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Zivilcourage-Preis für Inge Bultschnieder

Im Kampf gegen den großen Fleisch-Betrieb

Inge Bultschnieder kämpft für ein besseres Leben der Mitarbeiter von Europas größtem Fleischverarbeitungsbetrieb: Tönnies in Rheda-Wiedenbrück. Sie erhält dafür am Samstag, 15 Uhr, in der Sumpfblume den Preis für Zivilcourage von der Freise-Solbach-Stiftung aus Emmerthal. Laudator ist Minister Christian Meyer.

veröffentlicht am 30.09.2015 um 18:02 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:46 Uhr

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Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Hameln/Rheda-Wiedenbrück.

Auslöser ihres Engagements war das Aufeinandertreffen mit Katya Antonova. Mit ihr lag Inge Bultschnieder in einem Zimmer im Krankenhaus. „Ganz dünn und Ringe unter den Augen“ – so schildert sie das Erscheinungsbild ihrer bulgarischen Zimmernachbarin. Katya Antonova hatte Asthma und lebte mit vier Raucherinnen in einem Zimmer. Häufig war sie nach Feierabend Gast bei Familie Bultschnieder, um Deutsch zu lernen, wenn sie nicht gleich am Tisch einschlief.

Katya Antonoya arbeitet für Europas größten Fleischverarbeitungsvertrieb, die Tönnies GmbH & Co.KG in Rheda-Wiedenbrück als Werksvertragsarbeiterin. Werkvertragsarbeiter – meist aus Osteuropa, angestellt bei Subunternehmen, Arbeiter, die schlecht bezahlt werden, in zu kleinen Unterkünften untergebracht sind, ohne schriftliche Lohnabrechnung, mit Verträgen auf Polnisch oder Deutsch, was die wenigsten verstehen, Kopien davon gibt’s nicht. Seit drei Jahren kämpft Inge Bultschnieder gegen diese Bedingungen an. Und erhält dafür am Samstag in der Sumpfblume den Preis für Zivilcourage der Solbach-Freise-Stiftung.

Die beiden Frauen wurden Freundinnen. Als Katya Antonova im April 2013 bei der Arbeit zusammenbricht, erhält sie vier Tage nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus die Kündigung und soll nach Bulgarien zurück. Eine mit Inge Bultschnieder befreundete Ärztin, Almuth Stork, kennt die Zustände bei Tönnies. Gemeinsam mit weiteren Bürgern gründen sie die „IG WerkFairTräge“ und setzen sich für bessere Arbeitsbedingungen der 6000 Männer und Frauen in dem Fleischverarbeitungsbetrieb ein. Ein Bekennermarsch im Winter 2013 mit 200 Bürgern aus Rheda-Wiedenbrück zum Werksgelände des Unternehmens lässt viele Menschen aufhorchen. Die Dokumentation des WDR, „Die Aufrechten“, macht ebenfalls auf die Lebens- und Arbeitsumstände der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiteraufmerksam. Auch Günter Wallraff hat Inge Bultschnieders Arbeit in einem Buch erwähnt.

Mittlerweile, nachdem Druck auf Unternehmen und Stadtverwaltung ausgeübt worden war, existiert ein Runder Tisch, an dem die Verantwortlichen über die Verbesserung der Bedingungen beraten. Zudem gibt das Unternehmen Tönnies einen jährlichen Betrag in Höhe von 125 000 Euro, der „für die bessere Betreuung und Begleitung der in Rheda-Wiedenbrück lebenden Werkvertragsarbeiter verwendet werden soll“, erklärt Bruder Korbinian Klinger vom Franziskanerkloster Wiedenbrück und Mitstreiter von Inge Bultschnieder. Auch die Stadt selbst gibt dieselbe Summe noch einmal dazu. Allerdings: Aus den Beratungen, wofür das Geld verwendet werden soll, ist die IG WerkFairVerträge raus. Da habe man sie nicht beihaben wollen, erklärt Inge Bultschnieder.

Wie sie sich einsetzt, schildert Bruder Korbinian Klinger: „Sie übernimmt Krankenhausbesuche, managt ambulante Termine und übernimmt entsprechende Fahrten, dolmetscht oder besorgt jemanden, der weiterhelfen kann, besorgt Tische, Stühle, Badetücher …“. „Rundum richtig“ ist daher die Wahl der Preisträgerin, sagt Tom Jürgens von der Solbach-Freise-Stiftung, die ihren Sitz in Emmerthal hat und die Verleihung in diesem Jahr in Hameln vornimmt. „Mit großem Engagement, Einsatz und Mut hat sie sich dem Industriekonzern entgegengestellt, der am Standort Rheda-Wiedenbrück täglich 25 000 Tiere schlachten und verarbeiten lässt“, heißt es in der Begründung. Der Preis ist mit 5000 Euro dotiert.

Info: Die Verleihung findet am Samstag, 3. Oktober, ab 15 Uhr in der Sumpfblume statt und ist öffentlich. Landrat Tjark Bartels hält ein Grußwort, Laudator ist Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer. Auch der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff ist eingeladen, hat aber noch nicht sicher zugesagt.

NACHGEFRAGT BEI INGE BULTSCHNIEDER Was haben Sie, Stand heute, erreicht?

Das Wichtigste ist, dass die Bürger der Stadt sensibilisiert sind und das Thema nicht mehr totgeschwiegen wird. Die leben hier und sind Teil der Stadt. Und dass an den Lebensbedingungen stark gerüttelt wird und die Stadtverwaltung da auch kontrolliert. Aber die Menschen leben immer noch mit vier Leuten in einem Zimmer und haben keine Rückzugsmöglichkeit, keine Privatsphäre. Außerdem ist es gut, dass es den Runden Tisch gibt. Der hat jetzt viermal stattgefunden.

Und auch, dass unsere Idee umgesetzt wurde, eine Sprachschule auf dem Tönnies-Gelände zu gründen. Das Dingens steht!

Was motiviert Sie, weiterzumachen?

Die Menschen! Zu sehen, wie sie leben – das ist nichts, was ich gut heißen kann. Ich will nicht zu denen gehören, die sagen: „Das wusste ich ja alles nicht.“ Ich weiß es ja! Ich habe das gesehen, hautnah!

Und was frustriert Sie?

Wie auf legalem Weg diese mafiösen Strukturen umgesetzt werden. Die legalisierte Kriminalität frustriert mich.

Welches große Ziel haben Sie?

Werkverträge dürfen so nicht länger Bestand haben – sie müssen neu konzipiert werden.

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