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Frieda Laube blättert in „Mein Hameln“ – und erinnert sich an den Bombenangriff im März 1945

„Ich hatte Angst, wollte nur noch raus“

Hameln. Manche Erinnerungen kommen schnell und präzise, andere eher schemenhaft. Als spektakulär empfindet sie ihre Erlebnisse nicht. Es ist wie ein Puzzle, das nach über 70 Jahren zusammengesetzt wird und längst Verdrängtem Raum gibt: Frieda Marie Lina Sophie Laube, genannt Friedchen, blickt zurück. Auf die Zeit, als die Luftangriffe Hameln erreichten, als ihre unbeschwerte Jugend endete. Aufmerksam gleiten ihre alten Augen über die historischen Fotos des Dewezet-Magazins „Mein Hameln“. „Bomben auf Hameln“ heißt der Beitrag, der die Ereignisse des 14. März 1945 beschreibt. Von einem strahlend schönen Tag ist die Rede, von geschäftigem Treiben am Bahnhof.

veröffentlicht am 17.12.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 11:21 Uhr

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Autor:

Gabriele Laube
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„Ja, genau so war es“, erinnert sich Friedchen. „Bei Schnur standen damals viele Menschen an, um Tabakwaren zu kaufen.“ Friedchen arbeitete zu dieser Zeit im Hotel Sintermann, dem Bahnhofshotel. „Sintermann hatte jemanden fürs Buffet gesucht, weil im Hotel immer reger Betrieb herrschte und ich bekam die Ausbildungsstelle als Buffet-Lehrling. Die Arbeit im Hotel gefiel mir gut.“ So war es auch an diesem Tag. Bis plötzlich Alarm ausgelöst wurde.

Meist überflogen die Bomberverbände das Weserbergland nur. Die Hamelner rechneten nicht wirklich mit einem schweren Angriff. Man hatte sich an den Fliegeralarm gewöhnt. „Die ersten Sirenenalarme nahmen wir Mädchen nicht ernst, wir blieben in der Nacht einfach in unseren Betten liegen – bis der Hotelbesitzer laut an die Tür klopfte“, erinnert sich Friedchen. Das machte er auch am 14. März: „Sintermann scheuchte uns in den Keller. Ich rief noch, ich muss doch das Geld aus der Kasse mitnehmen, doch Sintermann schrie nur: Weg, weg, weg!“

Doch von wirklicher Panik ist man mittags gegen 14 Uhr noch weit entfernt. So auch Friedchen: „Alarm war oft und dann wieder Entwarnung. Wir hörten auch Schüsse, es krachte häufig, und wir mussten in unseren Keller vor der Kegelbahn. Alle aus dem Hotel waren dort.“

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Die Menschen waren längst wieder aus den Kellern hervorgekommen, die Bahnsteige wieder gefüllt, als sich zwei Stunden später erneut Bomber näherten. Kurz darauf verwandelte die Ladung von zwölf viermotorigen Maschinen das Gelände um den Bahnhof in ein Trümmerfeld. Hameln erlebte die größte Katastrophe seiner jüngsten Geschichte. Friedchen ist zu diesem Zeitpunkt erneut in den Keller des Hotels geflüchtet. Ihre Erinnerung ist bruchstückhaft. Immer wieder fallen die Worte „schrecklich, furchtbar, schlimm“. Sie fühlt noch einmal die Angst, verschüttet zu werden. „Ich saß im Keller und dachte nach. Das Gebäude konnte jederzeit auf uns stürzen. Die Frau Sintermann war mit Splittern im Haar in den Raum gekommen. Ich hatte Angst, wollte nur noch raus. Wir mussten dort raus und über die Weser aufs Land.“

Das Restaurant sieht wüst aus, als Friedchen und die anderen wieder nach oben kommen. Die Glasauflagen der Tische sind zersplittert, überall liegen Kochtöpfe. „Vor dem Bahnhof sah ich ein riesiges Loch, gleich hinter der Straße neben dem Hotel. Ich hörte, dass alle Menschen, die bei Tabakwaren Schnur angestanden hatten, tot seien. Von 35 war die Rede.“ Gesehen habe sie die vielen Toten nicht, das sei ihr erspart geblieben.

Die Opferzahl wird damals von der NS-Gauleitung offiziell mit 135 angegeben. Die Dunkelziffer liegt weitaus höher, unter anderem, weil die getöteten Zwangsarbeiter nicht mitgezählt wurden.

Die Toten werden gegenüber vom Hotel aufgereiht. Viele sind nicht mehr zu erkennen. Der Angriff hatte zwar dem Bahnhof gegolten, doch wie so oft im Krieg werden auch viele Zivilisten getroffen. Die Bomben haben die Deister-, Kreuz-, Schmiede- und Stüvestraße sowie den Hastenbecker Weg nicht ausgespart.

Auch das Haus von Friedchens Tante, Marie Schmitz, wird getroffen. „Es stand vom Bahnhof gesehen ganz hinten links in der Karlstraße und wurde gleich als erstes zerstört.“ Friedchens Onkel Heinrich arbeitete während des Angriffs in der Bahndienststelle gegenüber vom Hotel Sintermann, ihre Tante war im Keller des Hauses, als die Bomber kamen. „Sie wurde verschüttet, überlebte aber, doch sie verlor alle ihre Haare“, sagt Friedchen.

Friedchen und ihre jungen Kolleginnen fassen einen Plan: Sie wollen aufs Land fliehen. „Tollkühn, wie wir Mädchen waren, liefen wir die Kaiserstraße hoch, kamen aber nicht weit, denn es herrschte immer noch Alarm. Ein Flieger näherte sich, und wir suchten Schutz in einem Haus links der Kaiserstraße, nicht weit vom Hotel. In dem dunklen, verwinkelten Gewölbekeller fürchteten wir uns sehr und rannten zurück zum Hotel, der Alarm dauerte an.“

In den letzten Kriegstagen traut sich Friedchen nicht mehr ins Hotel zurück. Sie hört, dass der Besitzer und seine Familie geflohen seien.

„Als ich wieder ins Hotel zurückkonnte, war dort alles verwüstet. Ich weinte sehr, weil alle meine Sachen, Kleidung und Erinnerungsstücke gestohlen waren.“

„Mein Hameln“ ist für 5,95 Euro in der Dewezet-Geschäftsstelle erhältlich.

Frieda Laube blickt zurück: Die historischen Fotos des Dewezet-Magazins „Mein Hameln“ wecken viele Erinnerungen bei ihr. Besonders an einen Tag: den 14. März 1945, als Bomben auf Hameln fielen.

lau



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