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Vermeintliche Rabeneltern gründen eine Selbsthilfegruppe

„Ich habe mein Kind zur Adoption freigegeben“

Hameln. Sie hatten ihre Gründe, warum sie ihr Kind zur Adoption freigegeben haben. Doch wenn es um das Thema Adoption geht, sind es hauptsächlich die Schicksale adoptierter Kinder, die ihre leibliche Mutter suchen oder der Eltern mit ihrem adoptierten Kindersegen, die an die Öffentlichkeit kommen. Unzählige Bücher und Broschüren weisen Adoptiveltern den Weg zur glücklichen Familie. Was aber ist mit den leiblichen Eltern? Auch sie haben eine Geschichte. In der Regel ist diese allerdings mit einem Negativimage verbunden. Wer würde auch schon ein Buch über „Rabenmütter“ kaufen? Die Wahl-Hamelnerin Ursel M. (alle Namen und persönlichen Daten wurden von der Redaktion geändert) versucht gerade, diesem Negativimage zu entrücken. Sie geht in die Öffentlichkeit und plant eine Selbsthilfegruppe mithilfe der Paritätischen für Eltern, die ihr Kind zur Adoption freigegeben haben.

veröffentlicht am 27.07.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 11.11.2016 um 12:21 Uhr

Schatten der Vergangenheit – Eltern, die ihre Kinder zur A

Autor:

Birgit Sterner
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„Dass es so schwer ist, mit dem Verlust des weggegebenen Kindes zurechtzukommen, sei auch der Rechtsform der Inkognito-Adoption zuzuschreiben“, erklärt Ursel M. „Damit gebe ich acht Wochen nach der Geburt alle Rechte und alles Wissen, was mit dem Kind weiter geschieht, auf.“ Außer der Inkognito-Adoption gibt es die Formen der halboffenen oder offenen Adoption.

Dabei halten Adoptiveltern und leibliche Mutter beziehungsweise Eltern verschiedene Kontaktformen. „Das Einzige, was mich als damals minderjährige Mutter, die die Inkognito-Adoption gewählt hatte, mit meinem Kind verbindet, ist der Ausspruch Herkunftsmutter, mehr nicht.“ Viele Herkunftsmütter leiden ein Leben lang unter ihrer einst getroffenen Entscheidung, ist Ursel M. überzeugt. Sie sei eine von ihnen. „Immer wieder fühlte ich mich schuldig“, sagt die Frau. „Mittlerweile weiß ich zwar, dass es vor 30 Jahren die richtige Entscheidung war. Aber nur die wenigsten Menschen stimmen dir zu.“ Auch von ihren Eltern hatte M. „leider keinen Rückhalt“. Vom Vater des Kindes hatte sie sich getrennt.

Die Erfahrungen an Betroffene weitergeben

Den glatten Bruch zum Kind ging Ursel M. damals bewusst ein, da es weder eine gute Zukunft für sie und das Kind noch eine für Vater, Mutter und Kind gemeinsam gegeben habe. Warum sie jetzt nach Jahrzehnten die halböffentliche Plattform einer Selbsthilfegruppe sucht, resultiert aus ihren gesammelten Erfahrungen, die sie gerne an Gleichgesinnte weitergeben möchte. Sie ist inzwischen seit vielen Jahren verheiratet und Mutter eines weiteren Kindes. Ihr Mann steht hinter ihr und wusste von Anfang an von dem ersten, dem abgegebenen Kind.

„Es gibt Abschnitte im Leben, unter die ein Mensch irgendwann einen Schlussstrich ziehen kann. Wenn aber Jahr für Jahr Fragen wie folgende auftauchen, geht das nie: ,Haben Sie Kinder‘? „Wenn diese Frage vom Arzt kommt, läuft es Ursel M. immer kalt über den Rücken. „Ich habe zwei Kinder geboren. Eines davon ist gleich nach der Geburt zur Adoption freigegeben worden“, sagt sie dann jedes Mal. Heute kann M. das sagen – lange Zeit hätte sie bei dieser Frage am liebsten Reißaus genommen. „Dass ich keinerlei Angaben zu dieser Schwangerschaft zu machen brauchte, wusste ich, aber die Fragen kamen eben doch.“

Solche Fragen sind das, was Ursel M. seit Jahrzehnten auch ärgert. „Ich hatte mich an die Aussage des damaligen Beamten des zuständigen Jugendamtes geklammert.“ Ursel M. wohnte zu dieser Zeit noch nicht in Hameln. „Der Herr versicherte mir, ich müsse nie wieder darüber sprechen.“ Sie fühle sich falsch beraten und betrogen. Auch auf Einsicht in die Krankenhausakte wartet sie noch heute. Das alles kommt zu den jahrelangen Selbstzweifeln noch hinzu.

Die Freunde machten Mut

Ob andere Frauen ähnliche Erfahrungen gemacht haben, würde Ursel M. sehr gerne wissen und sich mit diesen Betroffenen austauschen. Heute kann Ursel M. über ihr Leben offen reden, das Für und Wider der Adoption erklären. „Ich habe auch schon einmal vor Adoptiveltern gesprochen“, berichtet sie. „Die haben mich mit große Augen angesehen und sich sicher gedacht, warum hat die das nur getan?“ Sie hatte begonnen, die Vergangenheit öffentlich aufzuarbeiten, als sie ein Bild von Eric daheim aufstellte, erklärt Ursel M. „Nach und nach begannen meine Freunde und Bekannte zu fragen, und ich wollte und konnte mich ihnen öffnen. Niemand hat mich verteufelt, alle verstanden mich, das macht Mut. Die Erfahrung diesen Mutes würde ich jetzt gerne in einer entsprechenden Selbsthilfegruppe teilen.“

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