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Nach 35 Betriebsjahren die Kündigung / Besonders Ältere leiden bei Arbeitslosigkeit auch psychisch

„Ich wurde ausgemustert wie eine Maschine“

Hameln-Pyrmont. An seinem letzten Arbeitstag machte Karl-Heinz S. noch eine Überstunde. Eigentlich hätte es den damals 49-Jährigen gar nicht mehr interessieren müssen. Denn sein Betrieb, dem er 35 Jahre lang angehörte, war insolvent. Nur einige Jüngere wurden für die noch ausstehenden Abwicklungsarbeiten ausgewählt. Dabei war S. „ein Teil der Firma“, mit der er sich „viel mehr identifizierte als die Jüngeren“, wie er sagt. Der Angestellte fühlte sich „ausgemustert wie eine Maschine“. Zum ersten Mal in seinem Leben war er arbeitslos. „Ich fühlte mich komplett nutzlos“, schildert er. Der Hamelner Psychotherapeut Dr. Michael Heilemann erklärt: „Wenn jemand die innere Überzeugung hat, bis zum Rentenalter weiter in seinem Betrieb zu arbeiten, dann ist eine Kündigung besonders schlimm.“ Je größer das Zugehörigkeitsgefühl, und je mehr jemand von seiner Energie in den Betrieb einbringe, umso größer werde der innere Zusammenbruch nach einer Kündigung.“

veröffentlicht am 04.11.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 11.11.2016 um 02:21 Uhr

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Autor:

Julia henke
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Auch Thomas Viehoff, der als Leiter der Ehe-, Familien- und Lebensberatung häufig mit Menschen zu tun hat, die arbeitslos geworden sind, weiß: „Für die Betroffenen ist das eine große Kränkung und Erschütterung des Selbstwertgefühls. Viele erleben den Verlust des Arbeitsplatzes als eigenes Versagen.“ Als häufigste Folge-Erkrankung nennt der Therapeut die Depression. Diplom-Psychologe Karl Möller berichtet, dass vor allem Männer beginnen, eine Depression zu „psychomatisieren“ und Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Probleme entwickelten.

Doch soweit kam es bei Karl-Heinz S. nicht. Er bemühte sich um eine neue Stelle und schrieb Bewerbungen. Zwischenzeitlich resignierte er zwar, denn „wenn ich mich irgendwo vorgestellt habe und gesagt habe, wie alt ich bin, dann gab es eine Absage“. Doch er verlor die Hoffnung nicht und fand ein Dreivierteljahr später über das Dienstleistungszentrum Hameln einen neuen Job. Vier Jahre arbeitete er dann in einem Betrieb – bis in der Wirtschaftskrise S. zu den ersten gehörte, denen gekündigt wurde. Wieder war er arbeitslos – nun mit 53 Jahren.

Christina Rasokat von der Arbeitsagentur in Hameln weiß: „Es ist die Ungewissheit, die den psychischen Druck ausmacht.“ Der Wandel am Arbeitsmarkt mit befristeten Verträgen und Leiharbeitsfirmen gehe nicht mehr auf das „menschliche Urbedürfnis Sicherheit“ ein. Zudem sei die Umstellung von Arbeitslosenhilfe, die es bis vor fünf Jahren nach dem Arbeitslosengeld gab, auf Hartz IV „eine bittere Pille für die Betroffenen“. So können die Mitarbeiter der Agentur für Arbeit feststellen, dass bei einem Beratungsgespräch, das drei Monate vor Ablauf des Arbeitslosengeldes geführt wird, „die Kompromissfähigkeit bezüglich Entgelt, Entfernung oder Art der Arbeit deutlich ansteigt“, so Rasokat.

Auch Friedrich M. (Name geändert) hatte große Angst davor, „in Hartz IV zu fallen“. Vor vier Jahren hatte er ein zweites Haus gekauft, in das er seine Lebensversicherungen und sein gespartes Geld hineinsteckte. „Wenn das alles weggewesen wäre, wäre es zum Aufhängen gewesen“, sagt er. In die Industrieviertel nach Hannover ist er gefahren und hat in den dortigen Firmen persönlich nach Arbeit gefragt. „Aber wenn man keine Beziehungen hat, kommt man in meinem Alter nicht mehr unter“, sagt der 61-Jährige und fügt hinzu: „Man ist frustriert, dass man nicht mehr gebraucht wird.“ Zu Hause fiel M. „teilweise die Decke auf den Kopf“.

Er versuchte sich zu beschäftigen, indem er das Haus renovierte, Holz hackte, im Garten arbeitete und den Haushalt führte, wenn seine Frau zweimal in der Woche zur Arbeit ging. „Man muss sich mit irgendwas beschäftigen, sonst dreht man durch“, schildert M. Unterstützung habe er in der schwierigen, fast zweijährigen Phase von seiner Frau erfahren: „Die hat mich aufgemuntert und angespornt, weiter nach Arbeit zu suchen.“ Doch nicht immer lief das Eheleben der M.s harmonisch. „Ab und zu hatte ich auch Stress mit meiner Frau.“ Die Ehe hielt trotz der schwierigen Phase. Das muss nicht der Regelfall sein, wie Karl Möller erklärt: „Bei vielen arbeitslosen Männern scheitert die Beziehung, weil sie sich gegenüber ihrer Partnerin minderwertig fühlen oder das permanente Zusammenleben nicht klappt.“ Aus seiner Erfahrung weiß er auch, dass alleinlebende Männer für Alkoholsucht gefährdeter sind.

M. erfuhr Unterstützung – auch von seinen Freunden. „Sonst fühlt man sich ja total ausgegrenzt.“ Es habe aber auch Bekannte gegeben, die glaubten, dass er keine Lust zum Arbeiten habe. „Das hat mich verletzt, war aber kein Grund, mich komplett zurückzuziehen.“ Friedrich M. wie auch Karl-Heinz S. half ihre positive Einstellung zum Leben, um nicht an der Arbeitslosigkeit zu verzweifeln. Beide haben einen neuen Job gefunden und sind entsprechend glücklich. S. stellt fest: „Die viele Freizeit war nicht gut. Ich fühlte mich zum alten Eisen gehörend und nutzlos.“ Am Abend vor seinem ersten Arbeitstag war er „ein bisschen aufgeregt“ – positiv natürlich.

Weil nicht alle so gut wegkommen wie S. und M., plädiert Karl Möller dafür, dass Arbeitslose sich in Selbsthilfegruppen zusammenschließen. „Durch den Kontakt zu Mitbetroffenen kann jeder sehen, dass so etwas vielen passieren kann und dass nicht er der Versager ist, sondern das Wirtschaftssystem, das nicht in der Lage ist, die menschlichen Ressourcen vernünftig einzuteilen.“ In den vergangenen Jahren beobachtete der Psychologe, dass „die psychischen Störungen, die man dem Arbeitsmarkt zurechnen kann“, deutlich zugenommen hätten. „Es ist ohne Sinn, dass immer mehr Menschen durch zu viel Arbeit gestresst sind und andere krank werden, weil sie gar nicht arbeiten.“

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