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Das Horst-Wessel-Denkmal ist schwer zugänglich

Im Wald verborgen – auch zum Schutz vor ewig Gestrigen

HAMELN. Reizvoll, geheimnisvoll, Kribbeln, manchmal Unbehagen: Suchen und (Nicht)-Finden haben nicht nur an Ostern ihren Reiz. Verstecken, suchen oder finden lässt sich vieles, an allen Tagen im Jahr. Tattoos, Geheimnisse, schöne Plätze, Naturschauspiele zum Beispiel – wir haben uns auf die Suche gemacht und stellen in loser Folge vor, was wir dabei an Skurrilem, Spannendem, Unterhaltsamem in und um Hameln entdeckt haben. Heute: das Horst-Wessel-Denkmal in der Nähe von Welliehausen.

veröffentlicht am 20.04.2017 um 13:13 Uhr
aktualisiert am 20.04.2017 um 15:17 Uhr

Wie ein überdimensionaler, zerbrochener Sarkophag: Das einstige Horst-Wessels-Denkmal. Foto: Doro
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Ein bisschen wirkt das einstige Denkmal wie ein überdimensionaler, zweiteiliger Sarkophag. Gebrochen und von Moos überzogen, liegen die beiden großen Sandsteinblöcke auf dem Waldboden des Süntels, versteckt im Dickicht. Es steckt durchaus Symbolik in diesem Bild. Es erinnert daran, dass die Nazi-Diktatur überwunden ist, aber auch daran, dass die Keimzellen für rechtsextremes Gedankengut und Tun immer noch aktiv sind, wenn auch hauptsächlich im Verborgenen.

Wer das Horst-Wessel-Denkmal in der Nähe von Welliehausen finden will, muss ebenfalls einen Blick für Verborgenes haben. Ein unwissender Wanderer würde wohl kaum auf den Gedanken kommen, die Überreste des Horst-Wessel-Denkmals zu sehen, wenn er daran vorbeikommt. Dass der Platz vor dem Denkmal über 1000 Menschen Platz bot, ist heute ebenfalls kaum denkbar.

Selbst für diejenigen, die das Mahnmal gezielt ansteuern, ist es keine einfache Suche. Man scheint, selbst mit gezielten Ortsangaben, im Kreis zu irren. Wege, die keine mehr sind, Strecken durchs Unterholz machen die Suche schwierig. Es ist, als wolle der Berg nicht, dass der Suchende ans Ziel gelangt.

Aus dem Sandstein ragen noch die Metallstäbe, die das Denkmal stabilisierten.
  • Aus dem Sandstein ragen noch die Metallstäbe, die das Denkmal stabilisierten.

Ob das wünschenswert ist, ist in der Tat eine berechtigte Frage: Das Denkmal ist bis heute Ziel von Horst-Wessel-Verehrern. 2010 machten sich am 80. Todestag des SA-Sturmführers Horst Wessel 20 Neonazis mit Fackeln, Fahnen und Gesang auf den Weg zum Denkmal. Bei dem Versuch, aus ihrem Auto die Vorkommnisse zu filmen, wurden zwei junge Erwachsene von den Rechtsextremen angegriffen. Das Auto wurde demoliert, das Pärchen konnte fliehen und meldete den Vorfall der Polizei.

Information

Das Denkmal auf dem Süntel

Die ursprüngliche Planung sah ein gigantisches Ehrenmal für Horst Wessel vor, das in Sichtachse zum Bückeberg oberhalb der ehemaligen Sandsteinbrüche auf dem Süntel errichtet werden sollte. Im Sandsteinbruch sollte außerdem eine riesige Freilichtbühne entstehen. Pläne, Zeichnungen und Modelle eines Wettbewerbs für ein „Horst-Wessel-Ehrenmal“ haben sich erhalten. Zu einer Realisierung dieses „Ehrenmals“ ist es nie gekommen. Gebaut wurde stattdessen im Auftrag der Stadt Hameln nach Plänen des Gartengestalters Wolf ein recht bescheidener zwölf Meter hoher Turm, auf dessen Spitze sich ein fünf Meter großes Hakenkreuz aus Stahl erhob. Die Bauausführung lag bei Maurermeister Röbbecke aus Pötzen. Die Steinsäule maß im Querschnitt 1,60 mal 1,60 Meter und wurde aus Naturstein des nahen Steinbruchs gebaut. Dessen Besitzer aus Unsen und die Forstgenossenschaft Welliehausen hatten das Material wie den Platz für kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Einweihung fand am 26. Februar 1939 statt. Ob bei der relativ geringen Höhe des „Ehrenmals“ der Sichtbezug zum Bückeberg, realisiert werden konnte, ist fraglich. Quelle: B. Gelderblom

Auch Historiker Bernhard Gelderblom bestätigt, dass die Reste des Horst Wessel-Denkmals ausweislich mancher Hinweise Treffpunkt von Gestrigen seien, „ohne dass das bisher gefährliche Formen annimmt“. Gelderblom, auf dessen Initiative der Bückeberg als Kulturdenkmal ausgewiesen wurde, vermeidet an dieser Stelle den aktiven Umgang mit der Stätte.

Die Stadt Hameln hat keinen Zugriff oder Einfluss auf das, was am Ehrenmal vor sich geht, selbst wenn sie wollte: Das Areal gehört ihr nicht.

Wer das Denkmal, das am 20. April 1945 von US-amerikanische Truppen gesprengt wurde, dennoch findet, dem fällt höchstwahrscheinlich auch die auffallend gute Aussicht des Ortes auf. Das ist kein Zufall: Vom Ehrenmal für Horst Wessel nördlich der Stadt sollte eine Sichtachse zum Bückeberg, auf dem die Reichserntedankfeste stattfanden, geschaffen werden.


Online: Weitere Informationen gibt unter: http://www.gelderblom-hameln.de/bueckeberghameln/bueckeberghamelnidee.php?name=bueckeberg

Information

Horst Wessel

Horst Wessel ist von Goebbels systematisch zum „Märtyrer der Bewegung“ stilisiert und von vielen Menschen im „Dritten Reich“ verehrt und geliebt worden. Horst Wessel war Schöpfer des Liedes „Die Fahne hoch“, das dem Nationalsozialismus zur zweiten Nationalhymne wurde und zusammen mit dem Deutschland-Lied gesungen wurde. Der besondere Bezug zur Region Hameln erklärt sich daraus, dass Wessels Vorfahren aus dem Ort Dehrenberg bei Hameln stammten. Die Stadt benannte einen Platz nach Horst Wessel.

 

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