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Hameln. Die Aufgabe könnte so oder so ähnlich lauten: „Nennen Sie das Merkmal, das im Personalausweis des typischen Kommunalpolitikers steht.“ Die häufigste, ganz simple Antwort wäre vermutlich: Er ist „männlich“.

veröffentlicht am 11.08.2011 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 08.11.2016 um 05:41 Uhr

Auch in der „großen“ Politik sind Frauen noch klar in der Minderheit: Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) freut sich üb

Autor:

Catherine Holdefehr
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Politik als Männerdomäne ist ein häufig diskutiertes Thema. Nachdem Anfang des Jahres viel über eine gesetzlich verbindliche Frauenquote für Unternehmen verhandelt wurde, stellt sich die Frage, wie es bei den Parteien selbst aussieht. Ist das Bild der Politik als Männerdomäne nach Jahrzehnten der Emanzipationsbemühungen und Debatten um die Gleichberechtigung der Frauen passé oder sind Politikerinnen noch immer Exoten?

Ein Blick auf nackte Fakten zeigt zunächst: In der Stadt Hameln und dem Landkreis Hameln-Pyrmont gibt es mehrere weibliche Politiker, die wichtige Ämter innehaben. Oberbürgermeisterin Susanne Lippmann in Hameln, Bürgermeisterin Elke Christina Roeder in Bad Pyrmont und Silvia Nieber in Bad Münder. Auch zwei Bundestagsabgeordnete (Gabriele Lösekrug-Möller von der SPD und Jutta Krellmann von der Linkspartei), die Landtagsabgeordnete Ursula Körtner (CDU) und die Grünen-Landesvorsitzende Anja Piel sind hier zu finden.

Ein ganz anderes Bild ergibt sich jedoch auf den Listen zur Kommunalwahl am 11. September. 106 Frauen bewerben sich um ein Kreistagsmandat. Das sind 29 Prozent – weniger als ein Drittel. Im Vergleich zur letzten Wahl im Jahr 2006 bedeutet dies zwar einen leichten Anstieg um sechs Prozentpunkte, doch die Quote bleibt gering. Die Liste der Bewerber, die sich um ein Kreistagsmandat bemühen, zeigt Frauenquoten von rund 18 (FDP) bis 41 Prozent (Grüne). SPD und CDU kommen beide auf eine Frauenquote von circa 29 Prozent, die Linke nur auf 22.

Diese geringe Quote ist jedoch kein Phänomen, das nur im kommunalen Bereich zu beobachten ist, sondern zeigt sich auch auf anderen Ebenen. Von 16 Bundesländern werden nur drei von einer Frau regiert. Im Bundestag sind 32,9 Prozent der Abgeordneten Frauen. Zwar fällt im Sinne der Gleichberechtigung auf: Wir haben eine Kanzlerin – nun schon in zweiter Amtszeit – und ein Drittel des Bundeskabinetts ist weiblich. Ein anderer Fakt bleibt jedoch, dass die Ministerinnen vornehmlich sogenannten „weichen“ Politikfeldern vorstehen. Das Außen-, Innen-, Verteidigungs- oder Finanzministerium sind noch immer männlich besetzt.

Ursula Wehrmann, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Stadtrat Hameln, stört sich an einer Aufteilung in „klassische“ Männer- und Frauenaufgaben- und -themenbereiche. Ebenso wie Männer hätten alle Frauen – entsprechend ihrer Kompetenzen und Interessen – das Recht, alle Funktionen in der Politik auszufüllen.

Die Kreis-Gleichstellungsbeauftragte Kirsten Wente bemüht sich seit vielen Jahren, mehr Frauen zur Kandidatur zu bewegen. Mit dem Mentoring-Programm, in dem Mentorinnen und Mentoren Frauen bei ihren Anfängen in der Kommunalpolitik helfen, will sie die Zahl der Frauen, die sich um ein politisches Mandat bewerben, erhöhen. Das Programm sei erfolgversprechend, verkündet sie. Von den 15 beteiligten Frauen hätte sich in diesem Jahr ein Drittel für eine Kandidatur entschieden.

