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Hameln-Pyrmont (ch). Was immer ein Nachteil war, soll plötzlich ein Vorteil sein, das Fehlen ein Plus. Seit der behinderte Athlet Oscar Pistorius bei den Olympischen Spielen im 400-Meter-Lauf auf Carbon-Beinprothesen das Halbfinale erreicht hat, hält sich eine Diskussion über die Teilnahme behinderter Sportler an Wettkämpfen in den Medien, die umkehrt, was zuvor Usus war: Nämlich die Frage, ob aus einer körperlichen Behinderung letztlich ein Vorteil erwachsen und dadurch zu einer Benachteiligung nichtbehinderter Menschen führen kann. Skepsis und der Vorwurf des „Technik-Dopings“ auf der einen, frenetischer Jubel von 80 000 Zuschauern und der Beifall von Sportskollegen auf der anderen Seite. Ein Meinungsbild.

veröffentlicht am 09.08.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 19:41 Uhr

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„Behindertensport ist für Personen gedacht, die wegen ihres körperlichen Schadens oder einer Funktionsbehinderung gegenüber gesunden Sportlern in vielen Disziplinen benachteiligt sind“, heißt es auf der Homepage des Behindertensport-Vereins Hameln. Im Umkehrschluss würde das bedeuten, wenn die Personen nicht „benachteiligt“ sind, ist der Behindertensport nicht das Richtige für sie, sondern sie können sich dem Wettkampf mit den anderen Sportlern stellen. Doch was, wenn diese plötzlich durch die Technik benachteiligt werden? Ist „ohne Handicap“ dann plötzlich „gehandicapt“? „Wer behindert ist, hat nie einen Vorteil, sondern immer einen Nachteil“, sagt Horst Hönig, Erster Vorsitzender des Hamelner Behindertensportvereins. Bei allem Nutzen, den die Carbon-Federn, die Pretorius, der ohne Wadenbeinknochen geboren wurde und dem bereits als Kleinkind die Unterschenkel amputiert wurden, eventuell bringen würden, blieben die Nachteile, keine Füße und Unterschenkel zu haben. „Ich freue mich, dass er es erstritten hat, im Wettkampf mitlaufen zu können“, sagt er. Zudem sei es auch eine ethische Frage, allen die gleichen Möglichkeiten zuzugestehen.

„Inklusion“, wirft Fred Hundertmark, Vorsitzender des Kreissportbundes Hameln-Pyrmont, ein. Überall werde versucht, „behindert“ und „nichtbehindert“ nicht mehr zu trennen, warum also nicht auch im Sport? „Ich denke, Pretorius hat die Frage, ob er es sich verdient hat, mitlaufen zu dürfen, ganz einfach beantwortet, indem er die geforderten Qualifikationsleistungen gebracht hat.“ Bei den Paralympics hatte Pretorius eine Medaille nach der anderen gewonnen und setzte sich das Ziel, sich mit den weltbesten Sportlern messen zu wollen – bei den Olympischen Spielen. Das wurde ihm zunächst verwehrt, der Leichtathletik-Weltverband (IAAF) untersagte ihm die Teilnahme mit der Begründung, er könnte mit den Prothesen einen Vorteil gegenüber den nichtbehinderten Sprintern haben. Erst der Sportgerichtshof gab dem Sportler recht.

„Als ich gehört habe, dass Oscar mitläuft, habe ich mich total gefreut“, sagt die mehrfache Deutsche Meisterin im Bogenschießen, Tanja Schultz, aus Börry. Bei den Paralympics hat sie Pistorius persönlich kennengelernt. Sie selbst sitzt im Rollstuhl, schießt für die Behinderten-Sportgemeinschaft Bad Pyrmont (BSG) und tritt bei regionalen Wettbewerben auch gegen nichtbehinderte Konkurrenten an. Die Befürchtung, ihr Nachteil könne ihr zum Vorteil gereichen, habe sie schon öfter gehört: „Du hast es gut, du kannst sitzen“, hieß es von Sportlern, die beim Bogenschießen wie üblich stehen müssen. „Unsinn“, sagt sie, kann darüber jedoch nur lachen. „Man ist nie im Vorteil einem kerngesunden Menschen gegenüber.“ Auf Prothesen das Gleichgewicht zu halten, Füße, die den Kontakt zur Erde nicht spüren zu können, all das sei eine große Herausforderung. „Ich schlage dann oft vor: Setz dich mal hin und jetzt hebe die Füße noch, damit du weißt, wie es ist, nichts spüren zu können. Dann sehen sie es immer schnell ein.“ Wenn dennoch gemeinsam Sport gemacht und auch Wettkämpfe bestritten würden, könnten alle profitieren, findet sie. „Es ist eine Herausforderung für beide Seiten und man kann nur voneinander lernen.“ Oft kenne ein behinderter Sportler Tricks, auf die man ohne Behinderung, ohne die Notwendigkeit, nicht kommen würde.

Doch es sind keine geschickten Kniffe, sondern technische Innovation, die den Streitpunkt im Fall Pistorius ausmachen. Was, wenn die Technik den Menschen überholt, die Carbon-Federn so schnell werden, dass normale Beine nicht mehr hinterherkommen? „Chancen sollen nicht nur Behinderte, sondern auch Nichtbehinderte haben“, findet der behinderte Sportler Hans Ferdinand Schlichtig. Er trägt an seinem gelähmten linken Bein einen Stützapparat, eine Orthese, mit deren Hilfe er aufrecht stehen kann, macht Sport mit einem Handbike, geht Schwimmen, ins Fitnessstudio und engagiert sich für den Behindertensport. Dennoch ist er dagegen, jeden behinderten Sportler mit jeder Art von Handicap sowie technischem Hilfsmittel im Profisport zuzulassen, plädiert für Einzelfallentscheidungen. Die gleichen Regeln, die im Sport dafür sorgten, dass Benachteiligte zum Beispiel beim Sportabzeichen andere Leistungen bringen müssten, um sie zu schützen, müssten auch dafür sorgen, Nichtbehinderten eine Chance gegen die Technik einzuräumen. „Wenn es um viel Geld geht, kommt vielleicht sonst noch jemand auf die Idee, auf einen Fuß zu verzichten, wenn er dadurch mit Technik schneller wird“, meint er. Technische Fortschritte seien toll, um Behinderten die Teilnahme am Leben zu ermöglichen, aber im Wettkampf müsse immer im Einzelfall entschieden werden, ob dadurch bessere, schlechtere oder die gleichen Bedingungen unter allen Teilnehmern herrschten. Fair müsse es für alle sein.

Morgen Abend läuft Oscar Pistorius bei der 4x400-Meter-Staffel für Südafrika mit.

Vom Handicap zum Vorteil?

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