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Wenig Interesse am Autofahren?

Immer länger – immer teurer: Fahrschüler brauchen mehr Stunden

HAMELN. Fahrschüler brauchen heutzutage im Schnitt länger, bis sie ihre Prüfung ablegen. 20 bis 25 Stunden (16 sind Pflicht) sind laut Fahrlehrern normal. Aber woran liegt das? Haben das Auto als Statussymbol und der Führerschein als Freiheitsgarantie ausgedient?

veröffentlicht am 16.08.2017 um 19:52 Uhr

„Das Auto ist für die Selbstdarstellung nicht mehr so wichtig“, sagt Fahrlehrer Willi Schmidt – hier in einer Fahrstunde mit Gentiana Cakolli. Foto: wal
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Über 30 Fahrstunden? Über 2000 Euro für den Führerschein? Wenn Eltern und Großeltern hören, was der Nachwuchs heute teilweise zahlt, ist die Verwunderung groß. Dann wird von Zeiten erzählt, in denen der Prüfer nach sieben Fahrstunden und 15 Minuten Prüfung den Lappen herausrückte. Da staunen dann die Enkel.

1775 Euro kostet der Autoführerschein heute im Schnitt, das ergibt eine Umfrage von Moving, einer Interessenvereinigung der Branche. Das ist ein Quantensprung im Vergleich zur Fahrschülergeneration der Eltern. Warum, fragen sich nicht wenige, ist das so teuer, warum dauert das so lange? Hat die Jugend sich verändert?

Tatsächlich brauchen die Schüler heute im Schnitt länger, bestätigen sowohl Dieter Quentin, Vorsitzender des Fahrlehrerverbandes Niedersachsen, als auch Thomas Voll, Inhaber der Fahrschule Grüne Welle in Hameln und Hemeringen. 20 bis 25 Stunden (16 sind Pflicht) seien normal, sagt Voll, dazu kommen Sonderfahrten (drei Stunden Nachtfahrt, vier Stunden Autobahnfahrt und fünf Stunden Überlandfahrt). Nicht wenige Schüler bräuchten sogar 30 bis 35 Stunden. Eine Tendenz, die sich in den letzten Jahren verstärkt habe. Ein Grund sei, so vermuten beide, dass sich die Interessen junger Leute grundlegend verlagert haben. „Die Notwendigkeit für den Führerschein wird nicht mehr so gesehen“, sagt Quentin. Die Zeiten, in denen man so schnell wie möglich mobil sein wollte, seien vorbei. Schwierig werde es dann in der Ausbildung, wenn Mobilität gefragt ist. Sowohl Quentin als auch Voll machen das Internet und soziale Medien mitverantwortlich für die Verlagerung.

Die Notwendigkeit für den Führerschein wird nicht mehr so gesehen.

Dieter Quentin, Fahrlehrerverband Niedersachsen

Und auch Willi Schmidt sieht das so. Der 72-Jährige, Inhaber von „Willis Fahrschule“ in der Wehrberger Straße, ist seit über 40 Jahren im Geschäft und kommt zu dem Ergebnis: „Das Auto ist für die Selbstdarstellung nicht mehr so wichtig, diese Rolle hat das Smartphone übernommen.“ Um von A nach B zu kommen, würden auch gern Eltern eingespannt, auch da sind sich die Fahrlehrer einig.

Dass das Auto als Statussymbol und der Führerschein als Freiheitsgarantie ausgedient haben könnte, stützen Zahlen des Straßenverkehrsamtes: Die Zahl der neu erteilten Fahrerlaubnisse ist von 1635 im Jahr 2003 auf 1537 in 2016 gesunken. Ein Schub ging 2005 mit der Einführung des begleiteten Fahrens einher: Kurzzeitig stieg die Zahl der neu erteilten Fahrerlaubnisse auf 1867. Die Anmeldungen für das begleitete Fahren seien zwar nach wie vor hoch, „doch die meisten lassen sich dann viel Zeit“, sagt Quentin.

Die Durchfallquote lag in Niedersachsen 2016 bei 25,6 Prozent (Quelle: statista), das sit Platz 11 von 16 im Bundesländervergleich. Dass bei der theoretischen Prüfung einige mehr durchfallen, könnte daran liegen, dass die Anforderungen gestiegen sind: Mussten Prüflinge der Führerscheinklasse B vor 1999 Fragen aus einem Pool von rund 400 Fragen beantworten, sind es heute rund 1000. Und bei der praktischen Prüfung ist nicht mehr nach 15 Minuten Schluss, sondern nach 40 bis 45. „Diesen Stress stehen viele nicht durch“, sagt Willi Schmidt, „nach einer gewissen Zeit bauen die Schüler ab und machen Fehler.“ Die Zeiten, in denen man mit Glück die Prüfung bestehen konnte, seien vorbei.

Schmidt simuliert deshalb Prüfungssituationen mit seinen Schülern und versucht ihnen die Angst zu nehmen. Überhaupt sei das Vertrauensverhältnis von Lehrer und Schüler das wichtigste. Wenn das stimme, seien auch die Fahrstunden effizient und der Endpreis bleibt niedrig.

Tragen die Fahrschulen also selbst gar nicht zum Trend bei? Sind die Preise normal und der Unterricht immer top?

Dass die Fahrschulen hohe Durchfallquoten produzieren, um ihre Ertragslage zu verbessern, vermutete der Autoclub Europa ACE 2013 bei einer Tagung in Goslar. Weil sie unter der demografischen Entwicklung leiden, glaubte ACE-Sprecher Rainer Hillgärtner damals. Ob es auch in Hameln Fahrschulen mit besonders hoher Durchfallquote gibt, lässt sich leider nicht recherchieren – dazu habe der TÜV keine Zahlen, heißt es.

Was den Preis betrifft, müssten Eltern vom Gelddenken weg, sagt Voll. Ihn ärgert es, wenn Fahrschulen mit Festpreisen locken. „Das ist nicht legal, aber das gibt es hier.“ Statt dessen sollten Führerscheinanwärter auf die Qualität der Fahrschule schauen. Er rät Führerscheinaspiranten, in der Fahrschule ihrer Wahl einfach mal probeweise mitzumachen. Auch der ACE rät, nicht auf vermeintliche Billigangebote zu setzen. Entscheidend sei eher eine hohe Quote bestandener Prüfungen.

Kritik gibt es aber auch vonseiten der Fahrschüler. Einige bemängeln, dass ihr Fahrlehrer die Stunde für Papierkram unterbrochen habe, ohne dass die Zeit angehängt wurde. Oder dass der Fahrlehrer nur einmal in der Woche Zeit hatte. Und auch das gibt es in Hameln: Schüler lernen einparken nur noch mit Fahrassistenzsystem (Kamera). Das hält Thomas Voll nicht für sinnvoll. Bei ihm werde die Kamera deaktiviert. Und über die Anzahl der Fahrstunden pro Woche sollte der Schüler am besten im Vorfeld sprechen. „Zwei- bis dreimal sollte der Fahrlehrer schon Zeit haben“, sagt er.

Mein Standpunkt
Dorothee Balzereit
Von Dorothee Balzereit

Das Auto ist nicht mehr so wichtig. Gut so. Zumindest für die Umwelt ist das ein Lichtblick. Den Führerschein selbst sollten junge Leute dennoch im Auge behalten, ohne könnten es in der Ausbildung Probleme geben.



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