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Ausbildung von Geflüchteten unterschätzt / Geduldsprobe und Lichtblick zugleich

In der Theorie hapert es

Die Flüchtlinge sind die Fachkräfte von morgen – diesen Satz zweifeln viele Bürger an. Denn wahr ist: Geflüchteten fehlt oft eine adäquate Schulbildung, Ausbildung oder ein Studium. Wahr ist aber auch: Die Zahl derjenigen, die eine Berufsausbildung beginnen, steigt im Weserbergland deutlich an.

veröffentlicht am 04.12.2018 um 18:04 Uhr

Nicht einfach: Gisela Wedemeier unterrichtet Schüler Efrem in der Eugen-Reintjes-Schule. Damit die Geflüchteten ihre Prüfungen am Ende der Ausbildung bestehen, bedarf es noch viel Unterstützung. Foto: Dana
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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HAMELN. Ohne die Geflüchteten wäre die Suche nach Nachwuchs noch schwieriger, das zeigt eine Statistik des Jobcenters. Von 245 Auszubildenden, denen das Jobcenter zwischen September 2017 und 2018 eine Berufsausbildung vermittelt hat, waren 58 Geflüchtete. 2016 waren es gerade mal acht. Mit dem Ausbildungsplatz ist aber nur der erste Schritt getan. Die Geduldsprobe fängt für beide Seiten, Lehrling und Arbeitgeber danach an.

„Es ist eine Herausforderung“, sagt Ralf Rothenbusch, Bereichsleiter für Berufliche Qualifikation bei der Impuls GmbH, über die Integration der Geflüchteten in den Arbeitsmarkt. Das gilt besonders für die Ausbildung. Betriebe wie Behörden hätten den Aufwand unterschätzt, sagt Rothenbusch. Das Problem liege häufig gar nicht darin, für den Arbeitssuchenden den passenden Arbeitgeber zu finden. Die Tücken liegen im Alltag: Wie kommt ein Lehrling, der eine Wohnsitzauflage in Emmerthal hat, mit öffentlichen Verkehrmitteln vor 6 Uhr morgens nach Aerzen? Wer hilft dem Lehrling aus dem Sudan beim Ausfüllen des Antrags auf Ausbildungsbeihilfe? Und wer bringt die Auszubildenden für die Berufsschule auf ein Niveau, mit dem sie später ihre Gesellenprüfung bestehen können?

Eigentlich wären Lehrbücher in leichter Sprache notwendig, sagt Rothenbusch, sonst sehe es für viele bei der Prüfung düster aus. Theoretisch sei es notwendig, die Ausbildungsverordnung zu ändern, doch das sei kompliziert. „Das sind Problemlagen, die man nicht wahrhaben wollte oder nicht gesehen hat“, sagt Rothenbusch. „Es ist eine Illusion, dass die Geflüchteten die Prüfungen so machen können.“ Man ermuntere die Betriebe deshalb, bei den entsprechenden Kammern Druck zu machen.

Dafür funktioniere es bei der praktischen Arbeit oft umso besser. Nicht selten sogar besser, als bei deutschen Azubis, die sich mehr an den körperlichen Stress gewöhnen müssten. „Viele Geflüchtete haben schon gearbeitet, oft auf dem Bau“, sagt Sandra Nädler-Grupe, die seit September vergangenen Jahres als Integrationsmoderatorin bei Impuls arbeitet. Sie ist Schnittstelle zwischen Arbeitgebern, Azubis, Behörden und Kammern. „Die Leistungsfähigkeit ist oft höher, die Leute sehen, wo die Arbeit ist.“ Im Förderungs- und Bildungszentrum der Handwerkskammer in Garbsen/Berenbostel, bekämen sie als Maurer regelmäßig die Note 1 bis 2.

Ganz anders sieht es in der Berufsschule aus. Viele müssten dort lernen, zu lernen. Schon das Führen eines Kalenders sei für die meisten eine schwierige Aufgabe. Auch die Fachsprache in den Büchern bereite den Geflüchteten Kopfzerbrechen. „Viele Betriebe haben die Probleme unterschätzt“, sagt Nädler-Grupe. Das ist eine Erfahrung, die auch Vural Sevinc macht. Er ist Teamleiter für junge Erwachsene beim Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur. Jeden Freitag tauscht er sich mit Sandra Nädler-Grupe aus. „Die größte Hürde ist das Schriftdeutsch“, sagt er. Damit die Auslastung der Sprachkurse gewährleistet ist und sich die Geflüchteten bei den für sie schwer überschaubaren Angeboten zurechtfinden, in Absprache mit den freien Trägern zentral organisiert, sagt Sevinc. Nun seien sie Kurse wieder voll. Als Erfolg verbucht Sevinc, dass inzwischen immer mehr Geflüchtete den Wert einer Ausbildung erkennen. Hilfreich sind oft Praktika, die der Ausbildung vorausgehen. Beide Seiten können schauen, ob es passt. Und manchmal Ängste abbauen: Im Fall eines Afrikaners habe ein Malerbetrieb Angst gehabt, die Kunden könnten ablehnend reagieren, wenn dieser Arbeiten im Haus ausführe. Die Angst erwies sich als unbegründet.

Um die täglichen Klippen zu umschiffen, könnte Sandra-Nädler-Grupe Unterstützung gebrauchen. Der Bedarf ist hoch. Derzeit betreut die gelernte Bankwirtin und Psychologin, die sich bereits ehrenamtlich um Geflüchtete gekümmert hat, 150 Geflüchtete, 12 davon Frauen. 16 haben einen Ausbildungsvertrag, die anderen machen eine Einstiegsqualifizierung, die der Arbeitgeber zunächst bezahlt, später aber mit Lohnnebenkosten zurückbekommt. Ihre Stelle ist auf zwei Jahre begrenzt.

Auch wenn die Einstellung eines Geflüchteten für den Arbeitgeber am Anfang definitiv Mehraufwand bedeute, raten Nädler-Grupe und Rothenbusch den Schritt zu wagen. Gefragt seien flexible und individuelle Lösungsansätze, und der Arbeitgeber dürfe nicht frustriert sein, wenn Behörden nicht sofort für alles eine Lösung parat haben.

Manche Betriebe, erzählt Nädler-Grupe, ergreifen auch selbst die Initiative. So habe die Aerzener Gala-Bau eine Art Wörterbuch kreiert, in dem sie alles Wichtige abfotografiert und dann beschriftet hat. Ein anderer Arbeitgeber hat dem Flüchtling den Führerschein finanziert. Auch der Sudanese aus Emmerthal konnte seine Ausbildung beginnen. Ob er ohne die Hilfe von Sandra Nädler-Grupe eine Unterkunft in Aerzen gefunden hätte, ist fraglich.



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