Den Hauptgrund dafür, dass Frauen noch immer weniger in der Politik aktiv sind als Männer, sieht sie im Zeitmangel. Trotz aller Bemühungen, die Kinderbetreuung auf Väter und Mütter gleichermaßen zu verteilen, sind es noch immer vor allem die Frauen, die sich um den Nachwuchs kümmern. Das koste viel Zeit, die mit dem Anspruch der ständigen Verfügbarkeit eines Politikers nur schlecht vereinbar sei.

Das müsse sich ändern, fordert Wente. Denn ein ausgeglichenes Verhältnis von weiblichen und männlichen Mandatsträgern sei wichtig. „Die Blickwinkel sind anders“, erklärt sie. Um Themen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und anzugehen, um die Wünsche und Sorgen einer möglichst große Zahl der Wähler zu verstehen, setzt sie auf die Kombination der männlichen und weiblichen Sichtweise. Ohne die Unterstützung des Partners und der Familie sei das nicht möglich, ergänzt Wehrmann. Positiv hebt sie hier die Möglichkeit hervor, sich zum Beispiel bei Ratssitzungen die Kinderbetreuung finanzieren zu lassen.

Dass Frauen einfach weniger Interesse daran haben, sich politisch zu engagieren, glaubt Wente nicht. Auch mit Blick auf die anstehende Kommunalwahl könne man das nicht behaupten: „Die Frauen sind da.“ Schuld seien teilweise die kommunalen Parteien, die Frauen noch immer nur hintere Listenplätze zubilligen würden. „Da sagen sich dann natürlich viele: Da komm‘ ich eh nicht rein.“ „Platzhirsche“ nennt Wehrmann diese männlichen Politikakteure, die die Listenplätze gerne unter sich ausmachen. Sie plädiert dafür – wie bei den Grünen üblich –, die Listen paritätisch zu besetzen. Betrachtet man die Listen der grünen Kreistagskandidaten, fällt jedoch auf, dass dieses Ziel nicht in allen Wahlbereichen erreicht wurde.

Nicht einmal ein Viertel der ersten Listenplätze aller Kreistagsbewerber wird von einer Frau besetzt. In Bad Münder treten für die Partei Die Linke umgekehrt nur Frauen und kein männlicher Kandidat an. Dafür kandidieren bei der FDP in Coppenbrügge/Salzhemmendorf und bei der Linken gleich in der Hälfte der Wahlbereiche keine weiblichen Bewerber. Der einzige Kandidat der Grünen in Bad Pyrmont ist männlich, ebenso wie die vier Kandidaten für das Landratsamt. „Ich bin für eine feste Frauenquote“, verkündet darum Kirsten Wente. Politik sollte von Frauen und Männern gleichermaßen gemacht werden.

Ob Politiker oder Politikerin – ein Merkmal wird ihnen gleichermaßen zugeschrieben: Sie sind alt, jedenfalls findet man Jugendliche in ihren Reihen sehr selten. Klischee oder Tatsache? Von den 371 Kandidaten, die sich um ein Kreistagsmandat bewerben, sind gerade einmal 32 unter 35 Jahre alt. Das sind knapp neun Prozent. Circa ein Drittel aller Kandidaten ist hingegen schon über 60 Jahre alt.

Deutlich wird das auch an den Berufen der Mandatsbewerber: Mehr als dreimal so häufig wie die Berufsbezeichnung Student, Auszubildender oder Schüler ist hier Rentner, Pensionär oder Ähnliches zu lesen. Einer gewissen Aussagekraft entbehrt dies nicht, wenngleich Alter und Geschlecht allein natürlich nicht als Bestimmung für den typischen Volksvertreter ausreichen. Bleibt die Frage, was der typische Kommunalpolitiker eigentlich hauptberuflich macht. Auffallend viele der Kreistagskandidaten sind (oder waren) Lehrer. Doch es finden sich auch viele Ingenieure wie auch einige Landwirte unter ihnen. Die Berufe sind insgesamt vielfältig und nicht auf einen einzelnen Bereich einzugrenzen.

Christine Lieberknecht regiert in Thüringen, Hannelore Kraft in Nordrhein-Westfalen und seit gestern Annegret Kramp-Karrenbauer im Saarland – von der Bundeskanzlerin ganz zu schweigen. In der Politik sind die Frauen im Kommen – so scheint es. Doch nicht nur auf kommunaler Ebene gilt: Politik ist keine Männerdomäne mehr, aber der Weg zur Geschlechter-Parität ist noch weit.



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