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hin/Neues Leben für Kasernen

Hamelns Stadtbaurat Hermann Aden zieht schon mal die Stirn kraus, wenn man ihn darauf anspricht. Der Chef der Volksbank Hameln-Stadthagen, Heinz-Walter Wiedbrauck, ist von den bisherigen Planungen, sagen wir mal, nicht gerade begeistert. Und recht viele der Hamelner Lokalpolitiker sind ob der großen Aufgabe in allererster Linie erst mal baff, was da alles auf die Stadt zukommt. Die Briten ziehen im kommenden Jahr ab, das ist schon seit längerem klar. Alles andere als klar ist dagegen, was mit den großen Flächen geschehen wird, die die Briten hinterlassen. Was wird daraus werden?

veröffentlicht am 12.12.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 12:21 Uhr

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Autor:

von thomas thimm und Denise Müller
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Die Linsingen-Kaserne zum Beispiel. Eher am Rande der Stadt als mittendrin, aber auch nicht gerade jwd, mit einer Fläche von 12,3 Hektar. Soll dort ein Bildungscampus entstehen? Will nicht die Hochschule Weserbergland, die Technische Akademie oder die Selbert-Schule dort hinziehen? Oder alle drei? Soll dort Wohnraum entstehen? Man weiß es nicht. Verwaltung, Politik, Öffentlichkeit denken mehr oder weniger laut nach. Ergebnisse gibt es noch nicht, Ideen werden in der Regel zunächst einmal ins Reich der Fabel verwiesen, eine wirklich öffentliche Diskussion findet kaum statt. Insgesamt geht es bei den von den Briten genutzten Liegenschaften um eine Gesamtfläche von 267 Hektar. Wir haben uns mal umgeschaut, wie andere Städte mit so etwas umgegangen sind.

Ines Thater steigt die steinernen Treppen zu ihrer Wohnung hinauf. Eine Zwischentür fällt zu, der Schall eilt das breite, kahle Treppenhaus empor. Hellhörig sei es schon, sagt die Studentin. Aber einen „Soldatencharakter“ habe das Haus nicht. Thater lebt in der Pferdemarktkaserne, einer ehemaligen Oldenburger Kaserne aus dem 19. Jahrhundert. Seit 1994 bewohnen Studenten das mächtige Backsteingebäude. Thaters Wohnung, die sie sich mit einer Mitbewohnerin teilt, sieht aus wie eine typische WG: Zusammengewürfeltes Mobiliar, warme Beleuchtung, Bilder an der Wand, Laptop auf dem Regal.

Das Treppenhaus zu Antje Berghaus’ Wohnung hat eher Parkhauscharakter – wenig überraschend, denn sie lebt im „Schuppen Eins“, einer ehemaligen Lagerhalle in der Bremer Überseestadt, die jetzt zum „Zentrum für Automobilkultur und Mobilität“ umgebaut wurde. Im Erdgeschoss sind Oldtimerwerkstätten, Cafés und Geschäfte eingezogen, 2014 soll ein Automuseum eröffnen. Im ersten Stock wurde das Dach entfernt. Hier ist eine Wohnstraße über dem Erdboden entstanden: 20 schnörkellose Lofts mit je 190 bis 380 Quadratmetern Fläche, Galerie und Terrasse zum Hafenbecken. „Als wir das zum ersten Mal angeschaut haben, da lagen noch tote Tauben in der Halle“, erinnert sich die Anwältin an den Zustand des Schuppens vor Umbau. Jetzt fährt sie mit dem Autoaufzug bis vor die Haustür. Antje Berghaus und Ines Thater haben eines gemeinsam: Sie leben in denkmalgeschützten Gebäuden, die einmal für einen Zweck gebaut wurden, den sie heute nicht mehr erfüllen können. Überall in Niedersachsen finden ehemalige Kasernen, Industrie- und Bürogebäude eine neue Bestimmung – und die ist durch den Mangel an Wohnraum in Städten vorgezeichnet.

In Bremen brachte die Grünen-Fraktion kürzlich einen Antrag ins Parlament ein, wonach es künftig einfacher sein soll, leerstehende Gewerbeimmobilien in Wohnraum umzuwandeln. „Wir sind im Norden hinten dran und in Bremen noch mal besonders hinten dran“, sagt Carsten Werner, baupolitischer Sprecher der Bremer Grünen. „Bei der Bauwirtschaft im Norden heißt es immer: Geht nicht, gibt’s nicht, kann man nicht.“ Im Süden Deutschlands gebe es viele Beispiele, wie so eine Umnutzung funktionieren könne.

Doch auch im Norden sind solche Projekte zu finden: Antje Berghaus und ihr Mann waren die Ersten, die im Mai 2013 eine Wohnung im Schuppen Eins bezogen. Lofts und exklusives Wohnen gebe es in Bremen schon, sagt Carsten Werner von den Grünen. Aber darum geht es nicht: Der Bedarf an Wohnungen ist vor allem im unteren Preissegment hoch.

In Oldenburg könnte bald ein weiteres Militärareal Abhilfe schaffen. Im Stadtteil Donnerschwee sollen auf ehemaligem Kasernengelände Wohnungen entstehen – Stadtvillen, Eigentums- und Mietwohnungen, barrierefreie Wohnungen, Senioren- und Sozialwohnungen, Wohnungen für Asylbewerber. „Diese Durchmischung ist ein großer Wunsch“, sagt Heike Tellkamp vom Stadtplanungsamt. Stadt und Investor regeln derzeit die Formalitäten, dann kann gebaut werden. „Ich gehe davon aus, dass ein Erstbezug im Frühjahr 2015 realistisch ist“, sagt Tellkamp.

Ines Thater lebt seit vier Jahren in ihrer Kasernenwohnung. „Da ich Geschichte studiere, fand ich es klasse, in einem historischen Gebäude zu wohnen“, sagt die 23-Jährige. Laut einer Umfrage des Immobilienportals Immonet kann sich gut ein Drittel aller Studenten vorstellen, in einer Kaserne zu wohnen, ein weiteres Drittel würde auch mit einem leerstehenden Bürogebäude vorliebnehmen. Thater findet, im Grunde sei es doch eine ganz normale Wohnung. „Ich komme einfach nur nach Hause.“

Was passiert, wenn die Briten aus Hameln abziehen? Eine ganze Kaserne wird frei, andere große Flächen in der Stadt ebenfalls. Wir haben uns umgeschaut, wie andere Städte mit einer solchen Mammutaufgabe klargekommen sind. Stillgelegte Kasernen, leerstehende Büros und Industriegebäude finden oft eine neue Bestimmung.

Wenn die Briten gehen

Hameln steht vor einer großen Herausforderung – wir haben geschaut, was andere Städte daraus gemacht haben

Die Liegenschaften der Briten in und um Hameln herum: Es handelt sich insgesamt um eine Fläche von 267 Hektar. Allein die städtebaulich relevanten Areale (in der Karte die Nummern 1, 3, 4, 5) haben eine Fläche von 55,5 Hektar.cn



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