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Verteidiger des Ex-Protec-Chefs gibt Bank und Beratern Mitschuld am Niedergang zweier Firmen

„Hohes Gericht, hier sitzt kein Krimineller“

Hameln. „Wenn man sagt, mein Mandant gehöre auf die Anklagebank“, sagt Strafverteidiger Dr. Michael Nagel in einer Prozesspause zur Dewezet, „dann müssen dort auch Verantwortliche einer Hamelner Bank sowie der Steuerberater und der Rechtsanwalt, die ihn damals falsch beraten haben, sitzen.“

veröffentlicht am 16.11.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 09.11.2016 um 15:41 Uhr

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Autor:

Ulrich Behmann
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Es geht um einen angeblichen Millionen-Skandal – und um den guten Namen einer angesehenen Unternehmerfamilie. Wer trägt die Schuld am Niedergang der Walzenfirmen Protec und Stratec? Die Staatsanwaltschaft wirft dem 59 Jahre alten ehemaligen Geschäftsführer Unterschlagung, Bankrott und Insolvenzverschleppung in zwei Fällen vor. Die Verteidigung sieht den Ex-Boss auch in der Opfer-Rolle. Er habe seinen Beratern mehrere Hunderttausend Euro bezahlt und ihnen „voll und ganz vertraut“. Das sei sein Fehler gewesen. Aber auch die damalige Hausbank der beiden Unternehmen trage eine große Mitschuld an der Misere, deutet Dr. Michael Nagel in einer 40-seitigen Erklärung an, die er gestern vor der 6. Großen Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Hildesheim vorlas. „Das Verhalten des Geldinstituts war am Ende unerträglich. Es hat sich jeglicher Lösungsvariante in den Weg gestellt.“ Mehr noch: Eines Tages sei ein Mitarbeiter der Bank zu seinem Mandanten gekommen und habe ihm die Kündigung aller Kredite mit einer Forderung über mehr als 7,6 Millionen Euro überreicht. „Gleich nach der Übergabe des Schriftstücks hat der Banker meinem Mandanten geraten, die Verhandlungen mit einem möglichen Investor aus der Schweiz fortzusetzen und erklärt, das Schreiben sei lediglich als rechtliche Absicherung für die Bank gedacht“, behauptet der Verteidiger – und sagt: „Ich werte ein solches Vorgehen als Anstiftung zur Insolvenzverschleppung.“

Es könne seinerzeit keinen Grund gegeben haben, den Firmen den Geldhahn abzudrehen, sagt Dr. Nagel. Die Auftragsbücher seien voll gewesen. „Was fehlte, war die Liquidität.“ Weil das Geldinstitut „Zahlungseingänge eingefroren hat, konnte die Protec ihre Zulieferer nicht mehr bezahlen“. Die Bank habe den finanziellen Schaden durch ihr eigenes Verhalten verursacht, so Dr. Nagel.

Der Unternehmer habe eine Insolvenz verhindern und Arbeitsplätze bewahren wollen. Der Fachanwalt für Strafrecht, der auch Lehrbeauftragter an der Universität Hannover ist, legt sich mächtig ins Zeug für den Angeklagten. „Hohes Gericht, hier sitzt kein Krimineller“, sagt Dr. Nagel. Der 59-Jährige habe zu keinem Zeitpunkt Vermögen beiseitegeschafft und auch keine Handelsbücher aus der Firma verschwinden lassen. „Es sind nur die Maschinenteile, die die Protec AG von der Protec GmbH gekauft hatte, bei der Verlegung des Lagerbestands von Hameln nach Hessisch Oldendorf gebracht worden. Das war keine Nacht- und Nebelaktion.“

Die fünfköpfige Strafkammer unter Vorsitz von Richter Hans-Hermann Brinkmann muss sich auch mit zwei Anträgen der Verteidigung beschäftigen. Dr. Nagel befürchtet, dass die Laienrichter die Beweisrelevanz der zirka 1000 Urkunden nicht werten können, wenn sie nicht während des Verfahrens erörtert werden. Sein Mandant würde dadurch keinen fairen Prozess bekommen. Deshalb will Dr. Nagel, dass das Gericht die Anordnung eines sogenannten Selbstleseverfahrens zurücknimmt. Aus der Sicht des Strafverteidigers sind vier Unterschlagungstatbestände, die seinem Mandanten vorgeworfen werden, längst verjährt. Die Kammer muss nun prüfen, ob das stimmt. Zudem sei die Beschlagnahme von Akten am 22. Februar 2005 rechtswidrig gewesen, behauptet Dr. Nagel. Und weil sich nicht mehr rekonstruieren lasse, welche Dokumente seinerzeit sichergestellt wurden, dürften sämtliche Akten nicht in den Prozess eingeführt werden, argumentiert der Anwalt.

Der Prozess wird heute um 9.30 Uhr im Saal 32 (Nebengebäude) fortgesetzt.

Die Richter betreten den Saal, der Anwalt springt auf. Der ehemalige Firmen-Chef (59) ließ gestern seinen Verteidiger Dr. Michael Nagel eine 40-seitige Erklärung verlesen. Foto: ube



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