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Viele Unternehmen durch die Stadtsanierung in Quedlinburg / Leichte Entspannung am Arbeitsmarkt

In scharfem Wettbewerb um neue Investoren

Quedlinburg. „In der Spitze hatten wir 30 Prozent Arbeitslosigkeit in unserer Stadt, jetzt sind es nur noch rund 15 Prozent.“ Quedlinburgs Bürgermeister Dr. Eberhard Brecht ist sichtlich froh, dass sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt der Fachwerkstatt ein wenig entspannt hat. „Natürlich hat das auch damit zu tun, dass wir rund ein Drittel unserer Bevölkerung seit 1990 verloren haben und viele Arbeitskräfte in den Westen gegangen sind.“ Den Anstieg der Arbeitslosigkeit hatte Brecht nach eigenem Bekunden noch vor dem Abschluss der Währungs- und Wirtschaftsunion Mitte 1990 erwartet. „Dafür bin ich damals auf dem Marktplatz ausgepfiffen worden“, erinnert er sich. „Aber es musste so kommen, denn die Betriebe hier waren ja nicht konkurrenzfähig und verloren sehr schnell ihre Kunden in den Ostblockstaaten.“

veröffentlicht am 04.11.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 09.11.2016 um 17:41 Uhr

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Autor:

Wolfhard F. Truchseß
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180 Betriebe waren 1990 in Quedlinburg beheimatet: VEBs, PGHs, LPGs und VEGs, wie damals die Kürzel für die verschiedenen Staatsbetriebe lauteten. Das größte Unternehmen war damals der Regeltechnikhersteller VEB Mertik mit 3500 Beschäftigten, gefolgt von den VEB Möbelwerken (400 Mitarbeiter), der Walzgießerei und Hartgusswerken (400 Mitarbeiter) und dem Produzenten von Schnellkochtöpfen, der Union mit 200 bis 300 Beschäftigten. Einschließlich der gesamten zu den Betrieben gehörenden Parteibürokratie habe es damals rund 18 000 Arbeitsplätze in Quedlinburg gegeben, berichtet Hans-Joachim Witzel, seit 1998 in der Stadtverwaltung zuständig für die Wirtschaftsförderung. „Heute haben wir 1250 Unternehmen – vom Einmannbetrieb bis zu einer Firma mit über 400 Beschäftigten im Dienstleistungsbereich der Gebäudereinigung, die sogar eine Außenstelle im arabischen Dubai hat.“ Eine große Rolle auf dem Arbeitsmarkt spielen nach Darstellung Witzels Pflegedienste und Versorger wie die Arbeiterwohlfahrt, das DRK und die Lebenshilfe, für welche Lions und Rotarier in einer vielbeachteten Aktion bundesweit Geld gesammelt hatten, um gemeinsam die Sanierung eines Hauses für die Organisation zu finanzieren.

Ein Vorzeigeunternehmen sind nach Ansicht von Witzel inzwischen die ehemaligen VEB Möbelwerke – mittlerweile als Simon Möbel GmbH ein Familienbetrieb mit 120 Beschäftigten. Wurde zu DDR-Zeiten vor allem Mobiliar für Kinderzimmer hergestellt, das sich auch in westdeutschen Katalogen fand, geht es heute um Hotel- und Klinikmöbel, vor allem aber – und das stärkt das Renommee – um die Ausstattung der Kreuzfahrtschiffe, die von der Meyer-Werft in Papenburg auf Kiel gelegt werden. „Erst waren es nur die Mannschaftskabinen, die bei Simon in Auftrag gegeben wurden, jetzt sind es auch die Gästekabinen“, berichtet Witzel nicht ohne Stolz auf die Leistung des Betriebs, der bereits auf eine 175-jährige Geschichte zurückblicken kann.

Stabilisiert hätten sich auch die Walzgießerei und Hartgusswerke mit ihren jetzt etwa 120 Mitarbeitern. „Die haben Kunden europaweit und in den USA und beliefern zum Beispiel auch Schokoladenhersteller“, erklärte der Wirtschaftsförderer. „Das ist ein Traditionsunternehmen, dessen Maschinen auf dem neuesten Stand der Technik sind. Eigentümer sind ehemalige Mitarbeiter. Und auch das ist ein Vorzeigemodell“, betont Witzel.

Haben sich wieder stabilisiert: die Walzgießerei und Hartgusswer
  • Haben sich wieder stabilisiert: die Walzgießerei und Hartgusswerke. Foto: Stadt Quedlinburg

Am Aufbau des Quedlinburger Bankwesens war übrigens auch die Hamelner Volksbank beteiligt. Im März 1990 führten Heinz-Walter Wiedbrauck und sein Stellvertreter Klaus Meyer erste Gespräche mit der Führung der damaligen BLN-Bank, die zu DDR-Zeiten vor allem für Betriebe wie die LPGs, die Schlachthöfe oder die Molkereien zuständig war. Bereits am 1. Juni 1990 wurde der Schalterverkehr aufgenommen. „Privatkunden hatten wir damals in Quedlinburg nicht“, erinnert sich Wiedbrauck, „die waren den Sparkassen vorbehalten, und wir mussten sie durch persönliche Ansprache direkt vor deren Filiale anwerben, als der Währungsumtausch am 1. Juli 1990 begann.“ Jeweils zwei bis drei Mitarbeiter seien in der folgenden Zeit in Hameln drei bis vier Wochen geschult worden. „Und ab 1. August 1990 haben wir innerhalb von sechs Jahren 18 Bankkaufleute für Quedlinburg ausgebildet.“ Aus der damaligen Raiffeisenbank ist mittlerweile die Volksbank Ostharz geworden. Wiedbrauck hätte die Volksbank Hameln gerne mit dem Quedlinburger Finanzinstitut fusioniert. „Aber das war politisch und von den Verbänden nicht gewollt.“ 1996 endete die Zusammenarbeit.

