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Was die Arbeit des Jugendamtes von der RTL-2-Serie unterscheidet

Hilfe für „Teenager in Not“ im echten Leben

Hameln. „Die 15-jährige Vicky hat ein massives Alkoholproblem und ist zigarettenabhängig. Die Schülerin setzt mit ihrem selbstzerstörerischem Verhalten alles aufs Spiel, droht von der Schule zu fliegen.“ Vicky (Name von der Red. geändert) hat in Hameln gewohnt. In der Serie „Teenager in Not“ bei RTL 2 wird ihre authentische Geschichte erzählt, ist sie zu sehen, wie sie trinkt, wie sie ausrastet. Dem Jugendamt ist der Fall bekannt – gleichwohl gibt es grundsätzlich keinerlei Auskunft zu Details. ,,Der Schutz von personenbezogenen Daten geht über den normalen Datenschutz noch hinaus“, sagt Jugendamtsleiter Andreas Kopp. Der Schutz der Kinder und Jugendlichen sei eines der höchsten Güter unserer Gesellschaft. Bleibt er gewahrt, wenn das Privatleben eines Mädchens – im TV mit seinem echten Namen zu sehen – derart öffentlich gemacht wird?

veröffentlicht am 17.10.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:05 Uhr

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Kerstin Hasewinkel

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Kerstin Hasewinkel Stv. Redaktionsleiterin zur Autorenseite
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Grundsätzlich verteufeln will der Jugendamtsleiter das Fernsehformat nicht: „Der Vorteil ist, dass ein Bewusstsein in der Öffentlichkeit für Probleme dieser Art geschaffen wird.“ Im Landkreis gibt es über 20 000 junge Menschen; im Alter bis zu 15 Jahren sind es 18 000. „In 570 Fällen werden Hilfen zur Erziehung gewährt“, so Kopp. Die Arbeit des Jugendamtes ist vielfältig: Unter anderem unterstützt es in Erziehungsfragen, berät bei Familienkonflikten wie Trennung oder Scheidung und engagiert sich in der Jugendsozialarbeit. Es gibt einen großen Strauß von Hilfeleistungen. Jugendliche sollen dabei unterstützt werden, ihren Weg selbstbewusst und selbstständig gehen zu können. Anonymität sei dabei nicht unerheblich: Durch die neuen Möglichkeiten, die Internet und sogenannte soziale Medien bieten, grassieren schnell kompromittierende Fotos im Netz. „So ein Fernsehformat kann da Auslöser sein“, sagt Nikola Stasko, stellvertretende Pressesprecherin beim Landkreis Hameln-Pyrmont. Es könne sein, dass die Jugendlichen ihre Vergangenheit – die eben für jedermann sichtbar dargestellt wurde – später einholt, beispielsweise bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz, warnt Kopp. Das Internet vergisst nicht.

Dabei hat der überwiegende Teil der jungen Menschen, die sich in Schwierigkeiten befinden und daher Kontakt zum Jugendamt haben, eine echte Chance, die Konflikte hinter sich zu lassen. „Hilfe gibt es aber nicht im Supermarkt“, sagt Kopp. „Bei dem, was wir anbieten, muss derjenige auch mitmachen.“ Mindestens zwei Jahre würden die jungen Menschen vom Jugendamt begleitet – dass dies im Fernsehen schneller zu gehen scheint, habe mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Auch der Privatsender schreibt sich auf die Fahnen, den Jugendlichen zu helfen.

Hat sich das Jugendamt im vorliegenden Fall etwa nicht gekümmert? Die Behörde muss mit Vorurteilen leben. Entweder es heißt, das Amt greife nicht ein oder aber es habe jemandem die Kinder „weggenommen“. Weil die Mitarbeiter keine Auskunft geben (dürfen), wissen Bürger, die entsprechende Hinweise geben und möglicherweise das Gefühl haben, es „passiere“ nichts, oft nicht, dass Familienhelfer längst eingeschaltet sind. Unbeteiligten gehe es oft nicht schnell genug, aber es gebe eben keine Hilfe auf Knopfdruck. Hinzu kommt: „Problematische Fälle wechseln häufig ihren Wohnort“, sagt Kopp, das Leben vieler Menschen sei nicht kontinuierlich. Manche Jugendliche seien dem Amt daher noch gar nicht bekannt – oder aber nicht mehr in seinem Zuständigkeitsbereich. Und „ein Kind wegnehmen“ könne das Jugendamt gar nicht. „Die Eltern sind sorgeberechtigt. Sollten sie ihrer Verantwortung nicht nachkommen, haken wir nach – entscheiden muss aber das Familiengericht“, sagt Jugendamts-Mitarbeiterin Kerstin Hobein. Nur in Krisensituationen, wenn Leib und Leben gefährdet sind und das Jugendamt davon erfährt, kann kurzfristig gehandelt werden. „Aber das ist das letzte Mittel“, so Hobein. Immer in Zusammenarbeit mit der Polizei, „für die wir im Übrigen per Notdienst immer zu erreichen sind“. Sogenannte Inobhutnahmen gibt es im Landkreis jährlich 40 bis 45. Wenn die Eltern einverstanden sind, dürfen die Kinder maximal 48 Stunden in Obhut, also aus der Familie, genommen werden. Hobein: „Dass die Eltern einverstanden sind, kommt häufiger vor, als dass sie ablehnen. Wenn sie nicht zustimmen, sind das die Fälle, die uns massiv beschäftigen, auch juristisch.“ Ziel ist es auch hier, einen Weg zu finden, dass das Kind oder der Jugendliche dauerhaft in die Familie zurückkehren kann. 110 Mädchen und Jungen leben zurzeit im Heim.

Die Meldungen an das Jugendamt nehmen zu, die Gesellschaft sei aufmerksamer geworden: „Das finden wir gut.“ Die Mitarbeiter nehmen jeden Konflikt ernst: Das kann auch der Streit sein, der dadurch entstanden ist, weil die minderjährige Tochter zu einer bestimmten Zeit zu Hause sein soll. Eltern fühlen sich ohnmächtig, dadurch können Krisensituationen entstehen. Was jahrelang schief gelaufen ist, könne aber nicht von heute auf morgen geregelt werden, ergänzt Stasko.

Viele kleine Schritte – kann ein Sender das leisten? „In jeder Folge von ‚Teenager in Not‘ wird einem Jugendlichen geholfen, der sich in großen Schwierigkeiten befindet und ohne professionelle Hilfe keinen Ausweg finden kann“, rechtfertigt ein Sprecher von RTL 2. Der Sender und die Therapeutin Sabina Hankel-Hirtz, die die Jugendlichen in der Sendung betreut, hätten mit „Teenager in Not“ bereits viele positive Impulse gesetzt, vom Erstgespräch über eine Intensivbetreuung hin zur Vermittlung an weitere Anlaufstellen. „Das Wohl der Jugendlichen steht an erster Stelle.“ Die Frage, inwieweit das damit vereinbar ist, dass die Familien sich vertraglich an den Sender binden und welche Zahlungen möglicherweise als Anreiz zum Mitmachen geschaffen werden, lässt der Sprecher offen: „Sie haben sicher Verständnis dafür, dass wir in Vertragswerke keine weiteren Einblicke gewähren können.“



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