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„Ich dachte, mein letzter Tag ist gekommen“

veröffentlicht am 28.06.2011 um 10:20 Uhr
aktualisiert am 05.12.2017 um 14:35 Uhr

Hameln (ube). Der Prozess um den brutalen Mord an dem Hamelner Briefmarkenhändler Robert Hodde (53) ist gestern mit vierstündiger Verspätung fortgesetzt worden, weil eine ehrenamtliche Richterin am Vormittag „unauffindbar“ war. Wolfgang Rosenbusch, Vorsitzender Richter der 13. Großen Strafkammer des Landgerichts Hannover, schaltete die Polizei ein und ließ die Schöffin von Einsatzbeamten suchen.

Um 10 Uhr teilte Rosenbusch den fünf wartenden Verteidigern, dem Anwalt des Nebenklägers, den beiden Dolmetschern und der Staatsanwältin mit: „Die Polizisten konnten die Schöffin leider nicht finden. Sie haben aber Nachbarn befragt. Wir wissen jetzt: Sie ist heute schon gesehen worden, lebt also.“ Wo sich die Frau aufhalte, sei aber weiter unbekannt. Die Polizei habe bereits ein zweites Mal nach ihr gesucht – allerdings ohne Erfolg. Um 10.30 Uhr schickte der Richter einen Dienstwagen mit Justizbeamten zur Wohnung der ehrenamtlichen Richterin und setzte den Prozess bis 13 Uhr aus. Schließlich erschien die Schöffin zum Termin – sie hatte eine an sie adressierte Umladung fehlgedeutet. „Das Amtsdeutsch habe ich nicht verstanden“, sagte sie der Dewezet. Der Schöffin sollte lediglich mitgeteilt werden, dass der Prozesstag am 7. Juli ausfallen wird.

Nachdem am ersten Verhandlungstag der Angeklagte Adolf B. (55) seine Version vom Tathergang geschildert hatte, befragte Richter Rosenbusch gestern Vadyn C. (22), der laut Staatsanwaltschaft nicht an der Tötung des Kaufmanns beteiligt war. Der junge Mann sagte, Andrej L. (24) habe ihn seinerzeit gefragt, ob er sich etwas Geld verdienen wolle. „Ich brauche dich als Fahrer“, soll er gesagt haben. Zu dritt sei man am 21. November nach Hameln gefahren. Adolf B. „wollte sich das Geld holen“, das ihm Robert Hodde geschuldet haben soll. Er (Vadyn C.) und Andrej L. hätten einen Junkie besuchen sollen, „der seit einem halben Jahr keine Miete mehr an Hodde gezahlt hat“. In der Wohnung des Briefmarken- und Münzhändlers habe man zunächst viel geredet und gelacht. „Er hatte keine Freunde, bekam kaum Besuch und war froh, dass wir bei ihm waren“, behauptet Vadyn C.

Irgendwann sei Andrej L auf Toilette gegangen. „Als er nach etwa drei Minuten wieder ins Wohnzimmer kam, hat er Hodde ins Gesicht geschlagen. Einfach so. Ich war erschrocken, wusste nicht, warum er das gemacht hat. Ich bin dazwischengegangen. Andrej hat mir Kabelbinder und Handschuhe gegeben. Damit sollte ich Hodde fesseln. Ich wollte das nicht tun, es mir aber auch nicht anmerken lassen. Deshalb habe ich zu ihm gesagt: ,Ich schaffe das nicht‘.“ Andrej L. habe Hodde dann an Händen und Füßen fixiert. Das verletzte Opfer soll in dieser Situation lediglich gefragt haben: „Warum hast du mir den Kiefer gebrochen?“ Adolf B. habe zu Robert Hodde gesagt: „Du schuldest mir noch Geld.“ Hodde, so Vadayn C., soll geantwortet haben: „Die Geschäfte gehen gerade schlecht. Ich kann nur in Gold bezahlen.“ Hodde habe eine Quittung ausstellen wollen. „Damit er das machen kann, hat ihm Herr B. die Handfesseln abgenommen.“

