weather-image
Unterstützung im Kreißsaal

„Ich weine mit der Mutter“: Sonja Woitenas ist eine Doula

HAMELN. Sonja Woitenas hat selbst fünf Kinder zur Welt gebracht. „Die Geburten haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin“, sagt sie – und meint damit auch ihren Job als Doula. Gleiches tut Sabine Prätzel aus Obernkirchen. Die Geschichten beider Frauen ähneln sich.

veröffentlicht am 11.01.2019 um 14:47 Uhr

Sonja Woitenas hält in ihrem Wohnzimmer eine Babypuppe im Arm: 2008 ließ sich die Hamelnerin zur Doula ausbilden. Foto: mo

Autor:

Jessica Rodenbeck und Moritz Muschik
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Sonja Woitenas ist früh Mutter geworden. Im Alter von 19 Jahren hat sie ihr erstes Kind bekommen. „Ich hatte Glück, dass es schnell geboren war, sodass ich nicht so viele Schichtwechsel erlebt habe“, sagt die 52-Jährige heute. Auch bei ihrem zweiten Kind lief noch alles problemlos. Bei ihrem dritten Kind aber wurde die Geburt eingeleitet. „Und bei der vierten Schwangerschaft wurde die Fruchtblase gesprengt, damit es schneller geht“, erzählt sie. An diese Geburten denkt sie nicht gern zurück. „Für mich war nach diesen Erfahrungen eigentlich klar, dass ich vorerst nicht noch einmal schwanger werden wollte“, sagt sie. Dann aber spürte Woitenas, dass zum kompletten Familienglück noch etwas fehlt: ein weiteres Kind.

„Ich war 38 Jahre alt, bin wieder schwanger geworden und hatte eine Freundin, die Hebamme ist“, erzählt sie. Beide kannten sich schon länger, hatten über die Jahre ein gutes Verhältnis aufgebaut. Und so betreute ihre Freundin sie auch während der Geburt – neben dem Personal im Krankenhaus. „Sie kannte meine Ängste, meine Vorlieben. Diese Geburt war traumhaft“, sagt sie. Ein Schlüsselerlebnis für Sonja Woitenas. Für sie war klar: „Ich möchte andere Frauen begleiten und ihnen das Geburtserlebnis so schön wie möglich machen.“ 2008 ließ sich die gelernte Krankenschwester bei der Gesellschaft für Geburtsvorbereitung in Berlin zur Doula ausbilden. Der Trend kam aus den USA, seit Mitte der 1990er Jahre gibt es die Geburtsbegleiter auch in Deutschland.

Voraussetzung: Eine Doula muss mindestens ein Kind bekommen haben. „Wer erfahren hat, wie es ist, schwanger zu sein, ein Kind zur Welt zu bringen, kann intensiver betreuen“, sagt Woitenas. Seit 2008 hat sie nebenberuflich elf Geburten begleitet. „Es ist nicht so, dass die Frauen in Hameln mir die Bude einrennen“, sagt sie. Nur von der Arbeit als Geburtsbegleiterin könne sie nicht leben, fängt bald einen Job in der Tagespflege an. „Doulas sind nicht bekannt genug“, meint sie. Hinzu kommt, dass Paare die Kostenpauschale für die Begleitung selbst tragen müssen.

Sabine Prätzel aus Obernkirchen hat im vergangenen Jahr 20 Geburten begleitet. Foto: jaj
  • Sabine Prätzel aus Obernkirchen hat im vergangenen Jahr 20 Geburten begleitet. Foto: jaj
In ihrer Tasche hat Sabine Prätzel Massageball, Kissen und Nervennahrung dabei. Foto: mo
  • In ihrer Tasche hat Sabine Prätzel Massageball, Kissen und Nervennahrung dabei. Foto: mo
„Nur von der Arbeit als Geburtsbegleiterin kann ich nicht leben“, sagt Sonja Woitenas. Sie ist gelernte Krankenschwester, fängt bald einen Job in der Tagespflege an. Foto: mo
  • „Nur von der Arbeit als Geburtsbegleiterin kann ich nicht leben“, sagt Sonja Woitenas. Sie ist gelernte Krankenschwester, fängt bald einen Job in der Tagespflege an. Foto: mo

Eine Geburt geht manchmal schnell, kann aber auch 18 Stunden dauern.