Wie problematisch die Lage für ein junges Unternehmen sein kann, das investieren will, zeigt die Geschichte der Firma Quedlinburg Druck GmbH. 1993 gemeinsam vom Hamelner Zeitungshaus CW Niemeyer und den beiden Quedlinburgern Jürgen Müller und Peter Schober privatisiert, war das Unternehmen bis zum Jahr 2004 auf drei Stockwerken im Konvent der Stadt angesiedelt. Als Jürgen Müller, der im Jahr 2000 Mehrheitsgesellschafter wurde, den Betrieb ins Gewerbegebiet verlegen wollte und Geld für die entsprechenden baulichen Investitionen benötigte, „sagten die Banken Nein“, berichtet er. „Und das, obwohl Müller ein sehr gutes Firmenkonzept hatte“, wie Wirtschaftsförderer Witzel betont. „Das war wirklich ein steiniger Weg.“ Aber Witzel fand in letzter Stunde einen Ausweg, um den Umzug doch noch zu ermöglichen. „Die dem Land Sachsen-Anhalt gehörende Treuhandliegenschaftsgesellschaft TLG errichtete im Jahr 2004 das Druckereigebäude und vermietete es befristet auf fünf Jahre an uns, aber mit einer Option auf weitere 25 Jahre Mietkauf“, erklärt der 50-jährige Müller. „Inzwischen sind wir Eigentümer des Gebäudes. Wir haben es 2009 gekauft.“ Wir – das sind der Mehrheitsgesellschafter Jürgen Müller und mit Minderheitsanteilen Peter Schober sowie der Hamelner Dewezet-Verleger Hans Niemeyer. Was Witzel Müller hoch anrechnet, ist die Tatsache, dass der Druckereichef seit Jahren Lehrlinge ausbildet. „Für seine Leistung als Unternehmer und Ausbilder wurde er auf dem letzten Neujahrsempfang der Stadt besonders ausgezeichnet.“

Eine Branche profitierte naturgemäß besonders davon, dass Quedlinburg die größte Ansammlung sanierungsbedürftiger Fachwerkhäuser war: das Bauhandwerk mit allen seinen Zweigen. „Stadtsanierung und städtebaulicher Denkmalschutz führten zur Gründung von mittlerweile 269 Baubetrieben“, bilanziert Witzel. „Das reicht vom Einmannbetrieb bis zur Firma mit mehr als hundert Leuten.“ Am erfreulich aufgefrischten Stadtbild ist die Qualität der Handwerker gut abzulesen.

Nicht nur das Bauhandwerk hat von der Stadtsanierung profitiert, sondern auch Gastronomie und Hotellerie. „Zwei Hotels und ein Motel hatten wir 1990. Heute sind es 138 Hotels, Pensionen und Gaststätten, die Touristen beherbergen. Durchschnittlich 2,9 Tage bleiben Übernachtungsgäste in der Stadt“, berichtet Silvia Barck von der IHK Magdeburg, ganz zu schweigen von den 1,5 Millionen Tagesgästen, die Quedlinburg, die Weltkulturerbestadt, bevölkern. Und die Gaststätten sind gut besucht. An manchen Abenden haben hungrige Besucher schon Probleme, noch ein freies Plätzchen zu finden.

Trotz aller kleinen Erfolge, Betriebe – wie jüngst den Dieselkolbenhersteller Trimet aus Harzgerode – nach Quedlinburg zu holen, sind Brecht und Witzel sich darüber im Klaren, dass es vor allem an Flächen fehlt, auf denen Industrie angesiedelt werden könnte.

„Die Nachfrage ist vorhanden“, erklärt Brecht, „und die früher wirklich problematische Verkehrsanbindung hat sich inzwischen entscheidend verbessert und wird mit dem Ausbau der neuen Bundesstraße B6n noch besser werden. Aber wir haben kein Geld, um Industrieflächen zu erschließen.“ Und was hinzukomme: „Es gibt einen kommunalen Kannibalismus im Kampf um Industrieansiedlungen.“ Für Investoren werde von der kommunalen Konkurrenz „der rote Teppich ausgelegt“, klagt Brecht. „Nur haben wir unser Tafelsilber schon verkauft und haben es schwer, Interessenten entgegenzukommen.“ Dennoch sollen jetzt neue Anstrengungen unternommen werden, Teile des ehemaligen, zu Quedlinburg gehörenden, sowjetischen Militärstandortes Quarmbeck auf 40 Hektar großflächig bis zum Jahr 2012 zu erschließen und Investoren anzubieten. Denn Quedlinburg hat auch aus den Zeiten der weitgehend bedeutungslos gewordenen Saatzucht eigentlich eine alte Tradition als Arbeiterstadt. Die soll in Zukunft nach Möglichkeit wieder belebt werden.

Auch das Unternehmen Mitteldeutsche Baustoffe hat sich in Quedlinburg angesiedelt und erhielt eine eigene Bahnverladestation.

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