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Für Arbeitskräfte aus dem Osten der EU fallen zum Mai 2011 die letzten Einschränkungen

Helfer aus der Ferne ernten deutsche Pilze

Kasia Wykpisz (19) aus dem polnischen Kolo ist zum ersten Mal in Höfingen – zur Pilz-Ernte bei der Firma „Weser-Champignon“. Ihre Mutter, eine Tante und andere Freunde waren schon vor ihr dort. „Sehr gute Arbeit“ sei das, hatten sie berichtet, wie Kasia in gebrochenem Deutsch erzählt. Deshalb habe sie sich beworben und sei froh, jetzt hier arbeiten zu dürfen. Das gehe so gut, „weil die Grenze zu Deutschland offen ist“. Die junge Frau erklärt: „Ich verdiene mehr als in Polen, auch wenn es nur Grundlohn ist, den ich bekomme. Ich pflücke noch nicht gut genug. Bin ja erst drei Wochen hier.“ Rund 1500 Euro wird Kasia Wykpisz laut Inhaber Ferdinand Dohme in einem Monat verdienen – abzüglich 49 Euro für die Unterkunft in einem „schönen Zimmer zusammen mit einer anderen Frau“, wie Kasia sagt.

veröffentlicht am 03.06.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 11.11.2016 um 19:21 Uhr

„Sehr gute Arbeit“: Bei der Firma „Weser-Champ

Autor:

Wolfhard F. Truchseß
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In der Europäischen Union herrscht grundsätzlich ein freier Personen- und Warenverkehr. Für den Warenverkehr ist das schon seit Jahrzehnten Wirklichkeit, inzwischen gilt die Regelung auch für die Beitrittsländer aus dem ehemaligen Ostblock. Beim freien Personenverkehr existieren für osteuropäische Arbeitskräfte noch Einschränkungen: Bei der Aufnahme Polens in die EU setzte Deutschland beispielsweise eine Frist bis zum 30. April 2011 – bis dahin benötigen polnische Staatsbürger eine Arbeitserlaubnis, wenn sie hier einen Job annehmen wollen. Für Saisonarbeiter aus Polen gilt: Maximal drei Monate können sie zum Beispiel bei Dohme in dem Dorf nahe Hessisch Oldendorf Champignons pflücken, im Nienburger Land Spargel stechen oder auf Erdbeerplantagen im Weserbergland die roten Früchte einsammeln.

Die Saisonkräfte sind auch sonntags im Einsatz

Wie das mit der Bewerbung läuft, beschreibt Dohme als Deutschlands größter Champignon-Produzent so: „Da flattern Faxe oder andere Bewerbungen bei mir auf den Tisch. Ich gebe meine Namensliste an die Arbeitsagentur und die ZAV, die Zentrale Auslandsvermittlung der Arbeitsagentur erledigt dann den arbeitsrechtlichen Rest.“ Rund 200 ausländische Mitarbeiter beschäftigt Dohme. 60 von ihnen sind Saisonkräfte, auch wenn es in der Pilzproduktion eigentlich keine Saison gibt: Die Champignons wachsen in den konstant temperierten Hallen zu jeder Jahreszeit. Der Vorteil der Saisonkräfte: „Sie sind auch an Sonn- und Feiertagen im Einsatz, wenn meine anderen Mitarbeiter lieber bei ihren Familien bleiben“, berichtet Dohme.

Neben den Frauen aus Polen beschäftigt Dohme vor allem Türkinnen, Vietnamesinnen und Thailänderinnen. Die Arbeitserlaubnis für die Vietnamesinnen geht auf eine Sondergenehmigung zurück: Sie gehörten zu den rund 30 000 in der DDR lebenden Menschen aus Vietnam, die nach der Wiedervereinigung in der Bundesrepublik bleiben durften. Die Türkinnen sind manchmal schon in zweiter Generation bei Dohme – so wie die 42-jährige Dudu Gavas, die 1974 nach Deutschland kam, es bei Dohme zur Vorarbeiterin gebracht hat und die Neuen anlernt. Die Thailänderinnen sind Ehefrauen deutscher Männer.