Sonja Woitenas

„Eine Geburt geht manchmal schnell, kann aber auch 18 Stunden dauern“, meint Woitenas, die auch Trageberaterin sowie Kursleiterin für Schwangerenyoga und Babymassage ist. Für den werdenden Vater sei es beruhigend, eine Doula an seiner Seite zu haben. Woitenas entlastet den Partner, begleitet die Frau mit Atemtechniken durch die Wehen, massiert, unterstützt bei der Gebärposition. Als Konkurrenz zur Hebamme will sie nicht gesehen werden, eher als Ergänzung. Die Abstimmung untereinander sei dabei entscheidend. Bei notwendigen medizinischen Eingriffen vermittelt Woitenas, gibt Zuversicht und Vertrauen weiter. „Ich möchte einen Raum schaffen, in dem sich werdende Eltern in Ruhe hingeben können“, sagt sie. Wenn ein Baby dann zur Welt kommt, ist das für die Geburtsbegleiterin immer wieder besonders.

Dieses Erlebnis, wenn ein neuer Mensch geboren wird, diese Kraft, die von der Mutter ausgeht: Die Gefühle übertragen sich in einem solchen Moment auf Sonja Woitenas. „Ich weine dann auch immer mit der Mutter“, meint die Geburtshelferin. Wohl auch, weil die Mutter von fünf Kindern in solchen Momenten an ihre eigenen Erfahrungen zurückdenkt. Es sei „eine ganz besondere Aura“, wenn ein Kind auf die Welt kommt, eine Familie zusammenwächst. „Ich möchte Frauen darin unterstützen, dass sie ihrem eigenen Körper vertrauen, ein Kind zu gebären“, sagt Woitenas. Das treibt die Hamelnerin in ihrer nebenberuflichen Tätigkeit als Doula an.

Sabine Prätzel aus Obernkirchen über ihren Job als Doula

Auch Sabine Prätzel aus Obernkirchen arbeitet als Doula. Sie selbst weiß, was es bedeutet, eine schlimme Geburt zu erleben. Sie hatte gleich zwei davon. Bei der Geburt ihres ersten Sohnes war die gelernte Kinderkrankenschwester guter Dinge, freute sich auf die Geburt, doch dann kam alles anders. „Ich wurde schlecht aufgeklärt, beschimpft und schließlich zum Kaiserschnitt gedrängt“, erinnert sie sich. Auch die zweite Geburt, für die sie dieselbe Klinik wählte, verlief nicht schön. Sie bekam einen „Flashback“, erinnerte sich an die Geschehnisse drei Jahre zuvor und erlitt eine Panikattacke. Doch niemand half ihr. „Ich wurde mit meinen Ängsten völlig allein gelassen.“ Prätzel erlitt schließlich eine Wochenbettdepression, die, da ist sie sich sicher, maßgeblich durch die Erlebnisse während der Geburt ausgelöst wurde.

Als die gebürtige Hamburgerin dann erneut schwanger wurde, war sie sich sicher, dass sie dieses Mal einen anderen Weg gehen möchte. Sie wählte ihre Geburtsklinik bewusst aus, ließ sich von einer Doula begleiten und wurde belohnt. „An diese Geburt denke ich heute gerne zurück“, sagt sie. Zwar endete auch diese mit einem Kaiserschnitt, „aber ich durfte den Weg selbstbestimmt gehen“. Und genau das ist es, was der dreifachen Mutter bei ihrer Arbeit wichtig ist.

Vergangenes Jahr hat sie 20 Geburten begleitet

Es gehe nicht darum, dass jede Frau, die sie begleitet, automatisch eine Traumgeburt erlebt. „Geburten sind launische Wesen“, weiß sie aus Erfahrung. Sie möchte vielmehr dazu beitragen, dass die werdende Mutter mitbestimmen darf und – egal, wie die Geburt verläuft – das Gefühl hat, den Weg selbst gegangen zu sein, Entscheidungen selbst getroffen zu haben. Prätzel, die sich über den Verein „Doulas in Deutschland“ ausbilden ließ, hat im vergangenen Jahr 20 Geburten begleitet. Mehr sei kaum möglich, da die Geburtstermine nicht zu eng beieinander liegen dürfen. Sie möchte sich für jede Frau Zeit nehmen können. „Ich möchte mein Wissen weitergeben, damit andere Frauen nicht erleben müssen, was ich erlebt habe“, sagt sie. Dieses Ziel verfolgt auch Sonja Woitenas aus Hameln.

Beide Frauen haben sich aufgrund ihrer Lebensgeschichte, aufgrund ihrer Erfahrungen dazu entschieden, Geburten zu begleiten. Sie tun es aus Überzeugung.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt