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Weniger Sprachbarrieren – mehr Hygiene?

Hygiene im Krankenhaus: Den roten Lappen nur fürs Klo

Angesichts der Probleme, die multiresistente Keime in Krankenhäusern mit sich bringen, liegt eine Frage nahe: Wird eigentlich ausreichend geputzt? Das interessiert Patienten, Angehörige und auch Krankenhausbetreiber. Eng vergesellschaftet mit der Frage nach ausreichender Hygiene ist die Frage: Wissen die Reinigungskräfte überhaupt, wie sie putzen sollen?

veröffentlicht am 19.06.2017 um 16:04 Uhr
aktualisiert am 20.06.2017 um 13:13 Uhr

Im Bad wird nur mit „Gelb“ geputzt, das Klo nur mit dem roten Lappen. Reinigungskonzepte ohne Sprachbarrieren sollen Hilfestellungen für mehr Hygiene liefern. foto: pr
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Die Frage klingt erst einmal banal, putzen ist doch putzen, oder? Eben nicht. Die Desinfektionsreinigung im Krankenhaus ist nicht zu vergleichen mit dem Hausputz. Nicht der Staub auf der Fensterbank steht dort im Fokus, sondern die Haut- und Händekontaktstellen. Dazu gehören vor allem Gegenstände, die permanent angefasst werden, wie Schalter, Telefonhörer und Fenster- und Türgriffe.

Und: Es ist kein Geheimnis, dass die Reinigung im Krankenhaus oft von Menschen mit wenig Deutschkenntnissen übernommen wird. Braucht man zum Putzen ja auch nicht, könnte man denken. Aber: „Das ist schon ein Problem“, sagt Dr. Andreas Schiebeler, Hygieniker im Sana-Klinikum.

Neben den Schulungen des Personals nutzen Kliniken deshalb immer häufiger Reinigungskonzepte ohne Sprachbarrieren. Im Sana-Klinikum wird mit dem sogenannten „Hysist“-System gearbeitet. Vereinfacht gesagt heißt das: Wo mit welchem Lappen geputzt werden muss, zeigen farbige Aufkleber mit Symbolen, die die gleiche Farbe haben, wie der für den Bereich vorgesehene Lappen. Blau für das Patientenzimmer, Gelb im Bad und Rot ausschließlich für die Toilette.

„Der Putzlappen führt also direkt zum Ziel, das sieht auch der Patient“, sagt Schiebeler. Für jede neue Fläche wird eine andere Seite des mit Desinfektionsmittel getränkten Tuchs verwendet. Die vorbereiteten Tücher hängen griffbereit im mitgeführten Reinigungswagen. Jedes Tuch werde nur einmal benutzt, in Spezialsäcke entsorgt und mit einem thermochemischen Verfahren gewaschen.

Gerne hätten wir einen Termin im Sana gemacht, um zu sehen, wie das System funktioniert und um die Reinigungskräfte nach Vor- und Nachteilen im Vergleich zu früher zu fragen. Doch trotz eines Vorlaufs von über einem Monat war das Sana-Klinikum nicht in der Lage, einen Ansprechpartner zu finden.

Die Reinigung wird seit 2013 von Mitarbeitern der Sana DGS pro.service GmbH übernommen, die wiederum mit „erfahrenen Branchenspezialisten“ zusammenarbeite, heißt es. Die Mitarbeiter werden nach dem Rahmentarifvertrag für die gewerblichen Beschäftigten in der Gebäudereinigung (RTV) entlohnt und sind einer festen Station zugeordnet, erklärt eine Sprecherin. Auf die Frage, wie viel Zeit die Mitarbeiter für die Reinigung eines durchschnittlichen Zimmers hat, möchte die Klinik nicht antworten.

Zu den Leistungen des Konzeptanbieters gehört auch eine Voranalyse, die definiert, welche Bereiche wie zu reinigen sind. Führungskräfte müssen den Reinigungsprozess dokumentieren und überwachen. Das Ergebnis wird von Hysist regelmäßig mit einer Methode, die Rückstände messen kann, überprüft.

Als einfach und intelligent wird das „Hysist-System“, mit dem im Sana-Klinikum seit gut drei Jahren gearbeitet wird, beschrieben. Das hört sich gut an. Aber kommt das Reinigungspersonal nun auch besser klar?

Der Hygieniker Dr. Andreas Schiebeler betont, dass die Reinigungsmethode, die zum Maßnahmenbündel gegen die Ausbreitung von MRSA (aber auch anderen multiresistenten Keimen) gehört, Wirkung zeigt – die Anzahl der MRSA-Fälle habe sich halbiert. Messen allerdings könne man den Erfolg nicht, denn welche Maßnahme des Bündels wie viel Erfolg nach sich zieht, ist bis jetzt nicht überprüft worden. Wichtig sei, dass die Zuständigkeiten zwischen dem Reinigungsdienst, Hygiene und Pflege geklärt sind, erklären die Entwickler von Hysist in ihrem Konzept.

Im Sana wird das Thema Hygiene auf vier Ebenen angegangen: Ganz oben steht der ärztliche Hygieniker, also Dr. Andreas Schiebeler.

Zudem gibt es unter den Ärzten Hygienebeauftragte, die sich in einer einwöchigen Fortbildung eine Zusatzbezeichnung erworben haben. Auf den Stationen arbeiten Fachschwestern, die eine zweijährige Zusatzausbildung haben und auf der Krankenpflege-Ebene gibt es Hygienefachkräfte, die eine einwöchige Grundschulung in Hygiene-Fragen absolviert haben. Dennoch: „Sowohl Hygiene als auch sinnvolle Antibiotikatherapie müsste mehr Gewichtung im Studium bekommen, sagt Schiebeler. „Das ist der Punkt, wo sich der Kreis schließt.“ Doch für den Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin gebe es zu wenig Lehrstühle, zuwenig Fortbildungen.“

In Bayern wurde im April ein Anfang gemacht: Im Uniklinikum Regensburg bildet Wulf Schneider als erster Professor für Krankenhaushygiene Ärzte und medizinisches Fachpersonal weiter, berät Kliniken in Ostbayern und erforscht multiresistente Keime.

Mein Standpunkt
Dorothee Balzereit
Von Dorothee Balzereit

Gut verständliche Putzsysteme sind eine prima Sache. Allerdings muss dem Personal auch die Zeit eingeräumt werden, diese zu verwirklichen. Immer wieder hört man, dass Reinigungskräfte unter Zeitdruck, also vor allem kosteneffizient, arbeiten müssen. Ob das im Sana-Klinikum auch der Fall ist, blieb trotz vieler Nachfragen leider im Dunkeln.

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