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Totgesagte leben länger

Immer neue Leerstände, doch Hamelns Buchläden halten sich

HAMELN. Der Stoff- und Nähladen „Fräulein Pritzi“ schließt, der Spielzeugladen Kunterbunt ebenfalls, und auch für das AC Outdoor-Center an der Deisterstraße gibt es keine Zukunft: Immer wieder machen Läden in der Hamelner Altstadt dicht. Eine Branche allerdings hält sich bei allen Leerstandsmeldungen der letzten Jahre wacker: der Hamelner Buchhandel. Doch wie macht er das?

veröffentlicht am 12.02.2018 um 16:36 Uhr

Hamelns Buchläden schaffen es, Amazon zu trotzen. Ein Blick in die Buchhandlung Matthias. Foto: Dana
Wiebke Kanz

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Wiebke Kanz Reporterin zur Autorenseite
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Der Hamelner Buchhandel hält sich wacker. Und das, obwohl gerade kleinere Buchläden schon seit vielen Jahren totgesagt werden, zu stark sei die Konkurrenz durch das Internet und durch große Ketten. Tatsächlich gehörte der Buchhandel zu den ersten Branchen, die massiv Konkurrenz aus dem Netz bekamen: Ende der 1990er Jahre gründete sich der Online-Versandhandel Amazon – zunächst als reines elektronisches Buchgeschäft. Und doch: Die klein- und mittelständischen Buchläden halten sich, bis heute, nicht nur in Hameln. Nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels gab es 2015 in Niedersachsen 395 Buchhandlungen und damit eine mehr als im Jahr zuvor. „Der Eindruck, dass viele Buchhandlungen schließen müssen, ist nicht korrekt“, sagt Carola Markwa, Geschäftsführerin des Landesverbands Nord des Börsenvereins. Bleibt die Frage: Wie machen die das?

Laut Buchhändlerin Cornelie von Blum sind Bücher vor allem eine recht „dankbare“ Handelsware: Sie nehmen nicht viel Platz weg, selbst auf relativ kleinem Raum können relativ viele Bücher angeboten werden. Sie verderben nicht, sie kommen nicht aus der Mode. „Ein Buch fehlt selten auf einem Geschenketisch, und wer gar nicht weiß, was er schenken soll, der schenkt halt einen Büchergutschein“, sagt die Inhaberin der Buchhandlung von Blum in der Emmernstraße. „Das Buch“, sagt sie, „spricht ein breites Publikum an. Lesen tun viel mehr Menschen als beispielsweise Nähen.“ Zu kleinteilig dürfe es in einer Stadt wie Hameln eben nicht sein.

„Was den Buchhandel schützt und was ihn absichert, ist die Preisbindung“, erklärt von Blum weiter: Jedes in Deutschland verlegte Buch hat einen festen, unveränderbaren Preis, der vom Händler weder unter- noch überschritten werden darf. Egal, wo man ein Buch kauft – im kleinen Buchladen um die Ecke, im Onlineshop oder bei großen Ketten wie Thalia –, es kostet immer dasselbe. Das verschafft von Blum sogar einen Vorteil gegenüber dem Onlinehandel: Wenn sie am Abend kurz vor Ladenschluss ein nicht vorrätiges Buch beim Großhändler bestellt, ist es am nächsten Morgen bereits vor Geschäftsöffnung da. Das schafft (noch) kein Versandhandel.

Buchhändlerin Cornelie von Blum. Foto: ww
  • Buchhändlerin Cornelie von Blum. Foto: ww

Dennoch: Der Wettbewerb mit dem Onlinehandel ist da, auch der demografische Wandel lässt sich nicht wegreden. Trotz der Vorteile, die der Buchhandel gegenüber anderen Branchen hat, „muss man so viel richtig machen“, sagt von Blum. Oder anders ausgedrückt, man kann so vieles falsch machen: Falscher Standort, falsches Sortiment, mit dem Personal passt es nicht. Von Blum weiß das aus eigener Erfahrung: 2003 machte sie sich mit der Buchhandlung von Wedemeyer an der Baustraße selbstständig. „Dort hätte ich aber nicht mehr lange überlebt“, sagt die gelernte Buchhändlerin. Selbst in einer kleineren Stadt wie Hameln, wo man sich kennt, wo man seine Stammkundschaft hat, kann ein Buchladen auf Laufkundschaft nicht verzichten.

