer mehr gefallene, schwer verletzte und traumatisierte Soldaten, Riesenaufwand bei kaum vorzeigbarem Ergebnis, das sei die derzeitige Bilanz des Afghanistan-Einsatzes.

veröffentlicht am 09.10.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 11.11.2016 um 04:21 Uhr

Oberstleutnant d. R. Karl Heinz Heymer (li.) und Major Carsten R

Autor:

Ernst August Wolf
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„Das war ja eine Steilvorlage“, so die eigens aus ihrem Urlaubsort Meran angereiste Bundestagsabgeordnete Gabriele Lösekrug-Möller sichtlich überrascht. In ihrer Antwort umriss sie den parlamentarischen Rahmen des Einsatzes. Die bis zu 20 000 Soldatinnen und Soldaten, die sich derzeit auf Auslandseinsätzen befänden, verdienten „mehr Anerkennung und Wertschätzung“. Deutschland stehe „fest im Nato-Bündnis“, die Auslandseinsätze seien „Bündnisverpflichtung“, Terrorismusbekämpfung, Aufbau von Infrastruktur, Polizei und Militär dabei vorrangige Aufgaben. Seit acht Jahren ermögliche Deutschland in Afghanistan ein „nation building“, wobei es sicherlich auch „Unzulänglichkeiten“ gebe. Insgesamt 36 tote Soldaten ließen die Zweifel an der Mission wachsen. Das „unbestimmte Infragestellen des Einsatzes“ allerdings wirke „akzeptanzmindernd in die Gesellschaft zurück“. Lösekrug-Möller forderte die Beseitigung offensichtlicher Ausrüstungsmängel, die Einrichtung einer Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft für Teilnehmer an Auslandseinsätzen und eine schnelle Verbesserung der medizinischen Behandlung traumatisierter Soldaten. „Wir brauchen einen neuen Fahrplan, wann und unter welchen Bedingungen unser militärisches Engagement endet.“ Wer jedoch nur „raus aus Afghanistan“ fordere, zeige „historische und politische Ignoranz“. „Mit rein militärischen Mitteln ist das Land nicht zu befrieden“, stellte Major Carsten Richter vom Pionier-Regiment 100 Minden in einem umfangreichen Bildbericht über seine zwei Afghanistan-Einsätze fest. Sehr anschaulich stellte Richter die Bedrohungslage dar. Die Zahl der Angriffe sei sprunghaft angestiegen, von allen Isaf-Gefallenen seien 75 Prozent durch versteckte Sprengsätze ums Leben gekommen. Die lauerten in jeder Coladose, jedem zerbeulten Schnellkochtopf, in präparierten Motorrädern ebenso wie in Auto-Kofferräumen. „In einem Land, das so vermüllt ist, sind deshalb Tod und Verstümmelung überall“, so der Offizier. Fremde Truppen würden prinzipiell abgelehnt, und angesichts der Herrschaft von „Schattenexistenzen“ erwiesen sich alle gut gemeinten Maßnahmen etwa im Rahmen der Polizeireform als „Perlen vor die Säue“.

„So ein Gespräch ist ein wichtiges Korrektiv“

„Unser Ziel des Kampfes gegen den Terror ist längst gescheitert. Wir hocken da nur in den Camps und können nichts machen“, kommentierte Afghanistan-Teilnehmer Uwe Lampe Richters Ausführungen. Auch zivile Hilfsorganisationen und „Sonderbotschafter“ hätten sich „zum größten Teil verabschiedet“. „Was ist, wenn wir uns kurzfristig zurückziehen? Warum gibt es diese Schieflage zwischen militärischem und zivilem Einsatz?“ Fragen, die in der Diskussion in der dreistündigen Veranstaltung hochkochten.

Was denn die Alternative sei, entgegnete Lösekrug-Möller. Vor allem müssten die UN-Mandate viel konkreter gefasst werden. „Deren Zieldefinition ist eindeutig zu abstrakt“, erklärte die Abgeordnete. „Meine Meinung zur anstehenden Mandatsverlängerung steht noch nicht fest, aber so ein Gespräch mit Soldaten ist ein wichtiges Korrektiv.“

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