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„Überfallartige Sexualdelikte“ – Asylbewerber vor Gericht

„Ich hatte Angst, zu sterben“

Hameln/Hannover. In Hannover hat am Dienstagvormittag der Prozess gegen einen 37 Jahre alten Asylbewerber aus Algerien begonnen - der Mann muss sich wegen einer versuchten und wegen einer vollendeten Vergewaltigung verantworten. Der Angeklagte äußerte sich zu den Vorwürfen. Auch das zweite Opfer sagte aus.

veröffentlicht am 09.02.2016 um 19:01 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:47 Uhr

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Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Hameln/Hannover. „Sind Sie ganz sicher, dass ich der Täter bin?“, fragt der Mann auf der Anklagebank mithilfe eines Dolmetschers die junge Frau auf dem Zeugenstuhl. Die 25-Jährige aus Hannover, die den Richtern und Schöffen der 1. Großen Strafkammer gerade in allen Einzelheiten geschildert hat, wie sie am frühen Morgen des 30. August an der Bahnhofstraße in Hameln vergewaltigt wurde, schaut Redha M. kurz an. Dann sagt sie nur ein Wort: „Ja.“

Der Angeklagte spielt den Überraschten. Er bestreitet, die Studentin mit Gewalt in einen dunklen Durchgang gezerrt, sie brutal geschlagen und sexuell genötigt zu haben. „Das stimmt überhaupt nicht. Ich habe damit nichts zu tun“, beteuert der in Algerien geborene Vater einer 14 Monate alten Tochter. Seit Spätsommer vergangenen Jahres sitzt der 37-Jährige in Untersuchungshaft. Seit gestern muss er sich vor dem Landgericht Hannover wegen einer versuchten und wegen einer vollendeten Vergewaltigung verantworten. Wie sein Blut an eine Hauswand am Tatort und wie seine Hautschuppen in den Körper des Opfers gekommen sind, will der Vorsitzende Richter Stefan Lücke wissen.

Beschuldigter zeigt Unschuldsmine

Der Nordafrikaner, der als Flüchtling der Gemeinde Emmerthal zugewiesen worden war, ist um Ausreden nicht verlegen. Da hätten ihn Leute angegriffen und sein Portemonnaie gestohlen, behauptet er. Die Kammer hatte gehofft, dass Redha M. dem Vergewaltigungsopfer erspart, die Tat und deren Folgen in der öffentlichen Hauptverhandlung zu beschreiben. Doch der Beschuldigte mimt das Unschuldslamm. Dabei müsste ihm klar sein, dass ihn sein genetischer Fingerabdruck schwer belastet.

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  • Im Gerichtssaal begrüßt der Angeklagte Redha M. seinen Verteidiger Ulrich Schmidt und einen Dolmetscher (re.). ube

Die 25-Jährige leidet noch heute unter den traumatischen Geschehnissen. Die zahlreichen Verletzungen, die ihr während des „überfallartigen Sexualdelikts“ (O-Ton Polizei) zugefügt wurden, sind zwar verheilt. Die seelischen Verwundungen aber noch lange nicht. Bis heute führt sie Gespräche mit einer Psychologin, hat sie Albträume und Ängste. Furchtbare Bilder haben sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. Sie weiß noch sehr genau, wie sie der Täter packte und zu ihr sagte: „Ich brauche jetzt Sex.“ Sie erinnert sich, wie der Mann sie gegen eine Hauswand drückte, wie er sie zu Boden warf, wie er sich auf sie drückte, wie er ihren Kopf heftig auf den Betonboden schlug. Ihr sei in diesem Moment weiß vor Augen gewesen. „Ich habe beinahe das Bewusstsein verloren, mich aber gezwungen, wach zu bleiben“, erzählt sie. Mit der Hand habe ihr der Täter Mund und Nase zugehalten. „Ich bekam keine Luft mehr, hatte Atemnot.“ Als es ihr irgendwann durch Gegenwehr gelang, um Hilfe zu rufen, schlug ihr der Täter mit der Faust ins Gesicht. „Der Mann hat mich auch gebissen – in die Unterlippe.“ Der Angeklagte sei immer aggressiver geworden. Sie habe während der Tat gehört, wie er „inschallah“ (arabisch für so Gott will) rief und Selbstgespräche führte. Unter Tränen sagt sie dann: „Ich wusste nicht, ob ich das überleben werde.“ Wochenlang konnte sie nicht mit eigener Kraft aufstehen. So sehr habe ihr Rücken wehgetan. Schürfwunden, Prellungen, Blutergüsse – die junge Frau war am gesamten Körper verletzt. „Hatten Sie Todesangst?“, fragt Oberstaatsanwältin Daniela Hermann. „Ja, am Ende hatte ich Angst, zu sterben“, antwortet das Opfer. Nahezu unbekleidet konnte die junge Frau ihrem Peiniger entkommen. Sie hatte geschrien – Passanten eilten ihr zur Hilfe und beendeten das Martyrium.

 

„Im Spiegel habe ich mich nicht mehr erkannt“

Zum Bahnhof sei sie gelaufen. Dort habe sie sich fremden Menschen anvertraut und sie gebeten, einen Krankenwagen zu rufen. Die 25-Jährige sagt, sie hätte seinerzeit kaum aus den Augen gucken können. Sie hatte versucht, den Vergewaltiger mit Pfefferspray abzuwehren. Aber der Mann war stärker als sie. Er entriss ihr die kleine Dose und sprühte ihr das Spray ins Gesicht. „Als ich nach meiner Flucht am Bahnhof in einen Spiegel sah, habe ich mich nicht mehr erkannt.“

Redha M. wird auch eine versuchte Vergewaltigung zur Last gelegt. Diese Tat hat sich am 24. Juli, also etwa sechs Wochen zuvor, im Bürgergarten ereignet. Gegen 1 Uhr sei er der Frau begegnet, erzählt der Angeklagte. Er habe sie auf Französisch angesprochen. Die 48-Jährige sei daraufhin stehen geblieben. Sie habe Deutsch gesprochen. Redha M. gibt zu, die Frau kurz darauf umarmt und ihr an die Brust gefasst zu haben. „Ich wollte meinen Spaß“, sagt er. „Ich habe gespürt, dass sie ängstlich ist“, sagt er. „Vermutlich, weil sie gemerkt hat, dass ich Alkohol getrunken habe.“ Er habe Sex mit der Frau haben wollen. Passiert sei aber nichts. Gewalt will er nicht ausgeübt haben. „Ich war besoffen, hatte über den Tag verteilt zwei Tetra-Pack Rotwein und zwölf Bier getrunken.“ Anderthalb Stunden nach der Tat habe Redha M. 1,45 Promille im Blut gehabt, berichtet Oberstaatsanwältin Hermann. Anderslautende Aussagen, die er bei der Polizei gemacht hat, erklärt er so: „Vielleicht Missverständnisse. Da war damals ein Dolmetscher aus dem Irak. Der hat nicht alles richtig verstanden.“

Die Strafkammer hat fünf weitere Verhandlungstage angesetzt. Die Richter müssen nun auch die 48-Jährige, die der Beschuldigte im Bürgergarten angegriffen haben soll, befragen. Am 14. März könnte das Urteil gesprochen werden.



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