Während Andrej L. auf Robert H. aufpasste, will Vadyn C. Adolf B. von der Schillerstraße 43 zur Kaiserstraße 37, wo Robert Hodde ein Phila-Studio betrieb, gefahren haben. Adolf B. sei allein in das Geschäft gegangen, um Gold zu holen. Vadyn C. will im Auto gewartet haben. „Nach 15 Minuten kam er wieder zum Wagen, legte eine Laptop-Tasche in den Kofferraum, und sagte, Andrej habe ihn angerufen und gefragt, wann wir zurückkämen.“

Vadyn C. fuhr Adolf B. zurück zu Hoddes Eigentumswohnung. B. sei ausgestiegen, C. will etwa eine Stunde im Auto gewartet haben. Als L. und B. endlich zurückkamen, habe Andrej gesagt: „Fahr noch mal zum Geschäft. Wir haben da etwas vergessen.“ Andrej habe zu diesem Zeitpunkt einen roten Kopf gehabt und stark geschwitzt, Adolf B. sei hinten eingestiegen und ganz ruhig gewesen. Was geschehen sei, habe er wissen wollen, sagt Vadyn C. „Andrej hat zunächst nur gesagt: ,Später‘.“ Erst am Laden erhielt der 22-Jährige eine Antwort, die ihn angeblich geschockt hat: „Wir haben ihn umgebracht“, soll Andrej L. gesagt haben. „Adolf B. hat das dann bestätigt.“

Vadyn C. sagt, er habe seit diesem Moment große Angst um sein Leben gehabt: „Ich war ja jetzt Zeuge.“ Sie hätten Handschuhe getragen, als sie in Hoddes Geschäft gingen. „Eine Kiste mit etwa zehn Briefmarkenalben haben wir da rausgeholt. Adolf B. hat zunächst geschaut, was wertvoll ist und was nicht.“ Er kenne sich da aus, habe B. gesagt. Als sie die Beute im Wagen verstaut hatten, soll Andrej L. befohlen haben: „Zurück zur Wohnung! Ich habe da etwas von meiner Jacke verloren.“ Adolf B. sei auf Bitten von Andrej L. allein in die Mord-Wohnung gegangen. „Ich kann das nicht. Mir ist schlecht“, soll L. gesagt und B. gebeten haben, „oben sauber zu machen, also Spuren zu beseitigen“.

Während er mit Andrej L. im Auto auf Adolf B.s Rückkehr gewartet habe, will Vadyn C. seinen Kumpel gefragt haben: „Wie ist das denn passiert?“ L. habe geantwortet: „Der (Hodde) hat plötzlich Theater gemacht, sich aufgeregt und gefragt: Warum hast du mir meinen Kiefer kaputtgehauen? Wer soll das jetzt bezahlen?“ Er (Andrej L.) und Adolf B. hätten Robert Hodde eine Tüte über den Kopf gezogen, sodass das Opfer keine Luft mehr bekommen habe. Dabei seien die drei Männer auf den Boden gefallen. Andrej L. habe eine Statue von einem kleinen Schrank genommen und diese etwa viermal auf Hoddes Kopf gehauen. Als L. bei Robert Hodde keinen Puls mehr fühlen konnte, soll er zu Adolf B. gesagt haben: ,Mach die Badewanne voll. Wir legen ihn da rein‘.“ Am Schluss seiner Tatschilderung soll Andrej L. Vadyn C. den Rat gegeben haben: „Ist besser für dich, wenn du das alles vergisst.“ Er habe das als Drohung aufgefasst und fortan Angst gehabt, auch getötet zu werden. „Auf der Fahrt zurück nach Köln dachte ist: ,Mein letzter Tag ist gekommen‘.“

Der Prozess wird am 4. Juli fortgesetzt.



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