Die 31-jährige Christin Wissing sucht einen Job im Ausland, die ZAV hilft ihr dabei.

Die ZAV vermittelt übrigens nicht nur Ausländer nach Deutschland, sondern hilft auch Deutschen, wenn sie im Ausland eine Stelle suchen. Rund 9400 Menschen hat sie im Jahr 2008 bei der „Integration ins Ausland“ geholfen, wie es bei der ZAV heißt. An der Spitze steht dabei ein Land, das nicht einmal EU-Mitglied ist – die Schweiz. Die 31-jährige Christin Wissing nimmt derzeit die Dienste der ZAV in Anspruch. Sie kann sich vorstellen, als gelernte Pharmazeutisch-Technische Assistentin (PTA) in die Schweiz zu gehen und hofft, sich Ende Juni auf einer Job-Messe in Bremen einem Arbeitgeber aus dem Alpenland vorstellen zu können. An der Spitze der ins Ausland vermittelten Berufe stehen übrigens die Leute vom Bau.

So rechtlich sauber wie im Zusammenspiel mit der ZAV geht es auf dem Arbeitsmarkt nicht überall zu. In Deutschland boomt die Schwarzarbeit. Steuern und Sozialabgaben zu hinterziehen und Niedrigstlöhne zu zahlen, um den Gewinn zu maximieren, werde über die Grenzen hinweg immer wieder versucht, weiß Holger Bährens. Seit 2002 ist er Sachgebietsleiter der Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) beim Hauptzollamt Braunschweig, das auch die Landkreise Hameln-Pyrmont und Holzminden „betreut“. Seit Anfang 2004 bekämpfen Spezialkräfte der Bundesagentur für Arbeit und der Zoll gemeinsam die Schwarzarbeit. Rund 150 Beamte der FKS haben von Braunschweig, Göttingen und Hildesheim aus als „Ermittlungspersonen der Staatsanwaltschaft“ Unternehmen vieler Branchen im Visier: „Reinigungsfirmen, den Bau, das Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe, die Personenbeförderung, Briefzusteller, Schausteller, forstwirtschaftliche Betriebe“, nennt Bährens Beispiele.

Selbstständigkeit nur zum Schein?

Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt der EU bedeutet nicht, dass jeder tun und lassen kann, was er will, macht Bährens deutlich. Freizügigkeit gelte zum Beispiel für einen polnischen Fliesenleger, der in Deutschland einen Handwerksbetrieb gründe. „Wenn er sich aber mit zehn anderen Fliesenlegern auf einem Bau an einem Gewerk beteiligt, kommt der Verdacht der Scheinselbstständigkeit auf. Dem gehen wir dann nach.“ Ebenso werde geprüft, ob die im Arbeitnehmer-Entsendegesetz festgelegten Mindestlöhne gezahlt und menschenwürdige Unterkünfte gestellt werden. Die Beamten des Hauptzollamts Braunschweig prüfen „verdachtslos“, befragen Beschäftigte und ihre Arbeitgeber und nehmen vor Ort Datenabgleiche vor, um festzustellen, ob alles ordnungsgemäß gemeldet ist. 1637 Bußgeldverfahren wurden im vorigen Jahr abgeschlossen und Geldbußen in einer Gesamthöhe von 1,8 Millionen Euro verhängt. 14 689 Personen wurden von den Beamten befragt und 935 Arbeitgeber vor Ort überprüft. Es gab 157 Strafverfahren wegen Vorenthaltung von Sozialbeiträgen und 2462 wegen Betrugs, aber nur 20 wegen illegaler Ausländererwerbstätigkeit. Ein Bereich der früher oft zu Beanstandungen Anlass gab, sei „wesentlich besser geworden“, merkt Bährens an: die Saisonarbeit.

Lesen Sie morgen: Es werde Licht – ohne die Glühbirne. Wie die EU Einfluss auf das tägliche Leben nimmt.



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