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Außergewöhnliche Warenlieferung / Ärztin kauft MRT

Hightech am Haken

WANGELIST. Diese Anlieferung ist nicht alltäglich. Statt eines gewöhnlichen Paketwagens stehen frühmorgens ein 100-Tonnen-Autokran sowie ein Sattelzug mit einem 40-Fuß-Überseecontainer vor der Tür. Der Inhalt: ein 15 Tonnen schweres medizinisches Hightech-Gerät, ein Magnetresonanztomograph – kurz MRT genannt. Empfänger: Eine Privatpraxis in Wangelist. Dr. Heidi Stobbe investiert einen siebenstelligen Eurobetrag in die Technik ihrer neu bezogenen Praxisräume.

veröffentlicht am 30.12.2017 um 11:15 Uhr
aktualisiert am 09.01.2018 um 15:44 Uhr

Mit einem 100-Tonnen-Kran wird der Magnet eines Magnetresonanztomographen aus einem Überseecontainer gehoben.
Frank Neitz

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Frank Neitz Reporter / Fotograf zur Autorenseite
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„Was nicht passt, wird passend gemacht.“Ein am Bau oft gehörter Spruch – auch auf der Baustelle an der Zinngießerstraße. Hier war eine Maueröffnung zu schmal, um das medizinische Gerät in den 25 Quadratmeter großen Untersuchungsraum hieven zu können. Eine Fensteröffnung musste zuvor um 50 Zentimeter verbreitert werden. Auch der Boden wurde mit Spezialbeton verstärkt, erzählt Vermieter Peter Othmer.

Aus statischen Gründen, wie Cord Frieg vom Hersteller Hitachi sagt. „Gebäude haben meist nicht so starke Bodenplatten, die 15 Tonnen tragen können. Einer der drei Füße am Gerät überträgt allein schon einen Druck von über sechs Tonnen“ erklärt der Dipl.-Ing.. Frieg ist einer von zehn Technikern und Logistikern, die das MRT aufbauen.

Kranführer Christian Reschka drückt seinen Zeigefinger an den Joystick in seinem Fahrzeug. Verkleidungen und Schränke hob er bereits aus dem riesigen Container . Nun hat der fast 30 Meter weit ausgefahrene Kranarm das Herzstück der Anlage am Haken – den Magneten. „Der ist konstant magnetisch und kann nicht abgeschaltet werden. Der wird rund 80 Jahre die gleiche Magnetqualität haben“, weiß Frieg.

Dr. Heidi Stobbe zieht mit ihrer Praxis nach Wangelist und investiert in ein MRT. Foto: fn
  • Dr. Heidi Stobbe zieht mit ihrer Praxis nach Wangelist und investiert in ein MRT. Foto: fn
Auf Luftkissen gleitet der Magnet ins Gebäude. Foto: fn
  • Auf Luftkissen gleitet der Magnet ins Gebäude. Foto: fn

Dies sei auch der Grund, warum das zwei Meter hohe Stückgut im Container von Stahlplatten umgeben war. Nicht als Transportschutz auf dem Seeweg von China nach Hamburg. „Die schirmen das Magnetfeld ab. Wenn auf dem Schiff in nebenstehenden Containern Festplatten liegen sollten, würden die kaputt gehen“, sagt der Hitachi-Mitarbeiter.

Den Moment, in dem der 15 Tonnen schwere Koloss am Kran hängt, hält Heidi Stobbe mit der Handykamera fest. Die Orthopädin und Unfallchirurgin zieht zum Jahreswechsel mit ihrer Praxis vom Hefehof nach Wangelist. Das Ganzkörper-MRT in einer rundum offenen Bauweise sei Teil eines Praxis-Konzepts, verrät die Ärztin. Die Medizinerin investiert in Wangelist einen siebenstelligen Eurobetrag.

„Ein Patient kann so in meiner Praxis die komplette Versorgung bekommen. Von der Diagnose bis hin zur Krankengymnastik“, erklärt Stobbe. Mit der Technologie könne sie ganz ohne Strahlenlast arbeiten, auch gezielt Injektionen unter Kontrolle setzen. Hinzu komme, dass Patienten auf einer offenen Liege statt in einer engen Röhre untersucht werden.

Durch eine schmale Maueröffnung muss schließlich auch das Herzstück des MRT in den Behandlungsraum gebracht werden. Mit drei Bar Druck aufgeblasene Luftkissen ermöglichen es, dass die 15 Tonnen-Anlage ins Gebäude geschoben werden kann. Ähnlich wie ein Hovercraft-Fahrzeug gleitet die Transportkiste mit dem Magneten in den Raum.

Ein Großteil der Technik im Behandlungsraum bleibt Patienten verborgen. Innenausbauer haben die Wände rundum mit Stahl verkleidet. „Das ist wie bei einem ein Faradayschen Käfig. Wir wollen nicht, dass irgendwelche Störungen hier drin landen. Alles wird abgeschirmt. Auch benötigte Kabel gehen nicht in den Raum, sondern sind galvanisch entkoppelt. Alles was leitend ist, würde den Faradayschen Käfig aufheben“, erklärt Frieg.

Die drei Füße des offenen MRT stehen auf einem vibrationsentkoppelten Material – auf in Kunststoffharz gegossenen Bleikügelchen. „Die sorgen dafür, dass aus dem Gebäude kommende Vibrationen nicht in den Magneten gelangen und umgekehrt“, betont der Ingenieur.

„Bis so ein Gerät steht, hat man schnell eine Million Euro ausgegeben“, erzählt Cord Frieg. Hitachi habe weltweit 6500 Magnete dieser oder ähnlicher Bauform vertrieben, sagt der Gesundheitsökonom. In Deutschland verkaufte das Unternehmen etwa 2700 MRTs, davon zirka 80 in der offenen Bauart. Zwei davon stehen jetzt in der Rattenfängerstadt. Vor Kurzem hat Hitachi einen offenen Magnetresonanztomographen an das Radiologie Zentrum Hameln am Kastanienwall geliefert.

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