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„Mehr gemeinsam als wir denken“

Im Klassenraum begegnen sich die Religionen

Hameln (ll/beb). Mehr Gelassenheit im Umgang mit religiösen Symbolen wünscht sich Manfred Wilcken. Der Leiter der Schule Südstadt empfindet die Diskussion, die von Niedersachsens neuer Sozial- und Integrationsministerin, Aygül Özkan, angestoßen wurde, als überzogen. Özkan war wegen ihrer Äußerungen zu Kruzifixen an Schulen kritisiert worden und hat sich gestern dafür entschuldigt.

veröffentlicht am 26.04.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 10.11.2016 um 11:41 Uhr

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„Sowohl Kopftücher als auch Kruzifixe spielen bei uns gar keine Rolle“, sagt der Rektor der Schule in der Königstraße. Einige Schülerinnen würden an seiner Schule Kopftücher tragen. Für den Schulleiter kein Problem und vollends tolerierbar. „Sie tragen ein Kopftuch, und das ist es auch schon“, meint Wilcken; wissend, dass die meisten der muslimischen Mädchen an seiner Schule „gar kein Kopftuch tragen“.

An der Südstadt-Schule sind Jahrgänge von der ersten bis zur zehnten Klassenstufe vertreten. Anhänger des christlichen Glaubens seien wegen des hohen Migrantenanteils an der Schule deutlich in der Minderheit, berichtet Manfred Wilcken.

„Wir beschäftigen uns aber viel zu sehr mit der Symbolik“, sagt er – und plädiert für Pragmatismus. An eine ernsthafte, interne Debatte um Koptücher an der Südstadt-Schule in den letzten Jahren kann sich der Schulleiter rückblickend nicht erinnern. Denn entscheidend sei doch, so Wilcken, das Erlernen der deutschen Sprache als Integrationsziel, nicht etwa die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion.

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Auch Mizgin Bekler und Serkan Ali Bilir halten nichts von einer erzwungenen Unterscheidung der Religionen und deren Wertvorstellungen. Beide sind türkischstämmig und besuchen die neunte Klasse der Südstadt-Schule. Die 15-jährige Mizgin hat viele deutsche Freunde in Hameln und findet, dass „alle gleich sind, nur nicht an den gleichen Gott glauben“. Serkan ist ebenfalls gläubiger Moslem. Regelmäßig besucht er die Koranstunden in der Hamelner Moschee – und liest die Schrift in der Originalsprache arabisch. Dabei hat der 14-Jährige Gemeinsamkeiten der religiösen Schriften von Islam und Christentum, Koran und Bibel, entdeckt. „Im Koran steht, dass man jeden Menschen so respektieren soll, wie er ist“, erzählt Serkan. „Das ist wie: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, meint der Schüler. Mizgin weiß, dass der Koran davon erzählt, „seine Eltern zu respektieren“. Und das sei ebenfalls Bestandteil der Bibel. Christliches Gebot Nummer vier: „Du sollst Vater und Mutter ehren.“

Yasin Akbas, Dialogbeauftragter der türkisch-islamischen Gemeinde des Landkreises Hameln-Pyrmont, sieht deutliche Parallelen zwischen dem islamischen und christlichen Glauben, „die Werte sind identisch, das nimmt sich nichts“, sagt der 36-Jährige über die beiden Religionen. Im Hinblick auf Gebete würden sich die Religionen unterscheiden. Die Gemeinsamkeiten überwögen jedoch: Beide Religionen bauten auf Werten wie dem Glauben an den gleichen Gott, die Heiligkeit von bestimmten Orten und vor allem auf Werten wie der Hilfe für Schwache auf. Was im Islam als „Almosensteuer“ als eine der wichtigen „fünf Säulen“ des muslimischen Glaubens beschrieben wird, gelte auch für das Christentum, sagt der Hamelner Pastor der Elisabeth-Selbert-Schule, Matthias Fricke-Zieseniß. Neben der Solidarität mit Armen und Schwachen gehörten das Streben nach Gerechtigkeit sowie die Beherbergung von Gästen zu den gemeinsamen Grundüberzeugungen in Islam und Christentum. Fricke-Zieseniß meint: „Wir haben viel mehr gemeinsam als wir denken. Und uns trennt mehr als wir nötig haben.“

Das friedfertige Miteinander der Religionen spielt laut Yasin Akbas eine wichtige Rolle. „Jeder soll das glauben, was er glauben möchte“, zitiert er den Propheten Mohammed. Toleranz gegenüber Andersgläubigen – für Schulpastor Fricke-Zieseniß geht das nur in Verbindung mit dem Bekenntnis zur eigenen religiösen Identität. „Nur dann ist es möglich, Toleranz für andere Lebensentwürfe aufzubringen“, sagt er. Aus dem evangelischen Religionsunterricht berichtet er von muslimischen Schülern, die ganz bewusst am christlichen Religionsunterricht teilnehmen. „Ich lebe in diesem Land, also will ich auch etwas über die Religion erfahren“, bekommt er dort zu hören. Religion sei immer im kulturellen Kontext zu betrachten, so Fricke-Zieseniß, und so seien Islam und Christentum „verschwistert“. Der Schulpastor ist überzeugt: „Toleranz braucht Begegnung.“

Ein Kreuz über der Tafel an der Niels-Stensen-Schule in Hameln (Bild oben). Für Mizgin Bekler (unten, re.) und Serkan Ali Bilir spielen religiöse Symbole in der Schule Südstadt keine Rolle.

Fotos: Wal/ beb

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