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„Da fällt es schwer, weiterzumachen wie bisher“: Soldaten nach Auslandseinsätzen

In der Heimat fremd

Hameln. In Dschibuti bietet ein Einheimischer der 27-jährigen Marinesoldatin Melanie Baum für 100 Euro seine kleine Tochter zum Verkauf an – um nicht verhungern zu müssen. In Afghanistan sieht Oberstleutnant Markus Nurischad regelmäßig Kinder an hierzulande leicht heilbaren Krankheiten sterben – und kann doch nichts für sie tun.

veröffentlicht am 07.10.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 08:41 Uhr

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Autor:

Benjamin Krämer
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Die Gründe, warum deutsche Soldaten bei ihrer Heimkehr Schwierigkeiten haben, sich wieder in den Alltag ihrer Heimat zu integrieren, sind vielfältig. Ein häufig übersehener Grund ist ein tiefgreifender Wertewandel, ausgelöst durch Erlebnisse, wie sie Baum und Nurischad geteilt haben. Sie sehen während ihrer Einsätze unsägliches Elend und eine Form der Armut, die für Daheimgebliebene unvorstellbar bleibt. „In vielen Ländern beginnen die Menschen vor Freude zu weinen, wenn man ihnen nur eine Flasche Wasser schenkt“, berichtet Oberstleutnant Nurischad. „Da fällt es schwer, zu Hause einfach so weiterzumachen wie bisher, mit all dem Konsum.“

Auch Melanie Baum, die sich im Rahmen des Buches „Operation Heimkehr“ von der Tagesspiegel-Redakteurin Ulrike Scheffer interviewen lässt, konstatiert, dass sie bei ihrer Rückkehr geschockt über das Konsumverhalten gewesen sei. Die Erfahrungen machten auch den Kontakt mit dem eigenen Freundeskreis schwierig, so Baum, da dieser den eigenen Sinneswandel nicht immer verstehen könne. Nurischad, der gemeinsam mit der an „Operation Heimkehr“ beteiligten Fotokünstlerin Sabine Würich in der vergangenen Woche Gast des Hamelner Forums war, erklärt diesen Wertewandel zu einem maßgeblichen, aber nicht alleinigen Problem der Rückkehrer: „Das ist ein häufig übersehener Faktor, aber die Probleme sind sehr vielfältig. Neben traumatischen Gefechtserlebnissen fordert auch die ständige Anspannung ihren Tribut, ganz zu schweigen von der extremen Arbeitsbelastung von 24 Stunden pro Tag und sieben Tagen die Woche. Ich habe nach meinen Einsätzen einige Male erlebt, dass ich beim Spazieren auf einer Wiese nach Minen gesucht habe, bevor mir klar geworden ist, dass ich in Deutschland bin.“

Würich, die an den Interviews der Soldaten beteiligt gewesen ist, verweist darauf, dass viele der psychischen Probleme im Krisengebiet von der Kameradschaft unter den Soldaten aufgefangen werden. „In der Heimat ist diese Kameradschaft aber wieder fort und jeder geht seinem eigenen Leben, zum Beispiel in der Familie, nach. Dann können sich neue Probleme ergeben.“

Das Leben für

etwas riskiert, das niemand will?

Eins davon, so Würich, sei die kritische Haltung der Zivilbevölkerung in Deutschland, die zwar gut sei in einem demokratischen Prozess, den Soldaten aber das Gefühl gebe, ihr Leben für etwas riskiert zu haben, das gerade die Menschen, die sie damit schützen wollen, nicht nachvollziehen können. An dieser Stelle sind sicherlich Politik und Bundeswehr gefordert, um die Rückkehrer adäquat aufzufangen und wieder in das Leben in ihrer Heimat zu integrieren.

Auf die Frage nach entsprechenden Maßnahmen, erzählt Nurischad, der selbst viermal im Auslandseinsatz war, von einem dreigeteilten System, das auch die Rückkehrer aus den Kasernen in Bückeburg und Holzminden durchlaufen: „Zuerst gibt es eine detaillierte Rückkehreruntersuchung, mit der nach Anzeichen für eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) gesucht wird. Sollte eine Diagnose erfolgen, werden die betroffenen Soldaten in bundeswehreigene Fachzentren überwiesen, um dort entsprechend behandelt zu werden. Alle Soldaten, die nicht in die Fachzentren gehen, durchlaufen trotzdem immer eine dreiwöchige Präventivkur in einer Kurklinik. Dort geht es um körperliche und psychische Therapie und die Wiederanbindung an die Gesellschaft. Außerdem wird dort natürlich geschaut, ob jemand doch unter PTBS leiden könnte.“

Das Problem, so Nurischad, sei aber, dass PTBS häufig erst nach vielen Jahren auftrete und sich dann nicht alle Soldaten äußern. Die Hilfestellung seitens der Bundeswehr sei da, aber die Betroffenen seien auch gefordert, sich in Behandlung zu begeben.

Vielleicht hat Bundespräsident Joachim Gauck recht, wenn er sagt: „Wir denken nicht gern daran, dass es heute in unserer Mitte wieder Kriegsversehrte gibt.“ Doch auch wenn die Bevölkerung in der Heimat nicht das miterlebt hat, was die Militärangehörigen erleben mussten, ist die Lösung dieses Problems aus Sicht der Soldaten offenbar doch recht einfach: Gleich mehrere von ihnen lassen sich laut Würich damit zitieren, dass keine Orden, Paraden oder Medienrummel nötig seien, sondern ab und zu ein einfaches Danke in der Heimat. Das würde nicht nur den Betroffenen helfen, sondern auch den oft vergessenen Angehörigen, die unter dem Einsatz ihrer Lieben und dem fehlenden Rückhalt in der Gesellschaft leiden müssten.

Foto o.: Bundeswehrsoldaten auf Patrouille bei Kundus in Afghanistan.

Foto li.: Markus Nurischad und Sabine Würich berichten in der Hamelner Stadtbücherei über ihre Erlebnisse im Einsatz beziehungsweise mit versehrten Soldaten. dpa/bk



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