Im Juni 2015 zog sie deshalb mit ihrem Laden in die Fußgängerzone um und eröffnete die Buchhandlung von Blum an der Emmernstraße. Dort arbeiten inzwischen insgesamt vier Mitarbeiter, der Laden läuft, im Vergleich zu vorher verzeichnet sie ein Umsatzplus – woran genau das liegt, kann von Blum aber nicht sagen. Ist es die Lage, der größere, hellere Laden – oder bringt das Café zusätzliche Kundschaft, das ein Viertel der rund 100 Quadratmeter Ladenfläche einnimmt? Denn auch das gehört zum Erfolgsrezept, wie auch die Industrie- und Handelskammer Niedersachsen (IHKN) feststellt: „Wir beobachten, dass sich der stationäre Buchhandel den Herausforderungen durchaus aktiv und kreativ stellt“, sagt IHKN-Hauptgeschäftsführerin Susanne Schmitt. Dazu gehörten gastronomische Angebote wie das Café in der Buchhandlung von Blum. Daneben setzt die Buchhändlerin auf Veranstaltungen in ihrem Laden, obwohl diese meist keinen finanziellen Gewinn abwerfen. „So tun wir dennoch etwas für das Buch“, sagt sie. Für dieses Jahr plant sie eine Reihe mit dem Titel „Lokalhelden“, dort sollen in der Region verwurzelte Persönlichkeiten lesen.

Einen „riesengroßen Vorteil“ kleinerer und mittelgroßer inhabergeführter Buchläden sieht Stefan Matthias, Geschäftsführer der Buchhandlung Matthias an der Bäckerstraße, darin, dass diese selbst über ihr Sortiment bestimmen können. „Keine Zentrale, kein Mutterkonzern, niemand gibt uns vor, was wir ein- und verkaufen sollen“, sagt er. Jede Buchhandlung in Hameln kenne ihr Publikum sehr genau und wisse, was dieses wolle.

Für Matthias bedeutet das: Viel Regionalliteratur über Hameln und den Rattenfänger, im Antiquariat im Obergeschoss des Ladens findet man einiges zur Regionalgeschichte, auch viel Tourismusrelevantes wie Hameln-Tassen und Brotratten. „Das ist ein Teil dessen, was gefordert und gefragt wird“, sagt er, „das läuft, das wird gekauft.“ Diese, bürokratisch ausgedrückt, „tourismusrelevante“ Sortimentsauswahl sorgt zudem dafür, dass die Buchhandlung Matthias auch sonntags öffnen darf – und dies an vielen Sonntagen auch tut. Das bringt zusätzliche Kundschaft.

Stefan Matthias arbeitet bereits seit rund 25 Jahren im elterlichen Betrieb, den Laden an der Bäckerstraße eröffneten seine Großeltern bereits im Oktober 1936. „Damals war der Laden aber noch winzig klein, kaum größer als ein Wohnzimmer.“ Über die Jahre wurde das Geschäft stetig erweitert, es wurde um- und angebaut. So empfindet der Buchhändler den Umstand, dass sich das Haus an der Bäckerstraße bereits seit vielen Generationen in Familienbesitz befindet und die Buchhandlung entsprechend keine Ladenmiete zahlen muss, auch nicht unbedingt als Vorteil anderen Läden gegenüber. „Natürlich können wir ganz anders reagieren, müssen nicht jede Kleinigkeit mit einem Vermieter abstimmen“, sagt er. Aber: „Andere zahlen Miete, wir zahlen Kredite.“

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