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92-jährige Insea Thamm managt noch immer den Redenhof

Im Herzen der Stadt wird uralte Tradition gepflegt

Hameln. Seit rund 60 Jahren wird auf dem Redenhof inmitten der Stadt eine 400 Jahre alte Tradition gepflegt: Insea Thamm, heute 92 Jahre alt, bewohnt noch immer den städtischen Adelssitz, auf den es sie einst nach Flucht und Vertreibung schließlich verschlagen hatte.

veröffentlicht am 10.06.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 11.11.2016 um 18:41 Uhr

Wohnt seit 60 Jahren im Redenhof. Insea Thamm (92).  Foto: sbr

Autor:

sabine Brakhan
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Dass noch heute auf dem Redenhof Nachkommen des ersten Eigentümers Ernst von Reden (1529-1589) wohnen, scheint nicht ungewöhnlich. Beschäftigt man sich allerdings mit der jüngeren Geschichte der Familie, so erfährt man, dass sich der letzte städtische Adelssitz in Hameln in einer ungeteilten Erbengemeinschaft befindet, der Arndt von Reden aus Mühlacker vorsteht. Die Klingelschilder an der imposanten Mauer verraten nicht, dass hier Nachkommen der berühmten Hamelner Familie zu Hause sind. Dennoch wird im Herzen der Stadt eine uralte Tradition fortgesetzt. Geplant hatte Insea Thamm das nicht, das Schicksal hat es so gefügt

Im November 1917 in Hannover geboren, siedelte Insea von Reden bereits 1920 mit ihrer Famile in die ehemalige preußische Provinz Brandenburg um. Ihre Eltern hatten nach dem Ende des Ersten Weltkrieges einen Hof gekauft. Brandenburg, Niederlausitz und wurde für 25 Jahre ihre neue Heimat. Hier lernte sie ihren späteren Mann Dr. Adolf Thamm kennen, heiratete, siedelte mit ihm nach Neustadt in Oberschlesien um, wo er die Leitung einer Weberei übernahm. Vier Kinder kamen zur Welt. Ihr bisher in geordneten Bahnen verlaufendes Leben geriet ins Wanken, als ihr Mann trotz Geh- und Sehbehinderung im Oktober 1944 eingezogen wurde, um Fronterfahrung zu sammeln, wie es damals hieß. Sie und die Kinder sollten den Ehemann und Vater nie wieder sehen.

Vertreibung und Flucht als Schicksal

Die Zeit bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges verbrachte die nun alleinerziehende Mutter mit ihren Kindern auf dem Hof ihrer Eltern in der Niederlausitz, der inzwischen zum Lazarett umgewandelt worden war. Es folgten Flucht und Vertreibung – ein Schicksal, das die Frauen und Kinder der Familie von Reden-Thamm mit Millionen anderer Flüchtlinge aus den damaligen deutschen Ostgebieten teilten. Über viele Zwischenstationen und schicksalhafte Fügungen führte ihr Weg ins Weserbergland zum von Redenschen Schloss nach Hastenbeck. Hier fand Insea Thamm mit ihrer Mutter und ihren Kindern eine erste Unterkunft – ohne adelige Privilegien und genauso beengt wie all die anderen Flüchtlingsfamilien, die in den hohen, kalten Räumen des Schlosses Zuflucht fanden.

Seit 60 Jahren

im neuen Zuhause

Nachdem auf dem Gelände des Stammhauses der Familie von Reden, dem Hamelner Reden-Hof, das Wirtschaftsgebäude zu einem Wohnhaus umgebaut worden war, zog Insea Thamm nach der Währungsreform mit ihrer Familie auf den städtischen Adelsbesitz ihrer Vorfahren und bewohnt dort mittlerweile seit 60 Jahren eine der insgesamt 14 Wohnungen.

Doch Adel allein macht nicht satt; Insea Thamm musste hart arbeiten, um ihren Kindern gute Voraussetzungen für einen Start ins Leben zu schaffen. „Damals, als wir in unsere neue Wohnung einziehen konnten, hatte ich nach langer Zeit erstmals wieder das Gefühl, nach Hause zu kommen“, erinnert sich die heute 92-jährige.

Gartenarbeit hält die Seniorin jung

Insea Thamm war angekommen. Den Redenhof kannte sie zwar von Besuchen aus Kindertagen, aber vertraut war ihr der Adelssitz nicht. Aber sie hat das Haus ihrer Vorfahren im Laufe der Zeit lieben gelernt – nicht zuletzt wegen der dicken Fensternischen und ihrem kleinen Garten direkt am Haus. „Gartenarbeit und der ewige Kampf gegen den Girsch halten mich jung“, ist die rüstige Seniorin überzeugt, und wer sie dabei beobachtet, gibt ihr Recht.

Auf die vielen Geschichten angesprochen, die sich um den Redenhof ranken, schmunzelt Insea Thamm. Sie kennt sie alle – vor allem aus den Erzählungen einer alten, bereits verstorbenen Dame, die ebenfalls einen Großteil ihres Lebens als Mieterin im Redenhof verbracht hatte. Seien es nun die knarrenden Stufen im imposanten Treppenhaus des Herrenhauses oder die immer wieder aufkommenden Spekulationen über unterirdische Gänge: Mit eigenen Augen gesehen hat Insea Thamm in all den Jahren lediglich das Mehl, das immer mal wieder aus irgendwelchen Ritzen auftaucht. Hierbei handelt es sich aber nicht um einen Spuk, sondern für dieses Phänomen gibt es eine ganz natürliche Erklärung: „Unter der Napoleonischen Besatzung, etwa um 1806, war im Redenhof eine Bäckerei untergebracht“, weiß Insea Thamm zu berichten.

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