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Ex-Junkie spricht mit HLA-Schülern

$ick: „Cleansein fühlte sich beschissen an“

HAMELN. Ex-Junkie $ick hat einmal drei Jahre in der Hamelner Jugendanstalt eingesessen. Über diese Zeit und seine Erfahrungen mit der Drogenabhängigkeit erzählt er in zahlreichen Videos auf seinem YouTube-Kanal und seit einiger Zeit auch in Schulen. Am Freitag war er in der Handelslehranstalt in Hameln zu Gast.

veröffentlicht am 16.04.2018 um 17:09 Uhr

Sick erklärt auf Nachfrage seine Tattoos: Auf ein Selbstbild folgt auf dem Oberarm ein Teufel-Tattoo. Es steht für die Drogen und die Straße, ebenso die Flammen, in denen ein Männchen steht. Aus dem Rauch entsteht ein asiatischer Glücksdrache: „Wie P
Dorothee Balzereit

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„Das Schlimmste in meinem Leben? Das war Kokain. Das wäre die Überschrift meines Lebens“, sagt $ick. Davon würde er dringend jedem abraten. Beim Basen (Kokain mit einem Röhrchen vom Blech rauchen) entwickle sich eine unglaubliche Gier, beim Ballern (spritzen) sei es noch extremer.

$ick, das ist der Ex-Junkie, der seine Geschichte in mehr als 300 Clips auf dem YouTube-Kanal Zqnce erzählt hat, dazu gehören auch drei Jahre in der Hamelner Jugendanstalt. Für „Shore, Stein, Papier“ hat er zusammen mit Redakteur Paul Lücke 2015 den Grimme-Online-Award bekommen. Inzwischen gibt es seine Geschichte auch als Buch. $ick hält Lesungen und geht in Schulen, um mit seiner Suchtkarriere Bewusstsein zu schaffen. Am Freitag war er in der Handelslehranstalt zu Gast. Die Klasse BFWE 17c hat $ick und Paul Lücke im Rahmen eines Projekts eingeladen, insbesondere Levin Brandt ist es zu verdanken, dass der heute 45-Jährige mit Schülern aus acht Klassen sprach.

$ick sieht gut aus. Gesund. Die Sucht hat erstaunlich wenig Spuren hinterlassen. Glückssache, meint er. Dann beantwortet er die Fragen der Schüler gnadenlos ehrlich, nie mit erhobenem Zeigefinger. Er ist ein guter Erzähler. „Das konnte ich schon immer, ich hab es nur für die falschen Sachen genutzt“, sagt er.

Den roten Faden bilden in der HLA ausgewählte „Shore, Stein, Papier“-Clips zu den Themen Suchtdruck, Kriminalität und Selbstreflexion. $ick erzählt auch von seiner schlimmsten Zeit, vom „Koksballern“. Solange, bis sein ganzer Körper von Hämatomen übersät ist und er nur 48 Kilo wiegt. Es ist die Phase seines Lebens, für die beim Schreiben des Buchs dreimal so lange braucht wie für die anderen, und die ihn beim Videodreh in eine schwere Depression führt. Die ersten beiden Staffeln habe er mit Freude erzählt, die letzte zog ihn runter. „Sechs Monate habe ich geheult.“

Bis heute ist das Erzählen für $ick Therapie. Die Vergangenheit bestimmt sein Leben. Glücksgefühle selbst zu produzieren habe er sich „krampfhaft“ wieder antrainiert. Im Kern gehe es darum, Gefühle zuzulassen, anstatt sie mit Drogen zu dämpfen, erklärt er den Schülern. Wieder normal zu fühlen, habe Zeit gebraucht. „Cleansein hat sich erst beschissen angefühlt“, sagt $ick. Zu lange habe er harte Drogen genommen, es habe gedauert, bis die Emotionen wieder so ankamen, wie sie eigentlich sollen. Während der drei Jahre Videodreh habe er gewusst, dass das der richtige Weg ist, gefühlt hat er es viel später. Heute ist er sechs Jahre clean. Wenn man vom Kiffen absieht.

$ick erzählt freimütig von dem guten Gefühl, dass ihm vor allem Heroin lange verschafft hat. Das Ritual unter Gleichgesinnten, der gefühlte Zusammenhalt – „auch wenn der Verstand weiß, dass es nur das Zeug ist, das Gefühl sagt was anderes“, sagt $ick.

Bei fast allen Themen fragen die Schüler neugierig nach. Selbst nach zwei Stunden hängen sie noch gebannt an seinen Lippen. Ob er etwas bereut, will jemand wissen. Nein, tut er nicht. Mit $icks Antwort kommt nicht jeder klar. Doch er bleibt dabei: „Ich bin heute das erste mal glücklich. Vielleicht musste ich erst durch diese Scheiße durch.“

Und wo sieht er sich mit 60? „Irgendwo am Strand, da züchte ich dann Bullterrier.“ Und: in einer glücklichen Beziehung. Das Kind, das in Planung ist, (er hat schon eine Tochter) wäre dann so alt wie die Schüler jetzt. Am Ende gibt es fetten Applaus, noch die Frage nach $icks Lieblingsrapper, – zur Zeit Haze, aus den USA Drake sowie Nippsey Hustle – nach der Bedeutung seiner Tattoos, Autogramme und Selfies. „Haze feiere ich, weil der einfach gute Straßenlines hat, die vermitteln, dass das (Drogen) nicht der richtige Weg ist, ohne es direkt zusagen. Er spricht immer nur von seinem Leben, überzieht nicht und gibt ehrliche Einblicke, wie: man hat keine Freunde, nur Mittäter.“


Buch: Shore, Stein, Papier: Mein Leben zwischen Heroin und Haft, $ick, Piper, 14,99 Euro

Die erste Folge der Reihe "Shore, Stein, Papier"

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